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Fussball

Die DFB-Elf und ihr größtes Problem: Flicks verzwicktes Stürmer-Puzzle

Von Stefan Rommel

Das Land der Mittelstürmer hat keinen Mittelstürmer mehr - und Bundestrainer Hansi Flick vor seinem Debüt als Bundestrainer im WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein am Donnerstag (20.45 Uhr, LIVETICKER) deshalb ein veritables Problem. Optionen gibt es genug, aber keine will so richtig passen.

Es könnte doch so einfach sein: Flanke, Kopfball, Tor. Eine der einfacheren Strategien des Fußballs, sauber ausgeführt aber seit jeher eine Waffe. Damit kann man, wie Portugal und CR7, sogar Spiele gewinnen und Rekorde aufstellen und deutsche Nationalmannschaften haben sich mit dieser simplen Formel in zahlreiche WM- und EM-Endspiele manövriert.

Die Zutaten dafür sind allerdings entscheidend und da hapert es im deutschen Fußball schon seit einigen Jahren ganz gewaltig. Mit dem Rücktritt von Miroslav Klose, spätestens aber mit jenem von Mario Gomez geht der Nationalmannschaft ein "echter" Mittelstürmer ab.

Ein Spieler, der am und im Strafraum lauert, einen oder zwei Gegenspieler bindet und auf Momente wie diese spezialisiert ist: Weil er schneller denkt als der Gegner, seinen Körper akkurat einsetzt, den Ball zur Not irgendwie über die Linie rumpelt.

Kein Ronaldo, kein Kane, kein Lewandowski, kein Haaland

Im Land der Mittelstürmer - der Seelers, Müllers, Hrubeschs Rummenigges, Völlers, Klinsmanns, Bierhoffs, Kloses - fehlt ein Mittelstürmer. Das ist kein besonders neues Problem, eigentlich war das schon vor zehn Jahren absehbar, als Klose über 30 Jahre alt war - die drohende Gefahr aber offenbar nicht durchsickerte in die Trainerstuben der Nachwuichsleistungszentren.

Und weil es auch im Profibereich irgendwann schick war, mit einer falschen Neun zu spielen, galt der klassische Torjäger als Relikt aus alten Tagen. Deutschland stellte die Produktion einfach ein - und hat nun mit den Folgen dieser fragwürdigen Entwicklung massiv zu kämpfen.

Jedenfalls hat Joachim Löw seinem Nachfolger Hansi Flick keinen Mittelstürmer hinterlassen, weil Löw ja auch keinen mehr geliefert bekam aus den deutschen Nachwuchsschmieden. Die Produktion läuft zwar so ganz langsam wieder an, das Problem ist als solches erkannt und wird nun angegangen.

Für die nahe Zukunft wird sich Bundestrainer Flick aber mit einigen provisorischen Alternativen behelfen müssen. Spieler wie Cristiano Ronaldo, Ciro Immobile, Harry Kane, Robert Lewandowski, Karim Benzema, Luis Suarez, Romelu Lukaku oder Erling Haaland: Die gibt es in Deutschland nicht.

Klopp über DFB-Elf: "Warum haben wir das nicht?"

"England hat mindestens sieben klassische Mittelstürmer, die in der Nationalmannschaft spielen könnten. Warum haben wir das nicht? In der Breite haben wir das nicht. Irgendwo müssen die Spieler ja herkommen", sagt Jprgen Klopp. Und der muss es als Kenner des deutschen Fußballs mit einem Arbeitsplatz in England wohl wissen. Von den "paar Buben, die da rumlaufen", wäre es "schon cool, wenn da langfristig ein Mittelstürmer bei rauskommen würde", sagt Klopp außerdem. Oder besser: Er hofft das.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft an diesem Donnerstagabend in die Ära Hansi Flick startet, mit einem Spiel der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein, dann geht der neue Bundestrainer seine Mission an mit einem Problem des alten Bundestrainers. Flick hat nicht das Personal für "Flanke, Kopfball, Tor". Das mag gegen Liechtenstein, als Nummer 189 der Welt eingebettet von Bangladesh und Brunei Darussalam, keinen großen Einfluss haben. Für die Dauer seiner Amtszeit und im Hinblick auf spätestens die Heim-EM in drei Jahren aber sehr wohl.

Flick wird im ersten Schritt seinen Fußball implementieren und alle Spieler, die nicht zufällig beim FC Bayern auf der Gehaltsliste stehen und deshalb Flicks Ideen schon bestens vertraut sind, werden sich daran erst noch ein bisschen gewöhnen müssen. Flick hat einen aktiven, mutigen Stil ausgerufen, mit hohem Anlaufen und im besten Fall hohen Ballgewinnen und deshalb kurzen Wegen zum Torabschluss.

"Ich will eine Mannschaft sehen, die aktiv ist, die den Ball haben will, die viele Optionen anbietet, die den Gegner unter Druck setzt. Wir wollen Spieler auf dem Platz haben, die sich gegenseitig unterstützen, coachen, pushen. Ich will Leben auf dem Platz sehen. Das ist für uns entscheidend. Die anderen Dinge kommen von alleine", sagt Flick und womöglich hofft er es auch ein bisschen.

WM-Qualifikation: Die Tabelle der Gruppe J

RanfMannschaftSp.SUNTorePkt.
1Armenien33006:29
2Nordmazedonien32019:46
3Deutschland32015:26
4Rumänien31025:63
5Island31024:63
6Liechtenstein30031:100

DFB-Team: Keine Optimalbesetzung für das Zentrum

Eine deutsche Nationalmannschaft wird jedenfalls immer auch sehr oft selbst das Spiel machen müssen und auf Gegner treffen, die sich an und in den eigenen Strafraum zurückziehen. Wie schwer solche Gegner zu bespielen sind, musste die Mannschaft in drei von vier Partien der Europameisterschaft erfahren. Von verhaltenen (Frankreich, England) bis zu komplett destruktiven Gegnern (Ungarn) war da alles dabei.

Mit dem aktuellen Personal kann die Mannschaft am Boden einiges ausrichten, auch wenn es keinen klassischen Stoßstürmer gibt. Spieler wie Serge Gnabry oder Timo Werner sind durchaus so zu integrieren, dass sie als hybride Lösung sowohl am Spielfluss teilnehmen können als auch als Torjäger in Erscheinung treten.

Aber beide enttäuschten bei der zurückliegenden EM im Zentrum und sind auf Grund ihrer Geschwindigkeit auch sehr reizvolle Konterspieler und über die Halbspur gefährlicher als im Sturmzentrum.

Ähnlich liegt der Fall bei Marco Reus, der als hängende Spitze oder Spielgestalter dahinter beim BVB mit seinem Zielspieler Haaland kreative Momente und erhebliche Torgefahr produzieren kann. Als am höchsten postierter Spieler ist der Routinier aber verschenkt, Reus braucht das Spiel und Tiefe vor sich. Mit dem Rücken zum Tor ist er zu vieler seiner Stärken beraubt.

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DFB: Flick hat zwei Optionen in der Hinterhand

Thomas Müller, der wegen Adduktorenproblemen kurzfristig Flicks erste drei Länderspiele verpasst, könnte aushilfsweise in der Spitze agieren, aber auch beim bald 32-Jährigen ist die Situation ähnlich wie bei Reus: Müller schwirrt im Klub um einen klaren Zielspieler herum, ist eher der Spieler für die zweite Welle oder einen zweiten Ball. Und natürlich in vorbereitender Rolle unverzichtbar für die Mannschaft.

Bleiben noch Kai Havertz und Karim Adeyemi. Havertz erscheint derzeit als die beste Lösung, kennt die Rolle auch vom FC Chelsea und hat gezeigt, dass er alles mitbringt, um als Vollstrecker zu agieren. Sogar ein brauchbares Kopfballspiel.

Für Adeyemi sind Aufgaben dieser Kategorie im wahrsten Sinne des Wortes noch eine Nummer zu groß. Der 19-Jährige ist mit seiner Schnelligkeit ein herausragender Konterspieler, wird sich nun aber im ersten Schritt an die Umgebung bei der Nationalmannschaft gewöhnen müssen. Womöglich wird er gegen Liechtenstein schon seine ersten Einsatzminuten bekommen, aber als Spielertyp und auf Grund der massiv fehlenden Erfahrung fällt Adeyemi als zentraler Angreifer der deutschen Mannschaft eher aus.

Immerhin gibt es mittelfristig noch zwei andere Optione, die für Flick bei seinem ersten Dreierschlag als Bundestrainer noch keine Option waren: Praktischerweise spielt Lukas Nmecha ab sofort in Wolfsburg vor, Flick kann den U-21-Europameister also bei Bedarf fast jedes Wochenende live beobachten.

Und Youssoufa Moukoko gilt als Versprechen für die Zukunft. Dortmunds große Hoffnung spielt am Donnerstag kurz vor der A-Nationalmannschaft gegen San Marino (19 Uhr) erstmals bei der U 21 vor. Moukoko ist ja erst 16 Jahre alt. Es bliebe also noch genug Zeit, eine neue Ära im deutschen Fußball zu prägen.

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