Olympia

Kommentar zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio: Eine skandalöse Ignoranz

IOC-Präsident Thomas Bach hält eine Verschiebung der Olympischen Spiele für verfrüht.

Die Rufe nach einer Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio werden im Zuge der Coronavirus-Pandemie immer lauter. Aber IOC-Präsident Thomas Bach scheinen sie nicht zu interessieren - damit beweist er eine skandalöse Ignoranz. Ein Kommentar von SPOX-Chefreporter Florian Regelmann.

Max Hartung ist einer der besten Säbelfechter auf dem Planeten Erde. Die aktuelle Nummer zwei der Welt. Er wäre damit natürlich ein Goldfavorit bei den Olympischen Spielen in Tokio - bei seinem Karrierehöhepunkt. Er wäre es gewesen. Denn Hartung hat in einer bemerkenswerten Entscheidung für sich ausgeschlossen, im Sommer in Tokio anzutreten. Um in der Diskussion um eine Verschiebung ein kraftvolles Zeichen zu setzen.

Dass Hartung nicht alleine dasteht, beweist ein Statement der internationalen Athletenvereinigung "Global Athlete", die das unerträglich träge IOC nun auch zu einer Verschiebung aufforderte. Die Athleten rebellieren, die ganze Welt schließt sich zusammen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen - nur das IOC verschließt die Augen.

Stattdessen gehen fast schon verstörende Bilder um die Welt, die zeigen, wie die Olympische Flamme in Japan eingetroffen ist und 55.000 Japaner das Feuer besichtigen. Wen zur Hölle interessiert aktuell das Olympische Feuer? Wie zur Hölle kann man als IOC immer noch den Gedanken haben, dass im Sommer Menschen aus aller Herren Länder nach Japan einreisen werden? Es ist nur durch eine skandalöse Ignoranz zu erklären.

Olympia im Sommer gesundheitlich nicht zu verantworten

Eine Ignoranz, die sich auch im sich immer wiederholenden Verweis darauf widerspiegelt, dass man ja noch vier Monate Zeit hätte bis zum Start und eine Entscheidung deshalb zu früh käme. Nein, liebes IOC. Käme sie nicht.

Es ist jetzt schon klar, dass Olympische Spiele im Sommer gesundheitlich nicht zu verantworten sein werden. "Es gibt für Viren quasi kein tolleres Fest als so eine Veranstaltung", sagte Virologe Alexander Kekule in der ARD. Es drohen natürlich neue Infektionen und Ansteckungswellen. Und selbst wenn sich die Situation bis dahin positiver gestaltet als befürchtet, ist es dann an der Zeit, sich darüber zu freuen. Aber es ist dann immer noch nicht an der Zeit, um Olympische Spiele auszutragen.

Genauso ist jetzt schon klar, dass gleiche Wettbewerbsbedingungen infolge der Pandemie ausgeschlossen sind. Ein geordneter Trainingsbetrieb ist mindestens für die nächsten Wochen und Monate nicht mehr möglich - und das in der heißen Vorbereitungsphase. Von nicht durchführbaren Qualifikationsturnieren ganz zu schweigen.

Sportler verschieben IHRE Olympischen Spiele quasi selbst

Dazu kommt die Problematik, dass aufgrund von Einreisestopps der ganze Doping-Kontrollmechanismus der Welt-Anti-Doping-Agentur ausgehebelt ist - mit nicht absehbaren Folgen. Gekoppelt mit einem Fünkchen Verantwortungsbewusstsein hätte die Faktenlage schon längst ausreichen müssen, um ohne großes Zögern eine Verschiebung anzukündigen.

Es ist nicht die Zeit auf der Welt für großes Zögern. Es ist die Zeit, um zu handeln. Stattdessen sind es nun die Sportler selbst, die IHRE Olympischen Spiele in noch nie erlebter Art und Weise quasi eigenhändig verschieben, indem sie klar und emotional Stellung beziehen.

Für das IOC bleibt jetzt nur noch eine Aufgabe: Nach einer alternativlosen Verschiebung unter der Einbeziehung der Athleten (!) mögliche Perspektiven aufzuzeigen und zu erarbeiten. Damit Olympia irgendwann nach der Krise wieder seine wichtigste Funktion ausüben kann: die Welt zusammenzubringen. Um einen neuen Aufbruch zu ermöglichen. Das geht aber nur, wenn die skandalöse Ignoranz endlich abgelegt wird und Geld nicht mehr vor Gesundheit und gesundem Menschenverstand steht.

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