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Fussball

Arne Friedrich von Hertha BSC im Interview: "Ich habe gelernt, dass ich sagen kann, was ich denke"

 

 

24 Stunden, sieben Tage die Woche - wie organisieren Sie sich, damit Sie auch noch so etwas wie ein Privatleben haben und Dinge wie Essen, Trinken und Schlafen nicht vergessen?

Friedrich: Das läuft halt irgendwie nebenbei, das passt schon. Die härteste Phase war das finale halbe Jahr der Vorsaison, als ich die Verantwortung im sportlichen Bereich hatte und es abseits des Tagesgeschäfts viele Prozesse gab, die ich begleitet habe. Das war schon sehr knackig und hat mich belastet. In diesen Momenten lernt man sich aber auch selbst kennen und sieht, wie man mit Druck und einem hohen Arbeitspensum umgeht. Ich wusste ja gar nicht, ob ich überhaupt in der Form arbeiten kann, denn eine solche Art Job hatte ich noch nie. Das hat mit dem Beruf des Fußballprofis überhaupt gar nichts zu tun. (lacht) Ich bin voll ins kalte Wasser gesprungen und habe eine ganze Menge gelernt. Zum Glück ist es am Ende sportlich gutgegangen.

Jetzt stehen Sie wieder in der Öffentlichkeit und im täglichen Rampenlicht, dazu die Öffentlichkeitsarbeit - standen diese Dinge damals auf der Kontra-Liste?

Friedrich: Meine Zeit in Amerika hat mich wesentlich entspannter und lockerer gemacht hat, daher handhabe ich das jetzt ein bisschen anders als noch zu meiner Zeit als Spieler in Deutschland. Da war ich eher zurückgezogen und habe versucht, mich zu schützen, weil als Nationalspieler bei Hertha ein großer Fokus auf mir lag. Ein paar Dinge würde ich heute auch anders machen, aber damals war ich diesbezüglich nicht so locker wie heute. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ich nichts zu verheimlichen habe und sagen kann, was ich denke.

Als verkündet wurde, dass Sie als Sportdirektor bleiben, wurde keine genaue Vertragslaufzeit bekanntgegeben. Sie schrieben selbst auf Twitter: "Ein weiteres Jahr als Sportdirektor!" Heißt also, Ihr Vertrag läuft nun erst einmal ein weiteres Jahr und dann sieht man weiter?

Friedrich: Ja. Ich habe darum gebeten, einen Einjahresvertrag zu unterschreiben.

Wie wichtig war es Ihnen bei der Zusage, diese Möglichkeit zu besitzen, sich wieder zu reflektieren und notfalls etwas anderes tun zu können?

Friedrich: Ich will diese Zeit nutzen, um weiter zu schauen, ob ich mir mein Leben in diesem Bereich länger vorstellen kann. Der Grund für meine Rückkehr zu Hertha und mein oberstes Ziel dabei war zu helfen, den Verein zu stabilisieren. Der Klub ist jetzt anders aufgestellt als bei meinem Beginn vor eineinhalb Jahren. Nach der Saison setzen wir uns dann wieder hin und bewerten, wie es dem Verein und wie es mir geht.

Im letzten Interview mit SPOX und Goal während des Abstiegskampfs in der vergangenen Saison sagten Sie: "Ich bin überzeugt, dass wir da rauskommen. Und danach muss der Blick in die oberen Tabellenregionen gehen." Da wir nun bei diesem "danach" angekommen sind: Wo genau fangen für Sie die oberen Tabellenregionen denn an?

Friedrich: Wir sind immer noch in Zeiten von Corona und hatten einen großen Umbruch. Die Mannschaft braucht Stabilität, daher wird das Jahr ganz klar unter diesem Gesichtspunkt stehen. Wir sollten uns in dieser Saison die Zeit geben, uns neu zu sammeln und eine gewisse Chemie innerhalb des Teams aufzubauen. Wir haben viele neue Spieler, da muss sich erst einmal alles setzen und finden.

Was wäre Ihnen lieber: Eine Saison mit einer Endplatzierung zwischen Rang acht und 14, dafür aber ohne die permanente Unruhe des Vorjahres oder doch ähnlich viel Tamtam wie zuletzt und dafür direkt der große Sprung ins internationale Geschäft?

Friedrich: Es ist wichtig, als Verein organisch zu wachsen und einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Wir haben es selbst in der Hand. Es tut uns allen gut, bodenständig zu sein und zu bleiben. Wir müssen als Einheit innerhalb der Mannschaft und des Vereins zusammenwachsen. Wenn wir am Ende dabei einen Schritt in die richtige Richtung dabei überspringen sollten, hätten wir natürlich nichts dagegen.

Investor Lars Windhorst hat den Begriff "Big City Club" geprägt, der angesichts der sportlichen Entwicklung seitdem eher belächelt wird. Inwiefern wäre es denn in Ihren Augen besser gewesen, diesen Begriff hätte es nie gegeben?

Friedrich: Das Wichtigste ist doch, dass wir uns im Verein alle auf die grundlegenden Dinge konzentrieren und das Setup für Leistung schaffen. Wir brauchen gegenseitige Unterstützung, ein fruchtbares Miteinander und müssen uns immer weiter unserer eigenen Identität klarwerden. Das sind alles Prozesse, die bereits begonnen haben. Unsere Ausrichtung ist klar. Und dabei müssen wir Demut zeigen, denn das ist gerade nach der vergangenen Saison mehr als angemessen.

Gehört für Sie aber das "Big City Club" langfristig gesehen zur Identität der Hertha, soll man den Verein damit verbinden?

Friedrich: Das Thema Identität ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Prozesses, aber nicht mein Kernbereich. Am Ende können wir erzählen, was wir wollen: Langfristig für Furore sorgen wir nur dann, wenn wir nachhaltigen sportlichen Erfolg haben.

Können Sie sich denn grundsätzlich vorstellen, als Funktionär eine ähnlich feste Insti­tu­tion bei Hertha zu werden, wie Sie sie in Ihren acht Jahren als Spieler waren?

Friedrich: Wenn Sie mich jetzt fragen - nein, das könnte ich nicht. Großes Aber: Mein Leben hat schon oft gezeigt, dass es anders kam, als ich es geplant hatte.

Wenn Sie an Ihre Aufenthalte in Los Angeles zurückdenken und das mit dem hektischen Treiben Ihres derzeitigen Jobs vergleichen: Wonach haben Sie die größte Sehnsucht?

Friedrich: Aktuell vor allem, überhaupt endlich mal wieder in die USA reisen zu können. Ich habe zwar jemanden, der mir hilft, dass mein Appartement nicht verkommt. Ich würde aber natürlich gern einmal selbst ein paar Tage nach dem Rechten schauen.

Abschließend noch eine Frage, die offenbar viele Leute nach einem Twitter-Post von Ihnen während Herthas Quarantäne-Zeit im April beschäftigte: Warum haben Sie in Ihrer Wohnung Brennholz im Bücherregal liegen?

Friedrich: Dieses Rätsel löse ich gerne auf. (lacht) Ich habe einen Kamin und hacke gerne Holz. Es gehört für mich dazu, sich dann auch sein eigenes Holz zu besorgen und es nicht plump im Baumarkt zu kaufen. Da ich Bücher fast nur noch digital lese, war in den Regalen noch Platz. Ich fand, das Holz passte ganz gut dorthin.

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