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Third and Long: Seattles Desaster und die Blaupause der Chargers

Die Seattle Seahawks standen sich in Dallas - wieder einmal - selbst im Weg.

Die Wildcard-Runde der NFL-Playoffs ist auch schon wieder vorbei. Was bleibt? Ein Seahawks-Game-Plan, der als komplettes Debakel in Flammen aufgeht. Eine Chargers-Defense, die ein anderes Gesicht zeigt und dafür belohnt wird. Außerdem: Welche Schlüsselduelle werden die Divisional-Duelle prägen? Was sollten die Steelers mit Antonio Brown machen? Und: Sind Defenses zurück?

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Die Seahawks-Niederlage war alarmierend - und ein Offenbarungseid

Ein Playoff-Auswärtsspiel kann man verlieren, auch wenn man den besseren Quarterback in seinen Reihen hat. Doch was am Samstagabend in Dallas passierte geht weit, weit darüber hinaus und sollte für Seahawks-Fans ein alarmierendes Zeichen sein. Auch was Head Coach Pete Carroll angeht.

Seit zwei Jahren hatte Carroll nunmehr gepredigt, dass Seattle wieder mehr laufen müsse. Explizit die mangelnde Quantität - also die schiere Anzahl der Runs - stellte er dabei mehrfach heraus und es ist in der Folge eigentlich nur logisch, dass er sich in der vergangenen Offseason für Brian Schottenheimer als seinen Offensive Coordinator entschied; ein Coordinator, der für ein intensiv genutztes Run Game steht und unter anderem mit Rex Ryan bei den Jets genau diesen Stil über Jahre geprägt hat.

Dieser Stil ist nicht mehr zeitgemäß. Das Argument lässt sich leicht statistisch belegen: Das Passing Game hat inzwischen einen deutlich größeren Einfluss auf den Ausgang eines Spiels als das Run Game. Das müssen Coaches berücksichtigen, umso mehr, wenn sie über einen der besten Quarterbacks der NFL verfügen und ihm das Spiel in die Hand geben sollten, statt ihn zu verstecken.

Manche mögen jetzt kritisieren, dass die Seahawks mit einem starken Run Game in die Playoffs marschiert sind. Oder dass ich zu häufig zu kritisch gegenüber dem Run Game bin. Deshalb tauchen wir in die Statistiken ein, um das Debakel des Game Plans der Seahawks für die Cowboys offen zu legen - und um zu zeigen, dass sich Seattle diese Niederlage ganz alleine selbst zuzuschreiben hat.

Seattles unstillbarer Hunger auf das Run Game

Dass die Seahawks den Ball laufen wollen, hat inzwischen jeder mitbekommen. Nur die Ravens (547 Rushing-Versuche) hatten in der Regular Season noch mehr Runs als Seattle (534 - kein anderes Team über 480), vor allem eklatant aber war die First-Down-Quote: Seattle warf in der vergangenen Saison bei gerade einmal 47 Prozent seiner First Downs; kein anderes Team war unter 52 Prozent, der Liga-Schnitt lag bei 59 Prozent.

Der Clou? Seattle verzeichnete 8,1 Yards pro First-Down-Pass und lag damit deutlich über dem Liga-Schnitt (7,7). Bei First-Down-Runs dagegen? 4,5 Yards, exakt im Liga-Durchschnitt. Natürlich kann man das nicht blindlings übertragen und einfach sagen, dass Seattle bei First Down einfach immer werfen sollte. Die Diskrepanz zwischen dem, was funktionierte und dem, was Seattle machte, ist allerdings beachtlich.

Das war in der kompletten Saison in keinem Spiel offensichtlicher, als gegen die Cowboys am Samstagabend. Gegen eine Defense mit einer herausragenden Front, die sehr stark gegen den Run ist, setzte Seattle dennoch stur auf den Run - und das, obwohl die Ergebnisse genau wie der Spielverlauf eigentlich nach einem Kurswechsel schrien.

Seahawks Play-Calling Tendenzen gegen Dallas:

First Down:

Seattle Play-Calling bei First Down
Runs:+5+4+3-4+1+28-7+3+3+1-1
Pässe:-8+26+40Inc.+4+9+5+9Inc.

Bei First Down hatte Seattle elf Runs für 36 Yards - trotz eines 28-Yard-Runs mit dabei. Die neun First-Down-Pässe dagegen, trotz zweier Incompletions und eines desolaten Screens, brachten 85 Yards.

Second Down:

Seattle Play-Calling bei Second Down
Seahawks Second Down Runs:+3+500+3+50+2+4 (TD)
Seahawks Second Down Pässe:+25+7+3Inc.+5+2+53Inc.

Ganz ähnliches Bild bei Second Down. Neun Runs für 22 Yards bei acht Pässen für 95 Yards.

Man erkennt das Muster, und es geht noch weiter. Die Seahawks hatten in der gesamten ersten Hälfte 2,1 Yards pro Running-Back-Run. Bei First Down kamen Seattles Running Backs in der ersten Hälfte auf zwei Yards pro Run, Wilsons Pässe auf 14,5 Yards pro Pass. Seattle hatte gegen Dallas sechs Mal die Kombination "Run-Run" bei First und Second Down - nur ein einziges Mal konnten sie danach aus Third Down einen neuen ersten Versuch erzielen.

Trotzdem, und obwohl die Cowboys in der zweiten Hälfte jedes einzelne Mal, wenn Seattles Offense den Ball bekam, führten, entschieden die Seahawks sich für zwölf weitere Running-Back-Runs nach der Pause. Und das bevorzugt wieder bei First und Second Down, wo es generell weniger ratsam ist, zu laufen. Ganz besonders eklatant war der Touchdown-Drive, bei dem Seattle acht Runs für 22 Yards hatte - genau wie einen Pass, der den gleichen Raumgewinn einbrachte, für den es allerdings ein 4th&5 gebraucht hatte.

Das unterstreicht die Sturheit, mit der Seattle auch dieses Spiel anging; und auch das Argument, dass das Run Game die Seahawks so weit gebracht hat, zieht hier nicht. Zunächst einmal deshalb, weil es in diesem Spiel nicht funktionierte und sich Seattle trotzdem während des Spiels nicht aufs Passing Game verlagerte. Eher das Gegenteil war der Fall. Außerdem aber auch deshalb, weil die Idee, dass das Run Game Seattles Offenes so weit gebracht hat, zumindest stark angezweifelt werden darf.

Diese Offense funktionierte in meinen Augen, weil Russell Wilson in dieser Saison der beste Deep-Ball-Thrower der Liga war und Seattle deshalb bei Third Down prozentual die fünftmeisten explosiven Plays hatte (10 Prozent!). Wilson verzeichnete 7,8 Yards pro Third-Down-Pass, fast ein komplettes Yard mehr als der Liga-Schnitt (6,9).

Das erst erlaubte es Seattle, den Run-lastigen Ansatz bei First und Second Down zu spielen: Obwohl man Wilson damit immer wieder in lange Third Downs brachte, konnte der Drives regelmäßig retten.

Mit dem Wissen, dass ein gutes Passing Game deutlich mehr Schaden anrichten kann als ein gutes Run Game, dass man einen Top-Quarterback und ein gutes Receiving-Corps hat, und dass man auf eine Defense trifft, die insbesondere den Run exzellent stoppt, sind weder der Game Plan, noch die nicht vorgenommenen In-Game-Anpassungen zu rechtfertigen. Es war eine der schlechtesten Coaching-Leistungen in den Playoffs seit vielen Jahren.

Fazit: Wo wollen die Seahawks mit Russell Wilson hin?

Wie geht es weiter? Für mich hat Seattle es nicht dank des Run Games in die Playoffs geschafft, sondern trotz des maßlos übertriebenen Einsatzes des Run Game - obwohl man einen Top-10-Quarterback (mindestens) sowie eines der gefährlicheren Wide-Receiver-Duos ligaweit in seinen Reihen hat.

Das Problem dabei: Schottenheimer wird deshalb seinen Job nicht verlieren - er spielt die Offense, die Pete Carroll sehen will. In allen anderen Bereichen hat Carroll auch dieses Jahr super Arbeit gemacht: den Umbruch blitzartig hinbekommen, junge Spieler in die Defense integriert und selbst die Verletzung von Earl Thomas haben die Seahawks erstaunlich gut weggesteckt.

Carroll ist ein exzellenter Head Coach, und doch: Wenn Seattle seinen Ansatz hier - und vielleicht hatte das Cowboys-Spiel ja eine Signalwirkung - nicht deutlich anpasst, macht man es sich nicht nur selbst unnötig schwer, in der modernen NFL zu gewinnen. Die Seahawks könnten damit ernsthaft das Titelfenster mit Russell Wilson gefährden - und potentiell den Blick des Quarterbacks, der 2019 in sein letztes Vertragsjahr geht und danach womöglich nur via Franchise Tag zu halten ist, auch in andere Richtungen schweifen lassen.

Der mutige Chargers-Plan - und Baltimores Problem

Als die Chargers vor zwei Wochen zuhause von den Ravens geschlagen wurden, war die Story Baltimores Defense: Die herausragende, unglaublich unangenehme Front in Kombination mit der erfahrenen, fast genauso schwer lesbaren Secondary kontrollierte die sonst so exzellente Chargers-Offense und erlaubte es dem eigenen Run Game, das Spiel nach den eigenen Vorlieben zu gestalten.

Insgesamt 35 Mal - davon 32 designte Runs - lief Baltimore in jenem Week-16-Duell, für 159 Yards. Es war tatsächlich eine der schlechteren Rushing-Leistungen der Ravens-Offense, seitdem Lamar Jackson übernommen hatte; dennoch konnten die Chargers das Run Game der Ravens nicht stoppen. Ein Run Game, das nicht komplex ist, aber zu kleinen Fehlern im Verteidigen der Run Gaps verführt, die große Auswirkungen haben. Jackson reichten im Passing Game zwölf Completions, darunter vor allem ein Big Play.

Dass die Offense nicht plötzlich die Ravens-Defense zerlegen würde, umso mehr, wenn man die Offensive-Line-Probleme der Chargers bedenkt, war klar; hier lieferte Baltimores Defense auch am Sonntag eine sehr gute Partie ab. Doch dass man das Run Game besser verteidigen und so Baltimores Offense signifikant limitieren kann, das war der deutlich interessantere, vielversprechendere Weg. Und die Chargers lieferten hier ein mutiges Meisterstück ab.

Baltimore hatte 23 Runs für 90 Yards, ein massiver Drop Off für die Ravens. Seitdem Jackson für Flacco übernommen hatte, kamen die Ravens auf 267, 242, 207, 194, 242, 159 und 296 Rushing-Yards. Die Chargers, die als einziges Team dieses Jahr zum zweiten Mal gegen die Lamar-Jackson-Offense spielen durften, schafften es als erstes Team, das Spiel in Jacksons Arm statt in seine Beine zu zwingen.

Die Chargers-Defense: The Need for Speed

Wie gelang L.A. das? Ein Grund war fraglos die Tatsache, dass die Chargers die verschiedenen Zone Reads und die Formationen der Ravens gerade erst auf dem Feld gesehen hatten. Eine Reaktion darauf war das Verhalten der Defensive Line: Die Chargers attackierten hier ihre Run Gaps aggressiv, statt sich von Zone Reads, Fakes, Pull-Blocks und Misdirection täuschen zu lassen. Das alleine zerstörte mehrere Ravens-Plays und nahm Baltimore mehrfach eine Dimension ihrer Offense.

Doch diese aggressive Vorgehen war in der Form nur möglich, weil die Chargers hinter der Defensive Line etwas umstellten: Geschwindigkeit war Trumpf, die Reichweite auf dem Linebacker-Level erhielt Priorität über Power. L.A. spielte, gegen die Run-lastigste Offense der NFL, ohne Inside Linebacker - 58 ihrer 59 Defensive Snaps (!) kamen mit sieben Defensive Backs auf dem Feld, eine absurde Quote!

Die Chargers hatten somit in diesem einen Playoff-Spiel mehr Snaps mit sieben DBs, als sie in der kompletten Regular Season verzeichneten (50). Kein einziges Team hatte laut NFL Next Gen Stats in der Saison in einem Spiel mehr als 18 Snaps mit sieben Defensive Backs gleichzeitig auf dem Platz.

Dabei "half" es bei der Entscheidung für diesen Game Plan sicher, dass nach Denzel Perryman mit Jatavis Brown ein zweiter Linebacker nicht zur Verfügung stand. In der Folge schlug Defensive Coordinator Gus Bradley Head Coach Anthony Lynn den äußerst ungewöhnlichen Game Plan vor.

Lynn gab nach dem Spiel zu, dass er durchaus skeptisch war: "Ich war mir nicht sicher, ob das klappen würde. Gus hatte das Gefühl, dass uns die Geschwindigkeit dabei helfen würde, Lamar in der Pocket zu halten. Und dass es uns auch im Passing Game helfen würde, wenn wir so die Routes übernehmen können, die normalerweise Linebacker decken. Und es hat funktioniert. Es war riskant, aber es hat sich ausgezahlt."

Auch das war auf Tape sichtbar, denn im Pass-Rush sah man nur zu häufig ein Bild: Beide Edge-Rusher - Melvin Ingram und Joey Bosa - hatten sehr starke Spiele, vor allem Ingram dominierte seinen Gegenüber und war der beste Mann auf dem Platz. Das erlaubte es L.A., gewohnt zurückhaltend im Blitzing zu sein: Jackson wurde am Sonntag ganze drei Mal geblitzt.

In der Folge waren Bosa und Ingram, wenn sie nicht gerade Inside eingesetzt wurden, damit beauftragt, Jackson nicht aus der Pocket kommen zu lassen. Die beiden Defensive Tackles dazwischen sollten Druck über die Mitte machen, und dann lag es an den beiden Safeties - deren Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Linebackern hier ebenfalls sinnvoll eingesetzt wurde -, womöglich entstehende Lücken schnellstmöglich zu schließen.

Die Chargers hatten so hinter ihrer Defensive Line deutlich mehr Reichweite und konnten an der Line of Scrimmage aggressiver zu Werke gehen. Sieben Sacks standen am Ende zu Buche, Jackson hatte selten einfache Completions Underneath. Und weil L.A. mit der Defensive Line agieren statt reagieren konnte, war das designte Run Game über Jackson selbst komplett ineffizient: Bei insgesamt fünf designten Runs hatte Jackson ganze acht Yards.

Baltimores Offense: überraschend ideenlos

So erzwangen die Chargers regelmäßig lange Third Downs und brachten Jackson dazu, über das Passing Game kommen zu müssen; und bis zur plötzlich spannenden Schlussphase war der Rookie hier überfordert.

Auffällig war allerdings auch, dass die Ravens so gar nicht darauf reagierten. 33 Prozent ihrer Regular-Season-Snaps hatten die Ravens mit zwei (25 Prozent) oder drei (8) Tight Ends gleichzeitig auf dem Feld absolviert - ein Top-5-Wert. Baltimore hatte sich in der vergangenen Offseason darauf fokussiert, die Offense wieder mehr auf Multiple-Tight-End-Sets aufzubauen und so Run- und Pass-Play-Designs besser miteinander kombinieren zu können; in der Folge verzeichneten die Ravens starke neun Yards pro Pass aus 12-Personnel (ein Running Back, zwei Tight Ends).

Die Chargers setzten mit ihrem riskanten defensiven Game Plan voll auf Geschwindigkeit und Reichweite, opferten dafür aber umgekehrt Physis und Power in ihrer Front. Das wurde während des Spiels schnell klar, und umso unverständlicher war das Verhalten der Ravens-Coaches: Nick Boyle spielte 18 Snaps, persönlicher Saison-Tiefstwert, Tight-End-Kollege Maxx Williams 17 Snaps, für ihn die wenigsten seit Week 12.

Statt also die Chargers-Defense mit Heavy Personnel und Power zu testen, blieb Baltimore bei einer Handvoll verschiedener Run-Formationen, die stark auf den Zone Read aufbauten - der gegen diese Chargers-Front allerdings nicht funktionieren konnte.

Den Ravens steht jetzt eine sehr spannende Offseason bevor. Joe Flacco wird wohl im Frühjahr abgegeben werden, es soll Jacksons Team sein. Gleichzeitig aber war der Chargers-Ansatz schon so nahe an einer "wie schalte ich diese Offense aus?"-Schablone dran, wie das in der NFL nur geht. Im Endeffekt wird Jackson als Passer besser und vor allem konstanter werden müssen. Mit der - schematisch gedacht - Offense, die Baltimore in der zweiten Saisonhälfte in die Playoffs getragen hat, werden die Ravens 2019 keinen Erfolg haben.

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