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Fussball

Hertha BSC: Trikot-Eklat ist die größte Niederlage der Berliner Spieler

Dass die Profis von Hertha BSC nach der erneuten Pleite gegen Union ihre Trikots auszogen, ist der Emotion der Fans geschuldet und erinnert an frühere Zeiten. Doch die Ultras müssen sich die Frage stellen, was ihre Aktion bewirken soll. Und die Hertha-Spieler hätten mehr Rückgrat beweisen sollen. Ein Kommentar.

Giandomenico Mesto weinte bittere Tränen, Alberto Gilardino verstand die Welt nicht mehr, Marco Rossi sammelte Trikots und Giuseppe Sculli ging auf Konfrontation. Der 22. April 2012 hat sich als einer der denkwürdigsten Tage in der Geschichte des italienischen Fußballs verewigt.

Der FC Genua lag zu Hause gegen den AC Siena mit 0:4 in Rückstand - es war ein Duell zweier Abstiegskandidaten kurz vor Ende der Saison in der Serie A. Nur wollte man in Genua diesen Fakt nicht wahrhaben, sah man sich nach einigen Transferperioden, die einige illustre Namen wie eben Gilardino, Frey, Kakhaber Kaladze, zuvor Luca Toni oder Rafinha nach Genua gebracht hatten, als Kandidat für die obere Tabellenhälfte.

Aber der Kader war über die Jahre so wild zusammengestellt worden, dass der Abstiegskampf eigentlich programmiert war. An diesem April-Tag brannten dann die Sicherungen bei einigen Anhängern durch. 60 Stadionbesucher stürmten nach dem 0:4 kurz nach Wiederanpfiff den Rasen und forderten die Spieler auf, ihre Trikots auszuziehen.

Schiedsrichter Paulo Tagliavento und die Siena-Spieler verließen unter Applaus den Platz. "Jetzt gehört der Rasen uns", schien die Message zu sein. Die Polizei und die sogenannten Sicherheitskräfte standen rum, als wäre es das normalste Welt, doch sie waren geübt im Nichtstun.

Trikot-Eklat: In Genua brachte er sportlich gar nichts

Schon mehrmals hatten die Genua-Anhänger ihren Spielern einen Besuch im Training abgestattet. Auch nach Spielen wurden sie immer wieder direkt zur Rede gestellt. Jetzt aber ging es den Spielern direkt ans Hemd.

Kapitän Marco Rossi sammelte auf Aufforderung fast alle Trikots ein - nur Giuseppe Sculli, dessen Familiengeschichte (sein Opa war ein Mafioso) ihn wohl gelehrt hat, vor Gewaltandrohung keine Angst zu haben, weigerte sich. Sculli war längst ausgewechselt, posierte aber mit Trikot auf dem Rasen und zeigte an: "Mein Hemd bekommt ihr nicht!" Er durfte es auch behalten.

Der Vorfall aus Genua, den die Repubblica als "Kapitulation des Calcio" bezeichnete, hatte für den Klub sportlich keine Folgen. Das Spiel wurde 45 Minuten später fortgesetzt, Genua verlor dieses und noch weitere drei von fünf Ligaspielen und blieb trotzdem in der Serie A, weil Siege gegen die bereits geretteten Konkurrenten aus Cagliari und Palermo reichten und weil Abstiegskonkurrent Lecce aus den letzten fünf Spielen nur einen Punkt holte.

Die Genua-Ultras dürften sich also nicht auf die eigene Schulter klopfen, dass sie es waren, die den Abstieg verhindert hatten. Ihre Wirkung auf die Geschichte äußerte sich anders: Denn die Trikot-Aktion fand weltweit unzählige Nachahmer. Vom feurigen Südamerika bis in die an sich beschauliche Schweiz. Frag nach bei den Grasshoppers aus Zürich.

Hertha BSC: Fans sorgten schon mit Trainingsbesuch für Ärger

Wie man am Samstagabend in Berliner Olympiastadion sah, hat man auch dort 2012 nicht vergessen. Den Hertha-Fans kann man zugutehalten, dass sie zumindest bis zum Schlusspfiff darauf gewartet haben, die Profis aufzufordern, ihre Trikots auszuziehen. Nach ein paar heftigen Worten folgten Maximilian Mittelstädt und einige andere Hertha-Profis gehorsam der Aufforderung legten ihre Uniform ab.

Man kann es sich sicherlich einfach machen und die Aktion pauschal verurteilen. Und man würde damit sicherlich auch nicht komplett falsch liegen. Nimmt man mal die Emotionalität aus der Sache und verlagert die Szenerie in die Öffentlichkeit und auf die Straße: Man stelle sich vor, man wird genötigt, sich den Pulli auszuziehen, weil... ja, eigentlich völlig egal, warum. Es hätte eine strafrechtliche Relevanz.

Nun erlaubt sich der Fußball gerne mal, öffentliche Gesetze zu ignorieren. Das wird bis zu einem gewissen Grad selbst von den Ordnungshütern geduldet. Doch was ist okay und was nicht? Fußball-Deutschland sprach tagelang über den "Trainingsbesuch" von ein paar Hertha-Ultras bei einer Einheit ihrer Mannschaft im Januar. Wie damals in Genua.

Hertha BSC: Fredi Bobic schimpft mit den Ultras

Die Berliner Anhänger sagten - auch damals nach einem verlorenen Derby gegen Union im DFB-Pokal - der Mannschaft ihre Meinung. Und vor allem: Sie drohten ihr. "Ihr kriegt noch mal die Ansage, aber ihr wisst, dass es auch davon noch eine Steigerungsform gibt", soll damals der Anführer der Gruppe gesagt haben, wie der Sportbuzzer nach Sichtung der Videoaufnahmen berichtete.

"Da war damals kein Trainingsbesuch, das war ein Aufmarsch. Das geht nicht", schimpfte Fredi Bobic am Sonntag im Doppelpass von Sport1. Der Sportvorstand von Hertha BSC hatte schon am Samstag kein Verständnis für die Spieler, die ihre Trikots hergaben.

Am Sonntag präzisierte er: "Das macht natürlich auch etwas mit den Spielern. Dass die jungen Spieler das dann machen, dafür kann ich keinen verurteilen - aber man muss aufpassen." Man sah den Hertha-Spielern tatsächlich eine gewisse Ratlosigkeit an. Dass ein 18 Jahre Linus Gechter oder ein 20 Jahre alter Marcel Lotka so eine Situation nicht moderieren können und letztlich das machen, was ihre erfahrenen Kollegen machen, ist klar.

Dass ein Berliner Junge wie Mittelstädt die Umstände (und die Macht?) der Ultras besser einschätzen kann und somit einer Konfrontation aus dem Weg geht, gilt aus der Ferne und als Nichtbeteiligter logisch. Aber dass die Spieler der Nötigung Folge leisteten, ist schlimmer als die Niederlage im Derby und schlimmer auch als die zahlreichen anderen Pleiten - es ist die größte Niederlage der Hertha-Spieler in dieser Saison.

Hertha BSC: Was soll so eine Aktion bringen?

Man muss kein Giuseppe Sculli sein, um Stärke zu zeigen. Die Spieler haben nichts verbrochen, sie haben einfach nur schlechter gespielt. Zugegeben, nicht zum ersten Mal. Aber sicher nicht absichtlich, sondern weil ihr Leistungsvermögen und vielleicht auch ihre Psyche aktuell wohl nicht mehr zulässt. Die angemessene Strafe dafür wäre der Abstieg und vielleicht eine Karriere, die nicht mehr steil nach oben geht. Aber nicht mehr.

Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum und kein Fußballer darf sich um seine Gesundheit Sorgen machen müssen, wenn er einer mutmaßlichen Bedrohung widersteht. Suat Serdar dürfte sich an die letzte Saison erinnert haben, als Schalke Profis nach dem Abstieg durch das Traningsgelände gejagt wurden. Es war ein brutales Versagen der Verantwortlichen damals.

Die Hertha hat vor der Saison Geld ausgegeben, auch um erfahrene Spieler zu verpflichten. Wo waren diese am Samstag? Wo sollen sie ihrer Mannschaft helfen, wenn sie es nicht in so einer Situation tun?

Den Ultras muss die Frage gestellt werden, was sie mit so einer Aktion erzeugen wollen? Dass sie enttäuscht sind, dass drei Niederlagen gegen den Lokalrivalen, über dessen nischiges Underdog-Dasein man jahrelang lachte, während man selbst von der Champions League träumte, schwer zu verdauen sind, kann man nachvollziehen.

Dass man sich als Hüter der Vereinsfarben sieht und alles dafür tun will, um die Ehre des Klubs zu retten, gehört auch dazu. Ihre Message ist: "Niemand ist größer als der Verein." Das gilt aber auch für sie. Wenn den Hertha-Fans etwas daran liegt, dass ihr Klub in der Bundesliga bleibt, sollte man sich bei aller Emotion überlegen, ob die Einschüchterung der ohnehin fast verzweifelten Spieler der richtige Weg ist?

Hertha BSC: Hat mit Vereinsliebe nichts zu tun

Wird Lotka dadurch besser halten? Wird Kempf besser verteidigen? Wird Ascacibar noch mehr kämpfen? Wird Darida noch mehr laufen? Wird Selke plötzlich zum Knipser? Nur weil sie eingeschüchtert worden sind? Erwartet man von einem Spieler, dessen Trikot man kassiert hat, dass er im nächsten Spiel auf dem Platz steht?

So schmerzlich eine Derby-Niederlage ist, fest steht: Hertha ist am Samstag nicht abgestiegen und kein einziger Hertha-Profi wäre am Samstag vergnügt nach Hause gefahren und sich des Klassenerhalts sicher gewesen, wenn sie ihre Trikots hätten behalten dürfen.

Wenn Hertha demnächst "nicht so schwere Gegner wie Union" (O-Ton Felix Magath) bekommt und sie tatsächlich erfolgreich bekämpfen sollte, wird das sicher nicht daran liegen, weil die Spieler Angst vor Prügel haben, sondern weil sie nicht absteigen wollen. Das mag nicht mal an ihrer Liebe zur Hertha liegen, sondern ist vielmehr der Tatsache geschuldet, dass sie seit ihres Kindestagen mit Wettkampf konfrontiert sind und aus Prinzip nicht verlieren wollen.

Die Liebe der Ultras zu ihren Klubs verdient Respekt, ihr Einsatz für ein tolles Stadionerlebnis und ihr Verständnis für die schwierige Lage nach Pandemie und folgender Abstinenz auch. Sie bewegten sich nicht mehr in ihrem gewohnten sozialen Raum, was sicher eine gewisse Energie erzeugt.

Vor Jahren bezeichnete eine bekannte TV-Frau in den Öffentlich-Rechtlichen die Ultras als die "Taliban des Fußballs", was offen gesagt eine unfassbare Frechheit war. Denn die meisten organisierten Fans sind der Atem des Stadions.

Aber das, was vor zehn Jahren in Genua passierte, was in Zürich, Dresden, Nürnberg, Hamburg, Köln, Gelsenkirchen und nun in Berlin folgte, hat mit Vereinsliebe nichts zu tun. Das ist eine Machtdemonstration, die in dieser Lage, an dieser Stelle und in dieser Form deplatziert ist.

Hertha BSC: Das Restprogramm in der Bundesliga

Spieltag

GegnerDatum

30

FC Augsburg (A)16.04.2022, 15.30 Uhr
31VfB Stuttgart (H)24.04.2022, 17.30 Uhr
32Arminia Bielefeld30.04., 15.30 Uhr
331. FSV Mainz 05 (H)07.05., 18.30 Uhr
34BVB (A)14.05., 15.30 Uhr
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