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Fussball

"Die Premier League ist sehr spannend"

Berater Marc Kosicke kann sich Jürgen Klopp gut in der Premier League vorstellen
© getty

SPOX: Wie kommt es, dass Sie neuerdings Mats Hummels beraten?

Kosicke: Ganz wichtig: Es bezieht sich nur auf die Vermarktung. Die sportlichen Entscheidungen werden nur von ihm und seinem Vater Hermann Hummels getroffen. Weil Hermann früher in Mainz Jürgen trainiert hatte, kam die Verbindung zustande und sie fragten uns, ob wir sie bei den Sponsoring-Geschichten unterstützen können. Das war's.

SPOX: Zumal Hummels in Dortmund nicht mehr von Klopp, sondern zukünftig von Thomas Tuchel trainiert wird. Was erwarten Sie vom Nachfolger?

Kosicke: Es gibt einige Gemeinsamkeiten. Die emotionale Liebe zum Sport, die Mainzer Geschichte, das Erscheinungsbild mit dem Bart, der Statur und der Vorliebe für Kapuzen-Sweatshirts. Davon abgesehen sind sie sich vom Charakter sehr unterschiedlich. Und genau darin liegt die Chance.

SPOX: Oder ein Risiko. Geht Tuchel nicht das Folkloristische ab, das bei Klubs wie Dortmund und Schalke so wichtig ist?

Kosicke: Das Verhältnis zu den Fans ist natürlich wichtig, trotzdem sollte es in erster Linie um die Mannschaft gehen. Und die Mannschaft braucht keine Klopp-Kopie, sondern etwas komplett anderes. Daher ist der Charakter-Unterschied ein Vorteil.

SPOX: Wenn wir bei den Gemeinsamkeiten bleiben: Wie Tuchel legt Klopp ebenfalls eine Pause ein. Was war dafür entscheidend? Gab es keinen spannenden Verein, den er hätte übernehmen können?

Kosicke: Jürgen hat sich nie mit einem anderen Klub in welcher Form auch immer getroffen.

SPOX: Und Sie?

Kosicke: Ich habe natürlich mit anderen Klubs gesprochen. Nie über das Geld, sondern über die Ziele und Strategien. Und über allem stand für uns immer die Frage: Wie fühlt sich Jürgen, wenn er am 31. Mai mit einem ordentlichen Kater aufwacht, weil er das Pokalfinale gewonnen oder verloren hat? Und ist er bereit, zwei Wochen später mit allem Herzblut und Energie den Schalter umzulegen und nur noch für den neuen Klub da zu sein? Das geht vielleicht nach zwei Jahren bei einem Klub gut. Was ist jedoch nach sieben Jahren Dortmund? Und davor ohne Pause 18 Jahre Mainz? Jürgen hat jetzt zwei großen Lieben hinter sich und gleich in die nächste Beziehung zu stürzen, ist schwierig. Er will sich jetzt als "Trainer-Single" fühlen und mit seiner Frau Sachen erleben, zu denen er lange nicht gekommen ist. Dieser Impuls wurde immer stärker.

SPOX: Und die interessierten Klubs ahnten nichts?

Kosicke: Es war von Beginn an das Schwierigste, die Erwartungen der interessierten Klubs zu managen. Im Grunde sagte ich immer: "Pass auf, Jürgen wird wahrscheinlich eine Pause einlegen, aber wir können uns ja mal kennenlernen." Jeder Verein wusste, dass er höchstwahrscheinlich eine Auszeit einlegt.

SPOX: Wird er sich in der Auszeit weiterbilden? Hospitieren?

Kosicke: In andere Stadien zu gehen, würde ihn reizen, wobei das einfach nicht mehr geht, dafür hat er eine zu markante Erscheinung. Und Hospitanzen sind auf dem Niveau eher ungewöhnlich. Was interessant sein könnte: Dass er sich mal anschaut, wie beispielsweise ein Klub wie Udine funktioniert. Oder wie in Amerika eine Liga wie die MLS organisiert ist. Das Wichtigste: Erst einmal ist Urlaub angesagt.

SPOX: Ist es sicher, dass seine Assistenten Peter Krawietz und Zeljko Buvac nach der Auszeit mit Klopp zum neuen Klub wechseln, unabhängig davon, in welchem Land es sein wird?

Kosicke: Das ist unabhängig von der Liga und der Sprache: Sie sind ein Trainerteam und sie bleiben zusammen, egal was passiert und wohin es geht.

SPOX: Sie sagten bereits, dass für Klopp die Sprache als Mittel wichtig ist und sich deswegen die Premier League anbieten würde, da er des Englischen mächtig ist. Wäre die Premier League auch interessant, weil dort der Trainer zugleich der Manager ist und man größeren Einfluss nehmen kann?

Kosicke: Die Premier League ist sehr spannend. Und damit meinen wir nicht nur die ersten Vier, es gibt ja darunter noch tolle Klubs. Wegen des Jobprofils bin ich mir allerdings nicht sicher. Die Gewaltenteilung in Deutschland finde ich prinzipiell sehr gut und Jürgen ist keiner, der gerne mit Spielerberatern spricht und Transfers abwickelt. Wir müssen sehen, welche Konstellation die sinnvollste ist.

SPOX: Sie sprechen von tollen Klubs außerhalb der ersten Vier. Konkret: Klopps nächster Verein muss nicht zwangsläufig eine Steigerung zu Dortmund sein, was Renommee und Kaufkraft anbelangt?

Kosicke: Es geht immer um die Aufgabe. Als Jürgen damals in Dortmund unterschrieben hatte, gab es andere Klubs, die finanziell und vom Prestige zu der damaligen Zeit besser dastanden. Dennoch gab er Dortmund den Zuschlag. Er besitzt die große Fähigkeit, Dinge zu entwickeln. Wenn er in ein Stadion geht, die Energie spürt und sich denkt, dass er hier etwas schaffen kann, könnte das für ihn reizvoller sein, als zu den vermeintlich Großen zu gehen und das Triple anzustreben.

SPOX: Was dachten Sie sich, als Bayerns Verwaltungsbeirat Helmut Markwort über die angeblichen Verhandlungen zwischen München und Klopp im Sommer 2013 plauderte?

Kosicke: Ich habe direkt bei Mediendirektor Markus Hörwick angerufen und ihn darum gebeten, das Thema zu recherchieren und klarzustellen. Was sowohl der FC Bayern als auch Herr Markwort direkt getan haben.

SPOX: Sie sind sich bewusst, dass bei jeder Bayern-Niederlage in der kommenden Saison Klopp als möglicher Guardiola-Nachfolger gehandelt werden wird? Er kehrt wohl im Sommer 2016 zurück - und Pep Guardiolas Vertrag endet im Sommer 2016.

Kosicke: Die Bayern haben einen Top Trainer und sind sich dessen bewusst. Wenn Guardiola ein Zeichen gibt, dass er für eine Verlängerung bereit ist, werden sie dem sehr wahrscheinlich nachkommen. Jürgen sagt selbst, dass er die Bayern nicht prinzipiell ausschließt, aber es ist nicht so, dass wir nach München schielen und hoffen, dass da was geht. Ganz allgemein ist es das Schöne an der Auszeit: Er kann sich vieles aus der Entfernung anschauen und sich in Ruhe seine Meinung bilden.

SPOX: Im Film "Trainer!" von Grimme-Preisträger Aljoscha Pause spricht Klopp darüber, dass es viele Trainer geben würde, die genauso kompetent sind wie er. Dass es jedoch genauso zum Talent eines Trainers gehört, stressresistent zu sein. Wenn nun selbst ein Klopp eine Auszeit benötigt: Wie schwer ist der Job eines Bundesliga-Trainers?

Kosicke: Extrem stressig. Ich kenne wenige Berufe, in denen man so viel aushalten muss. Das Profil des Trainers hat sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert. Es ist eine Metamorphose hin zum Manager. Dass im Duden der Trainer für Übungsleiter steht, stimmt für die Bundesliga lange nicht mehr. Mittlerweile muss ein Trainer viele Facetten abdecken und die Spieler, das Funktionsteam und die Fachleute für Wissenschaft managen. Zudem muss er zwischen Präsidenten, Geschäftsführer und Presseabteilung die Balance halten. Es ist ein 24/7-Aufgabe, und das zehrt gewaltig.

Filmemacher Aljoscha Pause im SPOX-Interview

SPOX: Wie stressresistent sind Sie? Können Sie in dem Punkt den Trainern beratend zur Seite stehen?

Kosicke: Es ist nicht einfach, weil man sich nie hundertprozentig in den Trainer hineinversetzen kann. Egal wie stressig es bei mir zugeht, meine Arbeit wird nicht im Detail öffentlich bewertet. Wo ich helfen kann: Ich habe ganz gute Trigger für mich gefunden, um runterzufahren. Jogging, selbst kicken, Tennis, ein Hörbuch, Handy ausschalten, was auch immer: Ein Trainer muss für sich die Ruhe-Inseln finden, eigene Anker entwickeln. Dabei versuche ich, Hilfestellung zu geben.

SPOX: Im angesprochenen Film "Trainer!" werden die Schicksale von drei Shootingstars über eine Saison intensiv beleuchtet. Frank Schmidt verpasst mit Heidenheim nur knapp den Aufstieg in die zweite Liga, Ihr Klient Andre Schubert bei St. Pauli und Stephan Schmidt in Paderborn werden hingegen entlassen. Für beide bedeutete es eine schmerzhafte Zäsur. Was sagt es über das Geschäft aus?

Kosicke: Wenn man in der Bundesliga oder 2. Liga relativ schnell aus dem Karussell fliegt, ist es unglaublich schwer, wieder aufzusteigen. Gerade wenn man nicht den bekannten Namen besitzt. Es bleibt nur, sich in der Schlange wieder hinten anzustellen. Eine Abkürzung gibt es leider nicht.

Seite 1: Kosicke über Projekt B und Coaching für Coaches

Seite 2: Kosicke über Klopp, Bayern und die Premier League

Seite 3: Kosicke über den Tuchel-Hype

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