Fussball

Rene Maric von Borussia Mönchengladbach im Interview: "Alles hat irgendwie bei SPOX angefangen"

Co-Trainer Rene Maric kam zusammen mit Marco Rose im Sommer 2019 von Red Bull Salzburg zu Borussia Mönchengladbach.

Rene Maric von Borussia Mönchengladbach ist mit 27 Jahren der jüngste Co-Trainer der Bundesliga. Vor einigen Jahren nahm das Gründungsmitglied der Taktik-Website spielverlagerung.de mit Marco Rose Kontakt auf, seit 2016 arbeiten Maric und Rose zusammen - und gewannen vier Titel in drei Spielzeiten.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Maric unter anderem über seine Zeit als Community-Mitglied bei SPOX, die Bedeutung und das Coachen von Spielprinzipien, einen Trainer, der mit Kinderreimen arbeitete sowie seinen anhand der gesammelten Erfahrung im Profibereich vereinfachten Blickwinkel auf fußballspezifische Themen.

Herr Maric, dass Sie mit 27 Jahren der jüngste Co-Trainer der Bun­des­liga sind, ist bekannt. Genauso, dass Sie 2011 zu den Gründern der Taktik-Web­site spielverlagerung.de gehörten. Was weniger bekannt ist: Die Spielverlagerung-Gründer haben sich einst bei SPOX kennengelernt.

Rene Maric: Ja, alles hat irgendwie bei SPOX angefangen. Von den heutigen Spielverlagerung-Jungs haben Tim Rieke, MB und HW - diese beiden möchten anonym bleiben - bei SPOX begonnen zu schreiben. Das war vor rund zehn Jahren. Der eine hat dann eher Artikel über Trainingseinheiten geschrieben, der andere über Fußballhistorie oder taktische Dinge.

Und Sie sind dann auch aktiv geworden, um sich in den Kommentaren im mySPOX-Bereich austauschen zu können?

Maric: Genau. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits Jugendtrainer in Österreich. Das bin ich mit 17 bei der U11 des TSU Handenberg geworden, weil ich damals schwer am Kreuzband verletzt war und mich der Sektionsleiter Günter Russinger quasi dazu aufgefordert hat. Ich habe dann sehr viele YouTube-Videos einzelner Spieler geschaut und nebenher Trainingsübungen oder Dinge zur Fußballtaktik gegoogelt. So bin ich ursprünglich auf SPOX gestoßen. Um mit den genannten Autoren in Kontakt zu kommen, habe ich mich angemeldet. Daraus ist im Verbund mit Tobias Escher von taktikguru.net letztlich spielverlagerung.de entstanden.

2016 haben Sie schließlich angefangen, als Co-Trainer unter Marco Rose bei RB Salzburg zu arbeiten. Ein Jahr später gewannen Sie mit Salzburgs U19 die UEFA Youth League und nach der Beförderung zur Profimannschaft kam 2018 sowie 2019 der österreichische Meistertitel dazu. Eine ganz platte Frage nun zum Start: Was ist für Sie Taktik?

Maric: Für mich jedenfalls kein bestimmter Matchplan mit diesen und jenen Abläufen, Situationen oder Spielzügen. In meinen Augen ist Taktik die Summe der Entscheidungen einer Mannschaft, die gemeinsam versucht, ein Spiel zu gewinnen. Taktik ist, wenn ein Spieler beispielsweise erkennt, wo und wie er angelaufen wird, dennoch seinen offenen Mitspieler sieht, dieser sich wiederum so positioniert hat, dass er überhaupt anspielbar ist und dann der Ball im richtigen Moment in den richtigen Fuß gepasst wird. Letztlich ist es ein sehr einfacher Prozess: Entweder schützt man den Ball, man bietet sich an oder man öffnet Raum. Mehr gibt es nicht. Taktik ist das gemeinsame Lösen einer Spielsituation durch diese Aktionen anhand vorgegebener Spielprinzipien, die sich mit dem Spielverständnis der Spieler decken.

Muss es das Ziel eines Trainers also sein, die Spieler so zu entwickeln, dass sie sich während des Spiels auf dem Feld sozusagen selbst coachen können?

Maric: Das sollte das Ziel der Trainer, aber auch der Spieler sein. Wenn die Spieler sich und die Mitspieler coachen können, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie die notwendigen Lösungen auf dem Platz finden. Von außen zu intervenieren ist nämlich nicht immer ganz einfach. Man sieht die Probleme von außen nie so gut, wie sie die Spieler auf dem Platz erleben. Mike Tyson sagte einmal, man hat immer einen Plan - bis man eine auf die Fresse bekommt. Und im Spiel bekommt man sozusagen halt auch einmal auf die Fresse. Daher: Umso mehr Spieler in ihren Aufgaben und ihrem Spielumfeld gemeinsam schnell gute Lösungen finden können, desto mehr können sie ihre Mitspieler unterstützen, was wiederum die Qualität der Lösung steigert. Zu viel Coaching im falschen Moment kann sogar dazu führen, dass man den Spielern diese gemeinsame Entscheidungsfindung im Training abnimmt und sie dadurch im Spiel nicht mehr hat.

Welche Rolle spielt dabei die gewissermaßen angeborene Spielintelligenz eines Spielers?

Maric: Spielintelligenz muss angewandte Spielintelligenz sein. Die vermeintliche Lösung einer Spielsituation mit dem Blick von außen zu sehen, ist etwas anderes, als die Lösung auf dem Feld zu finden und sie vor allem auch umsetzen zu können. Man muss den Spielern effektive Prinzipien an die Hand geben. Die Lösungen vorzugeben, ist schwierig. Sie sollen zuerst lernen zu entscheiden, erst dann auszuführen. Der Unterschied ist, dass der Trainer mehr vom großen Ganzen sieht, die Spieler aber auf ihrer Position oft mehr Ahnung haben als der Trainer.

Inwiefern?

Maric: Wenn wir über eine Spielidee reden, sprechen wir immer über die Verbindung zu den Spielern, denn jeder einzelne von ihnen muss sie umsetzen. Es gibt viele kleine Details. Ein Beispiel: Wenn ein Außenverteidiger schräg oder gerade und vielleicht noch in verschiedenem Tempo angelaufen wird, sind das komplett verschiedene Spielsituationen. Obwohl sie sehr ähnlich aussehen, ist die Lösung unterschiedlich. Die von den Trainern vorgegebene Lösung sieht meist so aus, dass man in diesen oder jenen Raum kommen möchte. Für den Spieler macht es jedoch einen Unterschied, ob er mit einem Kontakt spielen kann und eine klare Folgebewegung hat oder mit zwei Kontakten ohne klare Folgebewegung spielen muss. Das fühlt der Spieler, weil es zwei andere emotionale Empfindungen sind - auch wenn es in der Vogelperspektive aussieht, als ob sich die Räume vor ihm ähneln. Natürlich kann sich der Trainer auch hineinversetzen oder Details vorgeben, speziell bei wiederkehrenden Situationen, aber irgendwann wird der Lösungsraum endlos bei nur begrenzter Trainingszeit.

Und die vom Trainer vorgegebenen Spielprinzipien sollen helfen, damit die Spieler in Situationen wie diesen rechtzeitige oder besser noch automatische Lösungen finden?

Maric: Genau. Von außen guckt man sozusagen auf die Lösung, die relativ klar aufscheint. Der Spieler muss jedoch auf dem Feld alle Aspekte des Problems verinnerlichen und sich fragen: Wohin kann ich spielen? Kann ich tief, diagonal oder quer spielen, muss ich mich nach hinten absetzen oder ist eine hohe Verlagerung möglich? Er muss in Sekundenschnelle sechs, sieben, acht Lösungen überprüfen. Natürlich wird ein Außenverteidiger teils anders angelaufen als andere Spieler. Angelaufen wird er dennoch und das aus einer bestimmten Richtung. Wird er gerade angelaufen, ist ein Prinzip bereits, den Ball nicht in die Laufrichtung des Gegners mitzunehmen - und das gilt wiederum für jede Position. Die Grundprinzipien im Fußball basierend auf den anfangs genannten Aktionen sind letztlich immer gleich, doch daraus kann man positions- und gegnerspezifische Muster ableiten.

Wie lässt sich über das Coaching dieses Empfinden von Druck verbessern?

Maric: Grundsätzlich gilt: Jeder Spieler hat ein anderes Gefühl, wann er Druck verspürt. Ein Lionel Messi verspürt ihn möglicherweise erst später als andere Spieler. Es geht darum, sie so auszubilden, dass sie möglichst wenig Druck empfinden und den Ball nicht verlieren. Dennoch ist der Spieler selbst entscheidend: Wenn er das Gefühl hat, bei einem weiteren Kontakt den Ball zu verlieren, dann soll er abspielen, denn das ist dann ja nicht die falsche Entscheidung. Früher wurde immer davon gesprochen, wie die Abstände in einer Viererkette auszusehen haben. Wenn sich der Gegner aber vier Meter tiefer positioniert, muss der Außenverteidiger vielleicht zwei Meter höher stehen. Man kann das verwissenschaftlichen und Winkel, bestimmte Abstände oder geometrische Formen einbauen. Für mich ist das aber der falsche Ansatz. Oder man sieht es als eine Situation, innerhalb derer gewisse Spielregeln gelten. Das ist der Unterschied. Man sollte den Spielern vertrauen.

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