Peter Filzmaier im Interview: Olympia-Verschiebung? IOC agierte "verantwortungslos und inakzeptabel"

Peter Filzmaier.
© © Gianmaria Gava/Brandstätter Verlag

Peter Filzmaier ist einer der bekanntesten und renommiertesten Politologen Österreichs. Privat ist der 52-Jährige begeisterter Sportfan. Beide Umstände kombinierte der gebürtige Wiener, indem er sich in seiner Doktorarbeit mit den politischen Aspekten der Olympischen Spiele befasste.

Im Interview mit SPOX warnt Filzmaier vor einer verfrühten Aufhebung von Maßnahmen im Sportbereich. Er erzählt, dass er als ORF-Kommentator bei Sportveranstaltungen vorgesehen war und kritisiert das Verhalten des IOC im Zuge der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio.

Herr Filzmaier, bis auf Weißrussland haben alle europäischen Länder den Sportbetrieb komplett eingestellt. Wie äußert sich der Sport-Entzug bei Ihnen?

Peter Filzmaier: Die Antwort wird Sportfans nicht gefallen: Gar nicht. Sorry, doch unser geringstes Problem ist es momentan, ob ich oder irgendjemand eine Liveübertragung im Fernsehen vermisst. Wir kämpfen gegen eine Pandemie mit vielen Toten. Hinzu kommen riesige wirtschaftliche und soziale Folgeprobleme. All das betrifft auch den Sportbereich, aber hoffentlich will niemand eine Krankenschwester oder Supermarktkassiererin in der jetzigen Zeit anjammern, er wäre ja infolge seines Sportentzugs so schrecklich arm.

In Ihrem Buch "Atemlos" beschreiben Sie sich als Wissenschaftler vor dem Laptop, der im Fernseher daneben immer Sport laufen hat. Was läuft dort aktuell?

Filzmaier: Natürlich laufen da sehr oft Sondersendungen zur Coronaviruskrise. Am Laptop sind meistens Internetseiten offen, die Daten zur Entwicklung des Virus zeigen. Doch natürlich kann und soll man sich nicht monothematisch 24 Stunden am Tag damit beschäftigen. Neben der Arbeit ist für mich am Abend oft das Schauen historischer Sportereignisse eine willkommene Ablenkung. Ich schreibe auf meinem Twitteraccount (@PeterFilzmaier) unter dem Hashtag #sportsforever jeden Tag über ein solches Event, fast immer mit einem Link zu YouTube.

Haben Sie einen expliziten Tipp für uns?

Filzmaier: Hm, nehmen wir etwas, das vielleicht nicht jeder kennt: Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney war klar, dass die Australier im Nationalsport Schwimmen viele Medaillen gewinnen. Doch sie wollten eine ganz bestimmte Goldmedaille. In der Königsdisziplin. Der Staffel über 4x100 Meter Freistil. Nur dieses Gold zählte wirklich. Doch es schien aussichtslos. Seit geschwommen wird, hatten ausnahmslos die Amerikaner triumphiert. Die USA hatten auch aktuell vier Schwimmer mit den viel besseren Kraulbestzeiten. Für die Australier hätte da ein Delphinspezialist den Kraulweltrekord brechen müssen. Und am Ende ein Langstreckler den besten Sprinter im Sprint schlagen. Alle Experten hielten das für absurdes Wunschdenken. Der Rest ist Sportgeschichte:

Peter Filzmaier: "Drosten hat verdammt nochmal recht"

Sie haben sich wissenschaftlich mit der politischen Instrumentalisierung des Sports befasst. Wie gefährlich sind die Aussagen und Taten von Weißrusslands Präsident Alexander Lukashenko?

Filzmaier: Lukashenko ist ein Diktator, der schon seit Jahrzehnten für den Tod von Menschen und unzählige Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist. Nun spielt er mit hunderttausenden Menschenleben. Aus populistischen Gründen. Leider ist die Geschichte des Sports voll mit solchen politischen Missbrauchsfällen. Der aktuelle freilich kann besonders vielen Menschen das Leben kosten.

Besteht eine Gefahr, dass Politiker Sportveranstaltungen zu früh wieder zulassen, um der Bevölkerung im Sinne von "Brot und Spiele" etwas an Normalität zurückgeben?

Filzmaier: Ja, diese Gefahr besteht. Man muss auch die kritische Zusatzfrage stellen, ob nicht große Sportverbände mitschuldig wären, wenn sie aus Eigeninteresse dementsprechend Druck auf die Politik machen würden. Die brutale Wahrheit sieht so aus: Es stellt sich die Frage, ob klassische Großveranstaltungen im Sport mit Massen sowohl im Stadion als auch in Reisebewegungen überhaupt jemals wieder verantwortbar sind, bevor wir nicht einen Impfstoff gegen das Coronavirus haben. Oder wenigstens bis es Medikamente für eine Heilung in der Frühphase der Erkrankung gibt, die zudem keine allzu schweren Nebenwirkungen haben.

Wie lautet die Antwort?

Filzmaier: Der Medizinprofessor Christian Drosten, Chefarzt der Virologie am Berline Charite-Krankenhaus und Berater der deutschen Politik und Behörden, hat bereits klar gemacht, dass große Sportveranstaltungen wahrscheinlich an letzter Stelle kommen dürfen. Weil selbst bei einer Eindämmung des Virus die vorsichtige Wiederöffnung von Wirtschaftsbetrieben oder ohnehin erst viel später auch Schulen ungleich wichtiger ist. Ich bin Sportfan. Mit Herz und Seele. Also tun Drostens Aussagen weh. Aber er hat verdammt noch mal völlig recht!

Filzmaier: IOC trägt Verantwortung für Corona-Ausbreitung

Sie liebäugelten in den vergangenen Monaten mit einer Rolle als TV-Kommentator im ORF-Sport. Gab es tatsächlich schon konkrete Pläne - Stichwort Olympia 2020 - für einen Einstieg ins Kommentieren?

Filzmaier: Ja, ich hätte am 19. April in der Übertragung des ORF den Wien-Marathon mitkommentieren dürfen. Als Ex-Laufsportler ist das natürlich auch jener Sport, von dem ich am meisten verstehe. Sowohl für die Euro als auch die Olympischen Spiele gab es zusätzlich einige Überlegungen mit dem ORF, die nun nicht spruchreif wurden. Doch ist es nun klarerweise vollkommen egal, ob und wann ich kommentiere. Bei mir geht es ja bloß um ein Hobby als Erfüllung eines Bubentraums, während hunderttausende Menschen ihren Job verloren haben - und uns allen eine Infektionskrankheit droht, die auch mit den Tod enden kann.

Wie bewerten Sie das Vorgehen des IOC bei der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio?

Filzmaier: Ich halte die Vorgangsweise des IOC und die öffentliche Kommunikation für absolut verantwortungslos und inakzeptabel. Man wollte offenbar auf Zeit spielen und zuwarten, doch eine Verschiebung der Spiele - oder jedenfalls die Ankündigung derselben - hätte viel früher erfolgen müssen. Es gibt zwei dramatische Beispiele, die zeigen, dass das der Fall ist.

Bitte erzählen Sie uns davon.

Filzmaier: In London startete noch Mitte März, als wir bereits Leichenbilder aus Italien sahen, ein europaweites Qualifikationsturnier im Boxen mit zugelassenen Zusehern. Mehrere Infektionen und deren zusätzliche Verbreitung durch die Reisetätigkeit sind nachgewiesen. In Japan standen am 21. März 50.000 Menschen rund um das Olympische Feuer dicht beisammen. Hier tragen das IOC und das Nationale Olympische Komitee für mich moralisch die Verantwortung für noch mehr kranke Menschen und indirekt womöglich sogar für Tote. Gar nicht zu reden davon, dass das IOC im Kampf gegen das Coronavirus eine Vorbildfunktion haben sollte und nun der Inbegriff des gefährlichen Zögerns und Zauderns sowie Herumlavierens ist.

Zum Abschluss habe ich eine Frage an den Edelfan: Wie gefällt Ihnen Ihr Herzensverein, der FC Barcelona, nach der Übernahme von Quique Setien im vergangenen Jänner?

Filzmaier: Ich war ehrlich gesagt wenig begeistert, dass man einen Pensionisten reaktiviert hat. Doch die Probleme Barcas sind kein Trainerproblem. Die Mannschaft hat den rechtzeitigen Generationswechsel verpasst und ist für mich auf einigen Schlüsselpositionen zu langsam. Hinzu kam eine verfehlte Transferpolitik. Vielleicht sogar, weil da alles zu sehr auf Messi ausgerichtet war und wer ihm oder zu ihm passt. Doch Barcafans bleiben solche. An guten Tagen kann ein Messi mit 10 Jugendspielern unverändert jede Mannschaft der Welt schlagen. Und irgendwann hat Barca auch wieder die beste Elf der Welt.

Hinweis: Das Interview wurde Ende März 2020 geführt.

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