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Fussball

BVB-Debütant Steffen Tigges als Lichtblick gegen Braunschweig: Nur der Haaland-Vergleich hinkt

Überzeugte bei seinem BVB-Debüt auf ganzer Linie: Steffen Tigges.

Vor eineinhalb Jahren stieg Steffen Tigges noch mit dem VfL Osnabrück in die 2. Liga auf. Heute ist der 22-Jährige Kapitän der BVB-Reserve und dort Torjäger vom Dienst. Am Dienstag kam er im Pokalspiel gegen Braunschweig (2:0) zu seinem Profidebüt für die Dortmunder - und wurde von Edin Terzic gelobt. Über einen ehemaligen U20-Nationalspieler, der von seinen Freunden mit Haaland verglichen wird und das Potenzial zum Fanliebling hat.

Am Ende konnte Steffen Tigges doch wieder lächeln. Die vergebene Großchance kurz vor Schluss, als er allein auf Eintracht Braunschweigs Torhüter Jasmin Fejzic zulief und scheiterte, hatte ihm ganz offensichtlich doch nicht die Laune verdorben.

"Ein bisschen enttäuscht" sei er gewesen, berichtete sein Trainer Edin Terzic nach dem Spiel bei Sport1. Enttäuscht, weil er seinem guten Profidebüt für die Dortmunder in jener 85. Minute nicht mit einem eigenen Treffer noch die Krone aufgesetzt hatte. Doch darum sei es gar nicht gegangen, erklärte Terzic.

Denn dass es ein gutes Debüt war, ja gar ein "herausragendes", bestätigte der 38 Jahre alte Trainer ebenso wie die kleine Enttäuschung, die Tigges nach seinem ersten Profieinsatz für die Dortmunder umtrieb. "Er ist die Wege gegangen, hat die Bälle vorne festgemacht, viele Bälle erobert oder so vorbereitet, dass wir sie erobern konnten und wir sind sehr, sehr zufrieden mit ihm", sagte Terzic.

Sein Urteil über den 1,93 Meter großen Schlacks ließ sich nach dem glanzlosen 2:0-Sieg des BVB über den Zweitliga-Abstiegskandidaten auch mit Statistiken untermauern. 66 Prozent seiner Zweikämpfe gewann er, entschied alle Luftduelle für sich und war an sechs Torabschlüssen der Schwarzgelben direkt beteiligt - Bestwert auf dem Platz.

BVB-Stürmernot als Tigges-Chance: Schluss mit Falscher Neun?

Nur dieses Tor, dieses Happy End eines jeden märchenhaften Fußballerdebüts, wollte ihm an diesem Abend im Eintracht-Stadion nicht gelingen. Dass er dort an diesem Dienstagabend überhaupt antreten konnte, hatte eine Vorgeschichte in mehreren Akten. Da waren zum einen die Verletzungen der zwei etatmäßigen BVB-Zentrumsstürmer Erling Haaland und Youssoufa Moukoko.

Ersterer, Gewinner des Golden-Boy-Awards als bester Nachwuchsspieler Europas 2020 und Norwegens Fußballer des Jahres, fällt schon länger mit einem Muskelfaserriss aus und wird schmerzlich vermisst. Letzterer, das vielleicht größte Sturmtalent des deutschen Fußballs, kehrte mit einer leichten Knieblessur von der 1:2-Niederlage in Berlin zurück.

Der BVB befand sich also mal wieder in akuter Stürmernot. In der jüngeren Geschichte kam das nicht selten vor, beispielsweise als der verletzungsanfällige Paco Alcacer in Dortmund stürmte. Als der ausfiel griff Lucien Favre jedoch vermehrt auf seine offensiven Mittelfeldspieler Marco Reus, Julian Brandt oder Thorgan Hazard als Falsche Neun zurück. Ein notgedrungenes Experiment mit überschaubaren Erfolgen, wenngleich Favre dies stets verteidigt hatte.

Unter Terzic, so sagte es zumindest Lizenzspielerleiter Sebastian Kehl, sollte das - zumindest für das Spiel gegen Braunschweig, einen tiefstehenden, defensiv agierenden Gegner - der Vergangenheit angehören. "Wir wollten einen klaren Stürmer vorne drin haben", sagte er bei Sky.

Tigges bei Osnabrück: Wie Borowski im DFB-Team

Und so kam Tigges ins Spiel. Weil er seit seinem Wechsel vom VfL Osnabrück im Sommer 2019 zum BVB überzeugt hatte und nur ein Jahr später bereits Kapitän der U23 wurde. Weil er dort vorweg gehe, viele Tore schieße und weil er ein "guter Junge, ein guter Spieler" sei, wie Terzic es formulierte. Deshalb habe er sich diese Chance "absolut verdient".

Aber auch, weil er beim BVB eben das sein durfte, was Tigges schon sein ganzes Leben sein wollte: Stürmer, weil er dort "das größte Entwicklungspotential für meine Karriere" sehe. In Osnabrück hatte das zuvor etwas anders ausgesehen. Dort war er bei der Drittligamannschaft, nachdem er seit der U12 alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte, so etwas wie das Mädchen für alles.

"In der Offensive und Defensive habe ich alles gespielt", sagte er mal in einem Interview mit dem Fanzine Schwatzgelb. Von Stürmer über Linksaußen bis hin zum Linksverteidiger sei alles dabei gewesen. Er habe sich beim VfL immer sehr wohlgefühlt, doch als sein Vertrag 2019 auslief, entschied er sich für einen neuen Karriereweg.

"In Osnabrück war ich gar nicht als Stürmer eingeplant. Selbst wenn ich in Osnabrück verlängert hätte, wäre es als Linksverteidiger gewesen. Oder besser gesagt als Allrounder", erklärte Tigges seinen Abschied nach dem geschafften Aufstieg in die 2. Liga.

Es sei das "perfekte Ende" gewesen, wenngleich er auch aufgrund der mangelnden Perspektive gegangen sei, die sich mit dem Sprung in eine höhere Liga eigentlich noch einmal verkleinerte. Stammspieler war Tigges bei den Niedersachsen nie.

Er war so etwas wie der Tim Borowski der deutschen Nationalmannschaft. Immer knapp dran an der ersten Elf, aber nie so richtig dabei. Ein zwölfter Mann im besten Sinne. Unter den Positionsrochaden und begrenzten Einsatzminuten litten seine Statistiken durchaus. In 88 Spielen traf er "nur" achtmal. Eine Quote, die er beim BVB II eine Liga tiefer in der Regionalliga West längst pulverisiert hat.

Tigges beim BVB II: "Von Freunden" mit Haaland verglichen

Trotz vorhandener technischer Schwächen im Kurzpassspiel steht er in der Dortmunder Reserve bei 21 Toren und herausragenden 17 Vorlagen in 43 Spielen. Tigges ist ein Arbeiter, lauf- und zweikampfstark. Ein Stürmer, der sich auch mal die Bälle in der eigenen Hälfte abholt oder auf den linken Flügel ausweicht.

Das geht an die Substanz, gerade wenn man wie er bislang keine einzige Minute in dieser Saison verpasst hat. "Fünf, sechs, vielleicht auch sieben Stunden" schuffte er pro Woche im Kraftraum. Dort sei er nahezu nach jeder Trainingseinheit. Der erste Lohn folgte schon im vergangenen Winter, als er aufgrund der Verletzungen von Haaland und Alcacer mit ins Trainingslager der Profis reisen durfte.

Sein Fazit damals: "Ich muss aber noch viel an mir arbeiten, um dieses Niveau vielleicht irgendwann mal erreichen zu können." Zwar werde er "von vielen Freunden" bereits mit Sturmungeheuer Haaland verglichen. So ganz nachvollziehen kann er das aber nicht.

"Ich hätte schon gerne den Spielstil von Erling, das muss ich sagen. Ich fände es gut, wenn jemand sagen würde, dass wir uns da sehr ähneln, aber ich habe einen anderen Spielstil", sagte er zu den Vergleichen, die besonders aufgrund der ähnlichen Statur und der blonden Haare an ihn herangetragen worden seien. Aber fußballerisch? "Da fehlt mir noch viel. Erling hat schon richtig Qualität."

Tigges: "Die Leidtragenden der Kommerzialisierung"

Während der Norweger gerade wegen seiner Qualitäten als Stürmer binnen kurzer Zeit zum Publikumsliebling in Dortmund aufstieg, könnte das auch Tigges gelingen. Allerdings mehr mit seinem Charakter.

Denn er gibt sich als Spieler, der sich mit Themen auseinandersetzt, die die aktive Fanszene beschäftigen. Themen wie Kommerzialisierung, Spielansetzungen oder die Causa Dietmar Hopp. Die Fans, so sagt er, seien "die Leidtragenden der Kommerzialisierung. Für uns als Spieler ist es egal ob wir jetzt dienstags oder montags um halb neun spielen. Für die Fans ist das etwas ganz anderes", erklärte er.

Zwar sei er der Meinung, dass Beleidigungen gegen Einzelpersonen wie im Falle Hopp keinen Platz im Stadion hätten, allerdings könne er es auch nachvollziehen, weil sich die Fans so Gehör verschaffen wollten. Sein Lösungsansatz in dieser Sache: "Wenn die Fans sich besser gehört fühlen, müsste es gar nicht so weit kommen."

Sätze, die beim Dortmunder Anhang, bekanntermaßen seit Jahren im offenen Clinch mit Hopp, nicht allzu schlecht ankommen. Seine sportliche Perspektive bei den BVB-Profis dürfte nach dem Jahreswechsel und der Rückkehr von Haaland und Moukoko im neuen Jahr jedoch erst einmal überschaubar sein.

Aber vielleicht klopft auch schon im Winter ein anderer Klub an, der dringend einen Stürmer benötigt. Einer aus der zweiten Liga vielleicht. Es dorthin zu schaffen, hatte Tigges selbst als Ziel ausgegeben. Sein Lächeln würde wohl noch breiter werden als jenes, das er am Dienstagabend in Braunschweig zur Schau stellte - und da war er ja sogar noch enttäuscht.

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