Fussball

Rene Maric von Borussia Mönchengladbach im Interview: "Alles hat irgendwie bei SPOX angefangen"

Co-Trainer Rene Maric kam zusammen mit Marco Rose im Sommer 2019 von Red Bull Salzburg zu Borussia Mönchengladbach.

Die Lösungen müssen demnach nicht die gleichen sein, obwohl das Spielprinzip das gleiche ist?

Maric: Exakt. Wenn du allein auf dem Platz stehen würdest, ist die beste Lösung, im maximalen Tempo gerade auf das Tor zuzulaufen. Wenn du einen Gegenspieler vor dir hast, ist die beste Lösung, mit einem erfolgreichen Dribbling oder einem Pass an ihm vorbei zu kommen. Richtung und Tempo können nun schon variieren. Von Ausgangspunkten wie diesen lassen sich die verschiedenen Prinzipien ableiten. Der Unterschied der Lösungen ist immer spielerbezogen: Wenn man zu mir sagt, gehe am Gegenspieler vorbei, verliere ich den Ball und es gibt einen Konter. Wenn man es zu Messi sagt, geht er vorbei und schießt ein Tor.

Inwiefern sollte man dabei das Training so spielnah und die Inhalte so einfach wie möglich halten, damit die Spieler quasi gar nicht merken, was sie lernen?

Maric: In jedem Training gibt es unterschiedliche Zielsetzungen. Nicht nur, was den reinen Inhalt, sondern auch den Ansatzpunkt angeht. Bereite ich das letzte Spiel nach oder bereite ich mich aufs nächste Spiel vor? Will ich den Spieler fordern und entwickeln oder will ich einen Ablauf, ein Muster oder ein Prinzip auf das Feld bekommen? Wie kann ich das miteinander verbinden? Und zu welchem Zeitpunkt mache ich das mit einer Mannschaft? Wenn das Team die Prinzipien schon kennt, braucht es beispielsweise neue Reize. Will man die Mannschaft von den Prinzipien überzeugen, macht es wenig Sinn, wenn man es so schwierig oder komplex wie möglich gestaltet. Entwicklung und Erfolg - daran sollte sich das Training orientieren. Komplexität der Kompliziertheit willen macht kaum Sinn - eine Lektion, die ich mittlerweile gelernt habe. Es gab mal einen jugoslawischen Coach namens Ivan "Dalma" Markovic. Er war 40 Jahre lang Trainer und hat seine Spielprinzipien in sehr bildliche und lustige Gedichte verpackt, wie Kinderreime. Die Spieler haben das geliebt und können sie bis heute noch auswendig, 20 Jahre und mehr danach.

Sie haben einmal bezogen auf das Thema Nachwuchsförderung gesagt, dass man "weniger explizit coachen" solle und die inhaltliche Entwicklung der Spieler sekundär sei. Wie meinen Sie das genau?

Maric: Meiner Meinung nach muss man die Balance zwischen Instruktion und freiem Spiel finden. Komplett freies Spiel wird unter Umständen nicht zielgerichtet sein oder die Spieler nur zu Aktionen innerhalb ihrer Komfortzone führen, die sie schon kennen. Zu viel Instruktion kann der sogenannten Kreativität und Fähigkeit, Probleme eigenständig zu lösen, kurz: dem Spielgeist, abträglich sein. So empfinde ich beispielsweise das Verwenden von Kontaktbegrenzungen in Trainingsformen gelegentlich als suboptimal. Wenn ich nie dribbeln darf, woher soll ich es dann können?

Sollte man also weniger an den Schwächen der Spieler arbeiten?

Maric: Wenn ein Jugendspieler im Übergangsalter alles ganz ordentlich kann, wird er vielleicht Viertligaspieler. Wenn er aber eine überragende Fähigkeit hat, sollte man sie so ausbilden, damit sie gut genug für die Bundesliga ist. Kann der Spieler beispielsweise jedem davonlaufen und auch den Ball dabei mitnehmen, muss er nicht die beste Verlagerung spielen können. Es geht um Stärken-Schwächen-Profile und die Frage: Wie wichtig ist es wirklich, die Schwächen auszubilden? Ganz banales Beispiel: Du hast den perfekten Spieler, aber er kann nur zehn Minuten spielen. Dann ist er ein Fall für den Athletiktrainer, nicht für den Fußballtrainer. Sprich: Wie kriegen wir den über unsere Spielformen fit, ohne an fußballerischer Qualität zu verlieren? Die Frage sollte also sein: Mit welchem Input bekomme ich den bestmöglichen und relevanten Output? Effizienz und Effektivität zu berücksichtigen, sozusagen.

Thomas Tuchel hat zu Mainzer Zeiten einmal gesagt, er habe noch nie Elf gegen Elf auf die gesamte Spielfeldgröße spielen lassen, um das eigene Spiel in den angestrebten Räumen zu optimieren und somit bei den Spielern quasi gar keine anderen Denkmuster zuzulassen. Was ist denn dann entscheidender: Die Trainingsform oder das Coaching?

Maric: Im besten Fall arbeiten Trainingsform und Coaching zusammen. Das Coaching unterstützt punktuell die Inhalte beziehungsweise Ziele der Trainingsform. Das Training wiederum gibt dem Coaching die bestmögliche Plattform. Unterschiedliche Spielfeldgrößen trainieren, erschweren oder erleichtern in meinen Augen manche Dinge und sorgen dafür, dass sie häufiger, seltener oder gar nicht mehr passieren.

Entscheidend für das Coaching bei einem solchen Ansatz ist dann aber, die Spieler innerhalb der vorgegebenen Spielfeldgröße so kreativ wie möglich sein zu lassen?

Maric: Ja, durchaus. Wenn die Trainingsform schon die Aktionsmöglichkeiten der Spieler einschränkt, sollte es der Trainer nicht zusätzlich tun. Es sollte einfach nicht zu viel werden. Wenn ich sehr viele Regeln in eine Trainingsform einführe und dann auch noch sehr viel coache, ist das häufig kontraproduktiv. Bei einem freien Spiel im Coaching mit unterschiedlichen Methoden einzugreifen, ergibt wiederum Sinn.

Sie sind studierter Psychologe. Wie sehr muss man das auch als Bestandteil eines Trainerteams sein und wie wichtig ist dieser Aspekt im Umgang mit einzelnen Spielern?

Maric: Das ist sehr wichtig, weil der Umgang mit Menschen über Methodik oder inhaltlicher Kompetenz steht. Ohne eine gute Beziehung zu Staff und Mannschaft kommt nichts rüber, auch wenn man womöglich viele Informationen in sich trägt. Insofern ist die Rolle eines Psychologen innerhalb eines Trainerteams sinnvoll. Dank Marco, aber auch durch mein Psychologiestudium und viele andere Personen in meinem privaten wie beruflichen Umfeld, habe ich diesbezüglich sicherlich einiges gelernt. Am wichtigsten ist jedoch, dass sich jeder seiner Verantwortung im Umgang mit anderen Menschen im Staff, Team oder Verein beim Verfolgen eines gemeinsamen Ziels bewusst ist - nur das führt zum Erfolg.

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