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Fussball

Edson Braafheid im Interview: "Für die meisten war ich der Spieler von Louis van Gaal, nicht vom FC Bayern"

Edson Braafheid scherzt mit Bayern-Kollege Franck Ribery.

Ihr Plan ging trotzdem auf: Sie bekamen bei Celtic Spielpraxis, fuhren mit zur WM nach Südafrika und spielten sogar im Finale 22 Minuten.

Braafheid: Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Entscheidungen. Jede Entscheidung bringt Vor- und Nachteile mit sich. Ich bin dankbar dafür, bei einer WM dabei gewesen zu sein. Natürlich haben damals auch ein paar Leute aus meinem Umfeld argumentiert, ich hätte es vielleicht auch in München geschafft, auf den WM-Zug zu springen. In diesem Moment habe ich mich aber für einen anderen Weg entschieden. Ich war letztlich nicht geduldig genug, ich konnte mich zu dieser Zeit nicht kontrollieren.

Aber Sie kehrten ja wieder zurück. Van Gaal gab Ihnen noch eine zweite Chance, doch auch diese konnten Sie nicht nutzen. Bei einem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach im November 2010 soll es richtig zwischen Ihnen gekracht haben.

Braafheid: Wir hatten damals viele Ausfälle, inklusive mir waren nur drei Feldspieler auf der Bank. Danijel Pranjic hatte in der ersten Halbzeit Probleme, weshalb van Gaal mich, David Alaba und Thomas Müller zum Warmmachen schickte. In der Pause sagte er dann zu mir: "Mach' dich bereit, Pranjic wird nicht weitermachen können." Also wärmte ich mich weiter und weiter auf, aber Pranjic blieb auf dem Feld. In der 80. Minute brachte van Gaal schließlich Alaba für Pranjic. Und ich dachte mir: "Na schön, dann brauche ich mich jetzt auch nicht weiter aufzuwärmen!" Ich ging zurück auf die Bank. Van Gaal schwieg mich an. Erst in der Kabine ging es los.

Was passierte?

Braafheid: Das Spiel endete 3:3, wir verloren im Kampf um die Meisterschaft mit Borussia Dortmund weiter an Boden. Van Gaal war außer sich und schrie herum. Dann kam er auf mich zu und faltete mich zusammen: "Warum wärmst du dich nicht auf, wenn ich dir sage, dass du dich aufwärmen sollst?" Wir diskutierten heftig und ich versuchte ihm meinen Standpunkt klarzumachen. Dann schüttelte er nur mit dem Kopf und meckerte jemand anderen an. Er war eine sehr schwierige Person, auch wenn ich rückblickend manche seiner Handlungen nachvollziehen kann, die ich damals nicht nachvollziehen konnte.

Auch Ihre Auswechslung bei der 0:2-Niederlage ein Jahr zuvor in der Champions-League-Gruppenphase gegen Girondins Bordeaux, als die eigenen Fans Sie auspfiffen?

Braafheid: Nein. Ich glaube bis heute, dass Franck Ribery und ich auf der linken Seite einen guten Job gemacht haben. Ich habe defensiv zwei, drei Fehler gemacht, die aber nicht zu Gegentoren geführt haben und habe mich offensiv gut eingebracht. Ich weiß deshalb gar nicht, ob die Pfiffe eher meiner Leistung gewidmet waren oder van Gaals Entscheidung, mich auszuwechseln. Van Gaal hat mich nach dem Spiel mit den Pfiffen konfrontiert. Er wollte wissen, wie ich mich gefühlt habe. Ich sagte: "Passt schon, die Leute bezahlen ja Eintritt und dürfen das bewerten, was sie sehen." Für mich war die Sache damit dann auch gegessen. Ich war nicht traurig darüber.

Braafheid: "Van Gaal war wie eine Wundertüte"

Ihr Stand bei den Bayern-Fans war trotzdem nie der beste.

Braafheid: Denken Sie etwa, ich bin zufrieden mit meinen Leistungen gewesen? Nein. Es war von Anfang an hart für mich. Ich hatte einen schweren Stand, weil ich für die meisten der Spieler von Louis van Gaal war, nicht der Spieler vom FC Bayern. Aber ich habe nicht nur schlechte Spiele gemacht. Das gegen Bordeaux war gut. Oder auch das gegen Juventus. An die Champions-League-Spiele in der Allianz Arena erinnere ich mich besonders gerne zurück. Die haben richtig Spaß gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu van Gaal heute?

Braafheid: Wir hatten keinen Kontakt mehr seit meinem Abgang aus München. Ich würde ihm die Hand reichen, wenn ich ihn heute treffen würde. Von meiner Seite aus gibt es kein Problem. Die Verantwortlichen hatten ihn damals ja auch sehr unter Druck gesetzt. Ich denke immer an das Positive zurück. Was ich an ihm besonders geschätzt habe: seine Liebe zum Detail. Keiner meiner Trainer war so gut vorbereitet wie er. Unsere Gegner spielten immer genauso, wie er es vorhergesagt hatte. Wir wurden nie überrascht, weil wir immer wussten, was unsere Gegner in welcher Situation taten. Van Gaal war insofern kein normaler Trainer. Er rückte nie von seiner Philosophie ab und verblüffte bei Bayern damit auch jeden noch so gestandenen Spieler.

Hinsichtlich seiner Menschenführung gab es immer wieder Kritik an ihm.

Braafheid: Wenn ich morgens zum Training fuhr, wusste ich nie, was mich dort für ein Mensch erwartet. Van Gaal war wie eine Wundertüte. Mal war das alles total lustig, was er erzählte oder machte, dann aber wieder respektlos und provokant. Ein konkretes Beispiel möchte ich nicht geben. Es gibt Dinge, die nicht in die Medien gehören.

Braafheid: "Ribery hat sich nie versteckt"

Wer blieb Ihnen beim FC Bayern noch besonders in Erinnerung?

Braafheid: Die Mannschaft an sich war der absolute Wahnsinn, ein perfekter Mix aus talentierten und fertigen Spielern. Für mich als Verteidiger war Luca Toni ein unglaublich frustrierender Gegenspieler im Training. Er stellte seinen Körper immer perfekt zwischen Ball und Gegner, schoss mit rechts, schoss mit links und war auch noch eine Waffe in der Luft. Du konntest ihn nicht stoppen.

War Toni damals der beste Spieler im Bayern-Kader?

Braafheid: Das würde ich nicht sagen. Alle waren auf ihre Weise besonders. Vor Philipp Lahm habe ich oft den imaginären Hut gezogen. Ich kann mich an kein schlechtes Spiel von ihm erinnern. Der Kerl hat nicht einmal im Training einen Fehlpass gespielt. Er war eiskalt.

Und Ribery, Ihr Kollege auf der linken Seite?

Braafheid: Franck ist der Typ Fußballer, der dir erst einen Witz erzählt und dich dann zehn Sekunden später von der Seite umgrätscht. Bei ihm wird aus Spaß schnell Ernst. Erst recht, wenn es nicht läuft. Es gibt ja viele vermeintlich große Fußballer, die sich aber verstecken, wenn es drauf ankommt. Franck hat sich nie versteckt. Und das macht einen großen Spieler wirklich aus. Er war immer wütend, wenn er den Ball nicht bekam. "Offensiv, offensiv", rief er immer. Du wusstest: Auf den Jungen ist Verlass. Für mich war es wunderbar, mit ihm zusammenzuspielen. Er und Robben, das war damals die beste Flügelzange der Welt.

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