Cookie-Einstellungen
Fussball

Arne Friedrich von Hertha BSC im Interview: "Ich habe gelernt, dass ich sagen kann, was ich denke"

Von 2002 bis 2010 spielte Arne Friedrich für Hertha BSC, seit bald zwei Jahren ist er zurück in Berlin. Dabei war es gar nicht die Absicht des 42-Jährigen, wieder im aktiven Fußball zu arbeiten. Auch jetzt grübelt Herthas Sportdirektor, ob er sein Leben dort weiterhin verbringen möchte.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Friedrich über die Sehnsucht nach seiner zweiten Heimat USA und den überraschenden Anruf von Jürgen Klinsmann, der ihn zurück in die Hauptstadt gebracht hat.

Zudem erzählt der ehemalige Abwehrspieler, warum er sich eine langjährige Karriere als Funktionär derzeit nicht vorstellen kann und weshalb bei ihm Holz im Bücherregal liegt.

Herr Friedrich, Sie haben sich nach Ihrem Karriereende als Spieler 2013 in vielen Bereichen versucht: Sie machten den Trainerschein und waren Co-Trainer der deutschen U18-Nationalelf, gründeten Ihre eigene Stiftung, waren TV-Experte in den USA und China oder Markenbotschafter für ein Mode-Unternehmen. Hätten Sie sich während dieser Zeit vorstellen können, eines Tages sozusagen ganz simpel wieder ins Fußballgeschäft einzusteigen?

Arne Friedrich: Klare Antwort: Auf gar keinen Fall! (lacht) Es war nie mein Bestreben, in den aktiven Fußball zurückzukehren. Doch dass es im Leben oft anders kommt, als man denkt und plant, kennt man ja auch. Ich habe mich bewusst ausprobiert. Dabei konnte ich sehen, wo meine Stärken und Schwächen liegen, worauf ich Lust habe und worauf nicht. Ich habe auch gelebt und bin viel gereist, um andere Kulturen besser kennenzulernen und eine Sprache zu erlernen. Ich möchte diese Zeit nicht missen, denn sie war enorm interessant und sehr lehrreich.

Sie sind im November 2019 zusammen mit Jürgen Klinsmann als "Performance Manager" zur Hertha gekommen. Zuvor lebten Sie vor allem in Los Angeles, Ihre letzte Profistation war Chicago Fire in der MLS. Wie kam es denn dazu, dass Sie sich in Kalifornien ein zweites Leben aufgebaut haben?

Friedrich: Mein Lebensmittelpunkt war weiter Berlin. Dort verbrachte ich die Sommer, im Herbst und Winter war ich dann jährlich rund vier Monate in LA. Ein ehemaliger Mitspieler in Chicago kam aus LA und hat mich bei zwei, drei Gelegenheiten in die Stadt eingeführt. Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Es ist eine schöne, interessante und offene Stadt, die extrem sportbegeistert ist. Man kann auch gut Wandern und Schwimmen gehen. Zudem kam meine damalige Freundin aus der Ecke, daher habe ich mir dort irgendwann ein Appartement zugelegt.

Was schätzen Sie am American Way of Life besonders?

Friedrich: Erst einmal mag ich grundsätzlich Großstädte. Je größer, desto interessanter ist es für mich. Ich finde es toll, jeden Tag verschiedenste Dinge erleben zu können. Die Amerikaner sind insgesamt sehr offen und freundlich. Oft heißt es, sie seien etwas oberflächlich, aber das stört mich überhaupt nicht. Ich lerne auch sehr schnell Leute kennen und vernetze mich, so konnte ich in unterschiedliche interessante Kreise eintauchen. Auch die Natur gerade nördlich von LA mit den vielen Nationalparks begeistert mich. Ich fühle mich dort echt zu Hause. Daher bin ich sehr enttäuscht, dass ich als Deutscher weiterhin nicht einreisen darf. Es ist jetzt schon zwei Jahre her, dass ich dort war.

Was wäre denn passiert, wenn Klinsmann nicht angerufen hätte?

Friedrich: Ich hätte einen noch größeren Fokus auf meine 2015 gegründete Stiftung gelegt. Ich stecke sehr viel Zeit und Energie dort rein, weil mir diese Arbeit großen Spaß macht, mich erfüllt und ein ganz wichtiger Teil meines Lebens geworden ist. Sie gibt mir auch viel zurück, weil sie immer mit einem Perspektivwechsel verbunden ist, der mir zeigt, wie gut es mir persönlich, aber auch uns allen geht. Ich nehme mir auch jetzt noch Zeit dafür und habe keinen freien Tag in dem Sinne, dass ich einfach mal gar nichts mache. Dazu hilft mir ein tolles, ehrenamtliches Team.

Über Ihre Rückkehr zur Hertha sagten Sie, es sei trotz des regelmäßigen Kontakts zu Klinsmann eine Nacht- und Nebelaktion gewesen. Wie erinnern Sie sich denn an seinen Anruf?

Friedrich: Ich war an einem Dienstagabend bei meinem Lieblingsgriechen in Berlin, als dieser komplett überraschende Anruf kam. Ich hatte eineinhalb Tage Zeit, mir das zu überlegen. Ich habe mich dann mit Leuten, die ich seit sehr vielen Jahren kenne und denen ich sehr vertraue, besprochen und um Rat und Meinungen gefragt, damit ich beim Reflektieren nicht allein bin. Dann ist es so gekommen, wie es gekommen ist. Es wurde eine sehr turbulente Zeit, in der ich viele Verantwortungsbereiche übernommen und eine Menge gelernt habe. Das war gewiss nicht langweilig. (lacht)

Wie sah grundsätzlich der Kontakt zu Klinsmann aus: War das vor allem eher freundschaftlich oder ging es schon länger darum, dass er Sie eventuell mitnimmt, sollte er einen neuen Job antreten?

Friedrich: Überhaupt nicht. Wir haben uns immer getroffen, wenn ich in LA war. Dann tauschten wir uns aus und sprachen über verschiedene Themen, aber nie über so etwas. Ich wusste auch nicht, dass er mit der Hertha Gespräche bezüglich eines Postens im Aufsichtsrat führte. Das war mir bei seinem Anruf alles neu.

Hätten Sie Klinsmann auch zugesagt, wenn es nicht um Ihren Ex-Verein gegangen wäre, für den Sie zwischen 2002 und 2010 insgesamt 288 Pflichtspiele absolvierten?

Friedrich: Wahrscheinlich nicht. Hertha BSC ist einfach ein besonderer Verein für mich.

Stand zuvor schon einmal zur Debatte, ob Sie eine offizielle Funktion bei Hertha übernehmen oder wie Sie sich dort ein­bringen könnten?

Friedrich: Nein. Ich war zwar regelmäßig bei den Spielen zu Gast. Über Paul Keuter, mit dem ich schon sehr lange befreundet bin, habe ich immer Kontakt gehalten. Das war alles sehr freundschaftlich, aber ich hatte ja nie die Intention, in den aktiven Fußballbereich zurückzukehren. Letztlich kam alles ganz spontan. Der Hauptgrund war, dass Hertha in der Klemme saß und ich helfen wollte. Es war zunächst geplant, dass ich ein halbes Jahr mitmache und wir den Verein bestmöglich stabilisieren. Jetzt habe ich so langsam das Gefühl, dass die neu aufgebauten Strukturen greifen und der Verein wieder in ruhige Gewässer kommt.

Mittlerweile sind Sie zum Sportdirektor aufgestiegen. Die bisherige Zeit war von dauerhaften Krisen begleitet. Wie lange haben Sie nach der vergangenen Saison mit sich gerungen, ob Sie nicht wieder Ihre Freiheit und Unab­hän­gig­keit zurück haben wollen, die Sie zuvor genossen?

Friedrich: Ich habe schon lange und in Ruhe überlegt, weil ich nie einen Hehl daraus machte, dass ich meine Freiheiten brauche, gerade in Richtung zweite Heimat USA. Die Entscheidung für Hertha fiel deshalb, weil ich denke, dass meine Arbeit noch nicht beendet ist - auch wenn ich bis heute kaum einen Urlaubstag genommen habe. (lacht) Der Verein hat sich durch die Bank sehr um mich bemüht, was für mich am Ende auch ein wichtiger Faktor war.

Welche Rolle spielte beim Überlegen Ihr Mentor Dr. John Ashley Null, der auch im Kuratorium Ihrer Stiftung sitzt, seit rund 30 Jahren mit olympischen Sportlern zusammenarbeitet und Sie schon lange begleitet?

Friedrich: Er hatte sehr großen Einfluss. Ich bin ihm enorm dankbar, er ist seit rund 20 Jahren einer meiner engsten Freunde und hat mich durch meine gesamte Karriere geführt. Er weiß wirklich, was Sportler durchmachen und benötigen. Die erste Person, die ich um Rat frage, ist immer er.

Wie haben Sie ihn einst kennengelernt?

Friedrich: Das war 2002 über einen Freund in Berlin, da war ich noch nicht lange als Spieler bei Hertha. Ashley wurde zunehmend wichtiger für mich, weil ich schnell merkte, dass er ein sehr weiser Mensch ist, der oft mit dem richtig lag und liegt, was er sagt. Ich vertraue ihm zu 1000 Prozent. Es ist eine ganz enge, tiefe Freundschaft geworden. Ich halte nicht nur als Mensch sehr viel von ihm, sondern auch von der Art und Weise, wie er seinen Beruf ausübt.

Neben einer größeren Verantwortung als Sportdirektor ist auch Ihr Arbeitspensum gestiegen. Wie viel Freiheit und Unabhängigkeit hat man denn in diesem Job noch?

Friedrich: Sehr wenig, aber so ist eben der Job und das war mir total bewusst. Daher habe ich ja lange nachgedacht, da er auch mit sich bringt, dass andere Themen wie beispielsweise meine Stiftung zur Seite gepackt werden müssen oder gar ganz stehenbleiben. Fußball ist ein 24-Stunden-Job und das sieben Tage die Woche. Wenn ich aber etwas mache, dann möchte ich es auch richtig machen. Und am meisten Spaß macht mir die Arbeit mit Menschen. Es ist schön, dabei mitzuhelfen, eine Kultur in einem Verein zu formen. Da ist in den vergangenen Monaten sehr viel passiert. Wir sind ein sehr großes, neues Team, es sind einige hinzugekommen. Am Ende geht es immer nur zusammen, wenn man transparent ist, offen kommuniziert und sich vor allem gegenseitig vertraut.

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung