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Formel 1

Warum soll man jetzt noch F1 schauen?

Von Alexander Mey
Eng und am Limit: Die letzten Formel-1-Rennen werden mit offenem Visier angegangen
© Getty

Nachdem Sebastian Vettel Weltmeister ist, stellt sich die Frage: Worum geht es in den letzten vier Rennen überhaupt noch? Natürlich um die Konstrukteurs-WM und Platz zwei bei den Fahrern. Aber nicht nur. SPOX nennt sieben Gründe, warum die Saison trotz allem interessant bleibt.

Konstrukteurs-WM: Zugegeben, dieses Spannungsmoment könnte schon nach dem kommenden Rennen in Südkorea (Training, Fr., 7 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky) Geschichte sein, aber noch ist Red Bull nicht durch. Sie haben vier Rennen vor Schluss 130 Punkte Vorsprung vor McLaren.

Holen Jenson Button und Lewis Hamilton in Südkorea weniger oder genauso viele Punkte wie Sebastian Vettel und Mark Webber, ist die WM entschieden. Denn bei 43 Punkten für einen Doppelsieg sind danach nur noch maximal 129 Zähler zu holen.

Aber auch hinter Red Bull geht es noch um einiges, nämlich um Geld. Im Concorde Agreement der Teams mit F-1-Boss Bernie Ecclestone ist die Verteilung der Preisgelder für den Platz in der Konstrukteurs-WM genau geregelt. 2010 hat Red Bull für den Titelgewinn 87 Millionen Dollar bekommen.

Der genaue Schlüssel ist geheim, aber es ist davon auszugehen, dass sich die Unterschiede von einem Platz zum anderen zwischen 5 und 10 Millionen Dollar bewegen. Am engsten ist der Kampf zwischen Force India (48) und Sauber (40) um Platz sechs.

Vize-Weltmeister bei den Fahrern: Ob dieser Trostpreis irgendetwas bedeutet, darüber gehen die Meinungen bei den Beteiligten weit auseinander.

Fernando Alonso sagt über seine mögliche Verteidigung des Vize-Titels: "Wenn man bedenkt, wie die Saison gelaufen ist, mit einem absolut dominanten Sebastian Vettel, dann ist der zweite Platz ein großartiges Resultat für mich und das Team."

Das McLaren-Duo sieht das anders. "Wenn du nicht Erster bist, bist du nur noch Erster, Zweiter, Dritter oder Vierter bei den Verlierern", sagt Hamilton. Button meint: "Zweiter zu werden, kann nicht das Ziel sein. Wenn du schon mal einen Titel gewonnen hast, willst du nur noch siegen."

Mark Webber spricht auch nicht vom Vize-Titel. Er will endlich seine schwarze Serie beenden und gibt als Ziel aus: "Es wäre gut, wenn ich noch ein Rennen gewinnen würde. Es gab in diesem Jahr ohne Frage einen Kerl, der zu oft gewonnen hat. Seb hat einen phänomenalen Job gemacht, ich habe nur ein bisschen in Führung gelegen. Es ist zwar nett, auf dem Podium zu stehen, aber es gibt einen großen Unterschied, ob man Erster oder Zweiter ist."

Vettel- und Red-Bull-Rekorde für die Geschichtsbücher: Zwei ewige Bestmarken stehen noch auf Vettels Abschussliste. Der Pole-Position-Rekord von Nigel Mansell und der Sieg-Rekord von Michael Schumacher.

Mansell stand in seiner WM-Saison 1992 im Williams 14 Mal auf der Pole. Vettel hat bisher 12 erste Startplätze auf dem Konto und noch vier Chancen, um Mansell sogar zu überholen. Man muss der Fairness halber aber erwähnen, dass der direkte Vergleich hinkt. Mansell holte damals seine 14 Poles in nur 16 Rennen, Vettel hat 19 Rennen Zeit. Mit drei verfehlten Poles hat er jetzt schon mehr als Mansell damals.

Um Schumachers Rekord an Saisonsiegen noch einzustellen, müsste Vettel alle verbleibenden Rennen gewinnen. Nur dann käme er noch auf Schumis 2004er Bestmarke von 13. 2002 gewann der Rekordchampion elf Rennen. Die Aussichten, diese Marke noch zu erreichen, sind deutlich höher.

Übrigens: Red Bull kann noch immer das einzige Team der Formel-1-Geschichte werden, das in einer Saison alle Pole-Positions holt. Alfa Romeo 1950, Ferrari 1952, McLaren 1988 und 1989 und Williams 1992 und 1993 leisteten sich jeweils einen einzigen Ausrutscher.

Testfahrten für 2012: Für die Top-Teams geht es nicht mehr um viel, denn die Abstände in der Konstrukteurs-WM zwischen Red Bull (518), McLaren (388), Ferrari (292) und Mercedes (123) sind so groß, dass Positionsverschiebungen nur noch theoretisch möglich sind.

Von daher wird ab sofort zu hundert Prozent für das 2012er Auto entwickelt. Und einige dieser Entwicklungen werden wahrscheinlich in Trainings, vielleicht sogar in Rennen der noch laufenden Saison getestet.

"Da sich das technische Reglement mit Ausnahme des Auspuffs kaum ändert, können wir in den verbleibenden Rennen experimentieren", kündigt Ferrari-Chefdesigner Nicolas Tombazis an.

Experimentieren will auch Reifenhersteller Pirelli. In Südkorea und in Indien kommen extreme Reifenmischungen zum Einsatz. Die Varianten Supersoft und Soft für das anstehende Rennen in Yeongam bezeichnet Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery selbst als sehr riskant und rechnet von vornherein mit einer Vierstopp-Strategie.

In Indien kommt dann noch einmal die ganz harte Mischung zum Einsatz, um Referenzwerte für die Entwicklung der 2012er Reifen zu erhalten. "Die WM ist gelaufen, also wollen auch wir ein paar Experimente machen", sagt Hembery. Mögliche Konsequenz könnten turbulente Rennen sein.

Arbeitskampf: Für einige Piloten geht es in den letzten vier Rennen schlicht und ergreifend um ihren Job fürs nächste Jahr. Für Rubens Barrichello zum Beispiel, dessen Cockpit bei Williams auf der Kippe steht. "Ich will im nächsten Jahr fahren, was immer es dafür braucht und wo auch immer", sagte Barrichello in Yeongam: "Ich rede mit dem gesamten Fahrerlager."

Ähnliche Probleme haben die beiden Deutschen Adrian Sutil und Nico Hülkenberg. Nur einer von ihnen wird 2012 einen Stammplatz bei Force India bekommen, der andere geht leer aus. Die Entscheidung darüber soll erst im Dezember fallen. Sutil hat also in den Rennen, Hülkenberg in einigen Trainings die Chance, sich aufzudrängen.

Auch bei Toro Rosso geht es um Jobs. Es gilt als sicher, dass nur einer der aktuellen Fahrer im Team bleiben wird, entweder Sebastien Buemi oder Jaime Alguersuari. Denn Daniel Ricciardo wird aller Voraussicht nach seine Chance bekommen.

Da auch bei Lotus-Renault noch nichts in trockenen Tüchern ist, wird es außer bei den vier Top-Teams bei den meisten Rennställen Bewerbungsfahrten und entsprechend hohen Einsatz der Piloten geben.

Premiere in Indien: Immer ein Spannungsmoment ist die Einführung eines neuen Kurses. Wie wird die Organisation sein? Wie sieht das Fahrerlager aus? Und am wichtigsten: Wie ist die Strecke?

Schaut man sich Simulationen an, dann scheint der Kurs nahe Neu Delhi mit einigen schnellen Passagen abwechslungsreich und anspruchsvoll für Fahrer und vor allem Reifen zu sein. Pirellis Experimente diesbezüglich wurden bereits erwähnt.

"Es ist immer interessant, an eine neue Strecke zu kommen", sagt Dominic Harlow, Chefingenieur von Force India, dem Team, das zum ersten Mal sein Heimspiel feiert.

Spaß: Der wahrscheinlich wichtigste Faktor für Motorsport-Puristen ist die Tatsache, dass an der Spitze ab sofort mit offenem Visier um Siege gefahren werden kann. Zwänge, auf Punktestände zu schauen, gibt es kaum noch.

"Auch wenn wir von außen keinen Druck mehr haben, machen wir uns selbst welchen. Denn wir lieben es einfach, Rennen zu fahren", sagt Sebastian Vettel.

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh packt eine echte Kampfansage aus: "Wir können alle restlichen Rennen gewinnen. Wenn wir das schaffen, dann war die Saison doch noch zumindest teilweise respektabel für uns. Außerdem hätten wir gerne noch eine oder zwei Pole-Positions."

Auch Fernando Alonso, obwohl ihm als einzigem Spitzenfahrer die Vize-WM etwas bedeuten würde, gibt als oberste Devise aus: "Ich versuche, die Rennen ohne Druck zu genießen und noch eins zu gewinnen, auch wenn das schwierig wird."

Aussagen, die Lust auf harte Zweikämpfe und tolle Rennaction machen. Dabei sein lohnt sich also auch weiterhin.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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