Fussball

"Bereite mich nicht auf Angebote vor"

Markus Weinzierl übernahm 2012 den FC Augsburg als Trainer
© getty

Markus Weinzierl hat den FC Augsburg in die Europa League geführt und ist zu einem der begehrtesten deutschen Trainer auf dem Markt aufgestiegen. SPOX traf den Trainer in Augsburg zum Interview. Ein Gespräch über die Herangehensweise an die Dreifachbelastung, Extremsituationen auf dem Weg zum Bundesligatrainer und ein mögliches Sabbatjahr.

SPOX: Herr Weinzierl, am Freitag wird die Gruppenphase der Europa League ausgelost (13 Uhr im LIVE-TICKER). Was überwiegt bei der Betrachtung dieser Saison: die Freude auf die internationalen Spiele oder der Respekt vor der zusätzlichen Belastung?

Weinzierl: Beides ist da, die Freude ist größer. Platz fünf war für Augsburg eine Sensation. Aber wir wollten dieses Ziel unbedingt erreichen, haben sehr viel investiert und hart gearbeitet. Dementsprechend freuen wir uns auf die Aufgabe. Auf der anderen Seite ist der Respekt da. Zum einen vor den internationalen und nationalen Gegnern, da die Spiele immer eng sind. Und zum zweiten vor der großen Anzahl der Spiele.

SPOX: Im Gegensatz zu vielen anderen Überraschungsteams ist beim FCA der große personelle Aderlass ausgeblieben. Sie haben das auch mit dem fortgeschrittenen Alter einiger Leistungsträger erklärt. Hilft der stabile Kern bei den anstehenden Aufgaben?

Weinzierl: Wir haben mit Pierre-Emile Höjbjerg und Baba schon zwei gute Spieler und große Talente verloren, die wir gerne gehalten hätten. Aber der Kern steht. Diese Spieler sind Fünfter geworden, haben ein gewisses Alter, die nötige Erfahrung und freuen sich unheimlich darauf, in drei Wettbewerben zu spielen. Von uns bekommen sie Rückendeckung und das volle Vertrauen.

SPOX: Viele andere Vereine, die überraschend in den Europapokal eingezogen sind, haben eine schwere Bundesligasaison erlebt. Versuchen Sie aus deren Erfahrungen zu lernen? Haben Sie vielleicht mal mit Christian Streich telefoniert, wie das in Freiburg so war?

Weinzierl: Nein. Der Vergleich mit anderen Vereinen bringt uns nicht sehr weit. Genauso wenig wie es ein Gesetz ist, dass es in der Bundesliga kritisch werden muss, gibt es kein Patentrezept dagegen. Wir sind grundsätzlich darauf eingestellt, dass viele neue Herausforderungen auf uns zukommen werden. Wir wollen die Probleme so gering wie möglich halten und wenn sie da sind, unsere eigenen Lösungen finden. Wir gehen die Dreifachbelastung optimistisch an und kommen hoffentlich gut durch.

SPOX: Was haben Sie mit Hinblick auf die zusätzliche Belastung konkret in Ihrer Trainingsarbeit umgestellt?

Weinzierl: Wir werden viele englische Wochen und wenig Zeit zum Trainieren haben. Daher haben wir die letzten zwei Monate genutzt, um die Basis zu legen, die Fitness zu schaffen und die Abläufe zu verfestigen. Allerdings sind wir davon abhängig, dass viele Spieler fit bleiben. Außerdem sind positive Ergebnisse sehr hilfreich für diese anstrengenden Wochen.

SPOX: Bisher konnten Sie Ihre Mannschaft eine Woche auf den nächsten Gegner vorbereiten. Werden die fehlenden Einheiten der größte Unterscheid?

Weinzierl: Noch kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten, weil wir noch kein Europa-League-Spiel absolviert haben. Aber vermutlich wird es so sein. Wir haben weniger Zeit zu regenerieren und uns auf den Gegner vorzubereiten. Es gilt, trotz ungewohnt vieler Reisen und Spiele, immer fokussiert und beim Anpfiff hundertprozentig da zu sein.

SPOX: Also wird die Saison ein bisschen learning by doing.

Weinzierl: Mit Sicherheit lernt man durch Erfahrungen. Und diese Erlebnisse und Erfahrungen bringen den Verein, die Mannschaft und mich als Trainer weiter. Das Arbeiten in dieser Saison wird hochinteressant und ich freue mich darauf.

SPOX: Augsburg steht für intensiven, aggressiven Fußball und schnelles Umschaltspiel. Welche Auswirkung hat die zusätzliche Belastung auf Ihre Spielidee?

Weinzierl: Unsere Spielidee und die Abläufe stehen. Damit sind wir in den letzten drei Jahren sehr gut gefahren. Sicherlich werden wir uns in Nuancen verändern und situativ anpassen, aber die Idee bleibt die gleiche.

SPOX: Sie sind nach Ihrer Spielerkarriere recht schnell ins Trainergeschäft eingestiegen. Hatten Sie schon zu Ihrer aktiven Zeit eine so klare Idee vom Spiel?

Weinzierl: Der Einstieg ins Trainergeschäft kam für mich relativ überraschend, weil ich durch meine Sportinvalidität aufgrund einer Knieverletzung sehr früh dazu gezwungen war, etwas anderes zu machen. Deshalb habe ich studiert und nebenbei als Co-Trainer in der 4. Liga bei Jahn Regensburg gearbeitet. So ist das Ganze vor neun Jahren ins Rollen gekommen. Und in dieser Zeit hat sich auch die Spielidee immer weiterentwickelt und ich habe mit meinem Trainerteam daran getüftelt. Wir haben uns sehr viele Spiele angeschaut und versucht, immer besser zu werden. Das ist uns mit den Ergebnissen auch gelungen, deshalb sind wir Stand heute zufrieden. Denn am Ende geht es darum, die ideale Strategie für seine Mannschaft zu finden und erfolgreich zu sein.

SPOX: Wie haben Sie Ihre ehemaligen Trainer geprägt?

Weinzierl: Jeder hat seine Qualitäten und man kann von jedem etwas mitnehmen. Als Spieler bei Bayern habe ich die Großen wie Giovanni Trapattoni und Ottmar Hitzfeld miterleben dürfen. Aber in dem Alter habe ich mir keine Gedanken gemacht, was ich selbst als Trainer mal gebrauchen könnte, das lief eher unterbewusst ab.

SPOX: Sie haben früher Libero gespielt.

Weinzierl: Ich war in einer Zeit Spieler, in der der Libero noch aktuell war, aber dann durch die Viererkette ersetzt wurde. Also war ich am Anfang Libero, dann Dreierkettenspieler, dann Viererkettenspieler und später dann Sechser.

SPOX: Aber immer auf Positionen, auf denen strategisches Denken gefragt war, oder?

Weinzierl: Ich habe mir schon Gedanken gemacht, die nicht nur auf mich, sondern das ganze Spiel bezogen waren. Aber so extrem war das nicht.

SPOX: Extrem sind dagegen die Spielideen von Roger Schmidt und Markus Gisdol, beide setzen auf bedingungslose Balljagd und schnelle Umschaltaktionen. Schmidt und Gisdol waren im selben Fußballlehrerjahrgang wie Sie. Wie wurde in diesen Kursen diskutiert?

Weinzierl: Der Lehrgang ist im Allgemeinen sehr, sehr hilfreich. Jeder Kursteilnehmer kommt mit einer gewissen Spielidee dorthin und entwickelt sie im Laufe der zehn Monate weiter. Man bekommt sehr viel Input durch den Lehrgangsleiter Frank Wormuth und den Austausch mit den Kollegen. Es waren neben Schmidt und Gisdol ja noch über 20 andere Trainer dabei. Man unterhält sich zehn, zwölf Stunden am Tag über Fußball. Dabei wird teilweise auch kontrovers diskutiert. Jeder Trainer filtert dann für sich das Interessante heraus und nimmt es in seine Arbeit auf oder eben nicht.

SPOX: Ihre abschließende Hausarbeit haben Sie über Talenterkennung und -förderung geschrieben. Hilft das besonders, wenn man mit eher kleineren Vereinen arbeitet?

Weinzierl: Es ist interessant, dass Sie das Thema kennen, ich hätte es schon fast vergessen. Natürlich braucht ein kleinerer Verein mehr Ideen. Wenn man weniger Geld hat, muss man ständig versuchen, Talente zu erkennen, die ein anderer Verein nicht so hoch einschätzt, und sie dann fördern.

SPOX: Sie haben Ihren Fußballlehrer parallel zum Trainerjob in Regensburg absolviert. Vielen Kollegen hat diese Doppelbelastung den Job gekostet. Warum hat's bei Ihnen geklappt?

Weinzierl: Das war auch für mich und den Jahn eine sehr intensive Phase und es war auch nicht immer alles rund. Aber mein Trainerstab hat das sehr gut geregelt und die Mannschaft hat gut funktioniert. Wir sind in dieser Saison irgendwo im Mittelfeld gelandet, was für Regensburg damals ein Erfolg war.

Seite 1: Weinzierl über Europa, fehlende Trainingseinheiten und die Spielidee

Seite 2: Weinzierl über Sicherheiten, das Schake-Angebot und ein Sabbatjahr

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