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Fussball

Österreichs U21-Teamchef Werner Gregoritsch im Interview: "Da sind Hinteregger die Tränen gekommen"

Werner Gregoritsch trainiert seit 2012 die österreichische U21-Nationalmannschaft.

Der langjährige österreichische U21-Teamchef Werner Gregoritsch betreute fast alle aktuellen A-Nationalspieler. Im Interview mit SPOX und Goal berichtet er vom Sturschädel Martin Hinteregger, Sonderfall Sasa Kalajdzic, der deutschen Mentalität der Salzburger Akademie-Absolventen und seinem lustigen Sohn.

Michael Gregoritsch debütierte einst im Alter von 15 Jahren unter seinem Vater für die SV Kapfenberg, später arbeitete er mit ihm auch bei der U21-Nationalmannschaft zusammen. Werner Gregoritsch erzählt vom schwierigen Vater-Sohn/Trainer-Spieler-Verhältnis, einem Trainingseklat und der sensiblen Seite seines Sohnes.

Herr Gregoritsch, Sie sind mittlerweile seit über neun Jahren österreichischer U21-Teamchef. Bei welchem Spieler waren Sie am sichersten, dass er den großen Durchbruch schafft?

Werner Gregoritsch: Christoph Baumgartner. Bei seiner Mischung aus fußballerischem Talent, Mentalität und Charakter war es komplett klar, dass er seinen Weg gehen wird. Ich hätte aber nicht gedacht, dass er es so schnell schafft. Seine Entwicklung ist unfassbar. Bei ein paar anderen war ich mir ähnlich sicher wie bei ihm, vor allem bei Martin Hinteregger, Marcel Sabitzer, Konrad Laimer und Xaver Schlager.

Hinteregger hat sich bei Eintracht Frankfurt mittlerweile den Ruf als Kultkicker erarbeitet, der vielleicht auch mal aneckt. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Gregoritsch: In den jüngeren U-Nationalteams hat der Martin aufgrund verschiedenster Probleme nicht so oft gespielt. Er war immer schon ein Sturschädel. Zwischen uns beiden hat die Chemie aber sofort gepasst. Wahrscheinlich, weil wir beide sehr direkt sagen, was sie denken. Der Martin ist ein grundehrlicher und geerdeter Mensch. Ich habe ihn nie als Streithansl erlebt. Wir haben bis heute ein sehr gutes Verhältnis zueinander.

Können Sie sich an Ihr erstes Gespräch mit ihm erinnern?

Gregoritsch: Ja, sehr gut sogar. Ich kannte seinen Ruf und habe ihm direkt gesagt: "Ich will mich wegen dir nicht rumärgern und keinen Stress haben. Willst du für die U21 spielen oder nicht?" Er hat geantwortet: "Ja, das will ich." Und genau das hat er dann auch gezeigt. Er war bei uns ein absoluter Führungsspieler, ist immer cool geblieben und ganz selten emotional geworden. Seine Mitspieler haben ihn bewundert und zu ihm aufgeschaut.

Ist er nie aus sich herausgegangen?

Gregoritsch: Wirklich emotional habe ich ihn nur einmal erlebt - und zwar im positiven Sinne. Als sein Geburtstag auf einen Lehrgang fiel, habe ich ihn just an dem Tag zum Kapitän gemacht, was gar nicht vorhersehbar war. Da sind ihm vor lauter Freude die Tränen gekommen. Negativ emotional wird er nur, wenn die Einstellung von Mitspielern nicht passt oder wenn man unehrlich zu ihm ist.

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Hinteregger ist genau wie Xaver Schlager bekannt dafür, dass er gerne Bier trinkt. Haben Sie mit Ihnen im Rahmen der U21 mal angestoßen?

Gregoritsch: Bei den Lehrgängen ist Alkohol generell verboten und das wird auch konsequent durchgezogen. Sogar nach der erfolgreichen Qualifikation für die U21-EM 2019 und nach dem Turnier selbst wurde diese Regel nicht gebrochen. Ich sage aber auch ganz ehrlich: Persönlich habe ich kein Problem damit, wenn erwachsene Profis ein Bier trinken und vielleicht auch mal eines zu viel. Solange das die Leistung nicht beeinflusst, ist mir das egal.

Hat sich der Umgang der Spieler mit Alkohol im Laufe Ihrer Zeit als U21-Teamchef gewandelt?

Gregoritsch: Ja, die Spieler sind professioneller geworden und achten mittlerweile viel besser auf ihre Körper. Das liegt am jahrelangen Leben in den Akademien und der zunehmenden Anzahl an Spielen selbst in diesem jungen Alter. Wenn ein junger Spieler heute so leben würde wie ich früher in dem Alter, hätte er keine Chance. Aber auch vor zehn Jahren war es noch anders. Während meiner ersten Jahre als U21-Teamchef hatte ich zwar auch schon Akademie-Absolventen in der Mannschaft - wie beispielsweise meinen Sohn -, aber bei weitem nicht so viele wie heute. Einige meiner damaligen Spieler waren noch keine Stammspieler bei Profiklubs, haben teilweise noch in Reservemannschaften oder bei Regionalligaklubs gespielt. Da hat man weniger Druck und mehr Zeit, mal ein Bier zu trinken.

Was hat sich durch das Aufkommen der Akademien noch geändert?

Gregoritsch: Die Fußballer sind viel polysportiver geworden. Anders als heute konnte früher beispielsweise kaum einer turnen. Ich weiß noch, dass am Anfang meiner Trainerkarriere alle erstaunt waren, wenn ich einen Salto von einem Trampolin über einen Kasten vorgemacht habe. Heute bejubelt gefühlt jeder zweite seine Tore mit einem Salto.

Ein ehemaliger Spieler von Ihnen und jetziger A-Nationalspieler, der nie auf einer Akademie war und bis zu seinem 18. Geburtstag beim Viertligisten SR Donaufeld gespielt hat, ist Sasa Kalajdzic vom VfB Stuttgart. Haben Sie bei ihm einen Unterschied zu den Akademie-Spielern gemerkt?

Gregoritsch: Ja, beim Sasa ist mir eine besondere Unbekümmertheit und Stressresistenz aufgefallen. Damit hat er sich von vielen Akademie-Spielern abgehoben. Einen Weg wie Sasa gehen heutzutage ganz wenige.

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Finden Sie es gut, dass fast nur mehr Akademie-Spieler den Durchbruch schaffen?

Gregoritsch: Für unseren Fußball auf jeden Fall. Die Akademien sind der entscheidende Grund, warum unsere U21 und das A-Nationalteam in den vergangenen Jahren immer erfolgreicher wurden. Gleichzeitig wird den Spielern in den Akademien aber ihre Jugend gestohlen. Das habe ich auch bei meinem Sohn beobachtet.

Wie hat sich das geäußert?

Gregoritsch: Er hat dem Fußball von jungen Jahren an alles untergeordnet, was natürlich auf Kosten der Freizeit ging. In der Früh noch vor der Schule das erste Training, dann Unterricht, dann das Mannschaftstraining und dazu teilweise noch Individualeinheiten. Wenn ich ihn am Abend vom Training abgeholt habe, ist er bei der Heimfahrt im Auto immer eingeschlafen. Der war völlig fertig. Die Wochenenden standen dann sowieso ganz im Zeichen des Fußballs, zeitweise hat er gleichzeitig für die Reserve und die Profis gespielt. Wegen all der Opfer dieser jungen Spieler versuche ich, in meinen Mannschaften immer ein gutes Klima zu schaffen. Es ist mir wichtig, dass alle einen Spaß miteinander haben.

Welcher Ihrer Spieler hatte in all den Jahren den besten Schmäh?

Gregoritsch: Am meisten gelacht wurde mit meinem Sohn, mit ihm hatten alle die meiste Gaudi. Der Michi ist einfach für jeden Blödsinn zu haben. Auf einem ähnlichen Niveau waren Maxi Wöber mit seinem staubtrockenen Humor und Alex Schlager.

Valentino Lazaro gilt als begeisterter Sänger. Hat er seine Fähigkeiten mal zum Besten gegeben?

Gregoritsch: Alleine nicht, aber ich weiß von einigen meiner Spieler, dass Musik in ihren Leben eine wichtige Rolle spielt. Wenn es grad lustig ist und die Situation passt, singe ich auch gerne. Musik ist wichtig für eine Gemeinschaft. Nach Siegen singen wir bei der U21 immer das gleiche Lied - aber ich will nicht verraten, welches. Das ist ein Ritual und bleibt im Kreis der Mannschaft.

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