Cookie-Einstellungen
Fussball

Arne Friedrich von Hertha BSC im Interview: "Unsere Kritiker sind im Moment laut - und das ist auch berechtigt"

Herthas neuer Sportchef Arne Friedrich spricht im Interview mit SPOX und Goal über die Parallelen zur Abstiegs-Saison 2009/10, die Gründe für die Entscheidung für Sami Khedira und Pal Dardai, seine Ziele und seine Absagen an Bayern und den BVB.

Nach mehr als neun Jahren ist Ex-Kapitän Arne Friedrich im Herbst 2019 im Schlepptau von Jürgen Klinsmann zur Hertha zurückgekehrt. Klinsmann ist längst Geschichte und Friedrichs damaliger Titel "Performance Manager" auch.

Seit vergangenem Sommer ist der 41-Jährige Sportdirektor und nach der Trennung von Michael Preetz alleinverantwortlich für den sportlichen Bereich. Als eine der ersten Entscheidungen wurde Pal Dardai vom 82-maligen Nationalspieler wieder zum Cheftrainer befördert.

Auch wenn der Erfolg seitdem ausgeblieben und Hertha immer näher an die Abstiegsplätze gerutscht ist, zeigt sich Friedrich im Skype-Interview optimistisch und tatendurstig.

Herr Friedrich, Sie haben 2006 ein Kochbuch mit dem Namen "Foodball - Kochen wie die Weltmeister" und Gerichten wie "Chili con Kahn" oder "Chicken Frings" herausgegeben. Können Sie diese Gerichte noch kochen?

Arne Friedrich: Ich muss zugeben, dass ich gar nicht kochen kann und das wird vermutlich auch nichts mehr werden mit mir und dem Kochen (lacht). Die Arbeitsteilung war damals, dass Ralf Zacherl für die kulinarischen Dinge in dem Buch zuständig war und ich für den fußballerischen Teil. Wenn man kochen kann, dann kann das Buch sicher ganz nett sein, aber mir fehlt dazu neben der Begabung die Zeit und auch die Lust.

Das Buch war auch ein Teil des Hypes um die damalige Heim-WM, bei der die deutsche Mannschaft das gesamte Turnier in Ihrer Heimatstadt Berlin gewohnt hat. Sie selbst aber standen seinerzeit als Rechtsverteidiger über weite Strecken des Turniers stark in der Kritik. Wie haben Sie das empfunden?

Friedrich: Die WM 2006 im eigenen Land war sicher für mich und alle Mitspieler das größte, was man erleben kann. Aber es stimmt, es gab für mich zu Beginn des Turniers schon ordentlich Gegenwind. Im Laufe der WM hat sich dieser Eindruck dann jedoch gedreht. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich daran gewachsen bin. Die schlechten Phasen in meiner Karriere haben mich letztlich mehr weitergebracht als diejenigen, in denen alles gut lief.

Vier Jahre später kamen Sie als Absteiger mit Hertha BSC und Wackelkandidat zur WM 2010 und haben dann als Stammspieler jedes Spiel durchgespielt und alle Kritiker überzeugt. Diese Saison muss extrem herausfordernd gewesen sein.

Friedrich: Natürlich war es eine Herausforderung, sich nach einem Abstieg in einer Mannschaft durchzusetzen, die um den WM-Titel spielen soll. Es war eine auch mental extrem anstrengende Saison, weil wir nach der Hinrunde fast schon abgestiegen waren und ich die Verantwortung dafür als Hertha-Kapitän sehr stark auf meinen Schultern gespürt habe. Da fährt man dann schon mit einem Rucksack zur Nationalmannschaft, daher war die Last umso größer, die mir nach unseren Erfolgen von den Schultern gefallen ist. Vielleicht wäre sogar mehr drin gewesen als das Halbfinale, aber an dem Tag haben uns die Spanier schon ziemlich hergespielt, da waren wir ehrlicherweise chancenlos.

Friedrich: "Khedira ist der absolut richtige Mann für uns"

Vor Ihnen im defensiven Mittelfeld stand in allen Spielen der erst 23 Jahre alte Sami Khedira in der Startelf. Haben Sie zu der Zeit schon die Qualitäten erkannt, wegen denen Sie ihn jetzt von Juventus Turin nach Berlin geholt haben?

Friedrich: Sami war zwar noch ganz frisch dabei und noch nicht in der Rolle des Führungsspielers, aber schon ein sehr guter Spieler. Danach ist er richtig durchgestartet, hat die Champions League und andere Titel mit Real Madrid und Juve gewonnen und ist 2014 Weltmeister geworden. Meine Eltern und seine Eltern haben sich 2010 von Anfang an gut verstanden und ich war mit Sami auch auf einer Wellenlänge. Für den Wechsel war das aber nicht allein entscheidend, denn wenn man einen Spieler bekommen kann, der so erfahren ist, so viele Titel gewonnen und auf so einem hohen Niveau mit den größten Spielern wie Cristiano Ronaldo oder Sergio Ramos zusammengespielt hat, muss man die Chance einfach nutzen. Sami ist der absolut richtige Mann für uns, um eine Gewinnermentalität bei uns reinzubringen. Das wollen wir und das brauchen wir.

Allerdings hatte Khedira vor seinem Wechsel zur Hertha sein letztes Pflichtspiel im Juni 2020 bestritten. Haben Sie keine Sorge, dass er zu lange ohne Wettkampfpraxis war, um Hertha im Abstiegskampf wirklich helfen zu können?

Friedrich: Wieso? Er hat doch vergangenen Freitag gespielt, also zumindest die letzten zehn Minuten (lacht). Wir haben uns damit beschäftigt, daher haben wir Sami intensiv getestet und die Ergebnisse waren allesamt gut. Sonst hätten wir ihn auch nicht verpflichtet. Natürlich fehlt ihm die Spielpraxis, aber die wird kommen, und wir sind sehr froh, dass wir ihn zu Hertha BSC holen konnten. Ich bin total überzeugt, dass er uns auf dem Platz, aber auch in der Kabine weiterhelfen wird, um diese Mannschaft mit seiner Art zu führen.

Es heißt immer, das aktuelle Team sei besser als der Tabellenplatz. 2008/2009 haben Sie mit Hertha sogar bis kurz vor Saisonende um die Meisterschaft mitgespielt und im Jahr darauf folgte der Absturz. Kann man daraus etwas lernen?

Friedrich: Aus meiner Sicht war die Ausgangssituation damals ein Problem. Wenn man mit einer Mannschaft in die Saison geht, mit der man im Jahr zuvor fast Meister geworden wäre, und dann in einen Abwärtsstrudel kommt, kann es sehr gefährlich sein. Wir haben es seinerzeit einfach nicht hinbekommen, den Schalter umzulegen, obwohl wir alles versucht haben, und sind leider aus dieser Negativspirale nicht mehr herausgekommen.

Sehen Sie in der jetzigen Situation Parallelen zum Abstieg 2010?

Friedrich: Sicherlich war unsere Mannschaft nicht darauf ausgerichtet, gegen den Abstieg zu spielen. In diesem Punkt ist die Situation schon etwas vergleichbar mit der damaligen. Deshalb haben wir in der Winterpause reagiert und unter anderem Sami geholt, um mehr Ordnung und Struktur reinzubringen. Daher bin ich überzeugt davon, dass sich Geschichte nicht wiederholen wird. Zudem machen mich die letzten beiden Spiele gegen Frankfurt und Bayern trotz der Niederlagen zuversichtlich. Fakt ist: Wir sind in einer sehr herausfordernden Situation, stehen nur knapp oberhalb der Abstiegsplätze und dürfen uns nicht von der vermeintlichen Qualität unserer Spieler blenden lassen. Wir müssen jetzt schnellstmöglich punkten.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung