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Der Mann hinter dem Schild

Mittwoch, 17.09.2014 | 15:59 Uhr
© getty
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Das Skandal-Video von Baltimore Ravens-Running Back Ray Rice hat die Liga schwer getroffen, das Krisenmanagement war eine einzige Katastrophe. Die erste Krise ist es nicht, trotzdem: Die Rücktrittsforderungen gegenüber NFL-Commissioner Roger Goodell werden immer lauter. Was steckt hinter dem "mächtigsten Mann im Sport" - und warum hat er trotz allem die Rückendeckung seiner Bosse?

1981: Der 22 Jahre alte Roger Goodell hat seinen Wirtschaftsabschluss vom Washington & Jefferson College in der Tasche. Er war als Kind Schülerlotse, hat als Barkeeper gejobbt, bei den Kampagnen seines Vaters, des ehemaligen Senators Charles Goodell, eifrig mitgeholfen. Bis 17 spielte er Football, dann kam eine schwere Knieverletzung.

Er schreibt einen Brief an seinen Vater: "Wenn es etwas gibt, das ich in meinem Leben erreichen will, außer Commissioner der NFL zu sein, dann, dass Du stolz auf mich bist." Dann bewirbt er sich neun Monate lang bei allen 28 Teams der NFL und beim damaligen Commissioner Pete Rozelle, immer und immer wieder. Schließlich bekommt er ein Praktikum in der PR-Abteilung. Kaffee holen und Zeitungsartikel abheften.

2014: Goodell hat seine Ziel erreicht, seinen Jugendtraum verwirklicht. Seit 2006 ist er der Boss der National Football League, für viele der mächtigste Mann im Sport überhaupt. Sein Motto: "Protect the Shield - "Den Schild beschützen", in Anlehnung an das schild-ähnliche Wappen der Liga.

Dieser Schild hat zuletzt einige Kratzer und Beulen davongetragen. Klar, Skandale gibt es immer, in jedem Sport. Doch noch nie stand Goodell so unter Druck wie diesmal.

Der Fall Ray Rice

Die neue Saison hat wieder Fahrt aufgenommen. Die Einschaltquoten sind - wie immer - hervorragend. Die NFL bietet den mit Abstand beliebtesten Sport in den USA, und dazu noch die mit Abstand beliebteste TV-Show. "Alles Roger", möchte man sagen. Und doch erschüttert der Ray-Rice-Skandal die Liga derzeit in ihren Grundfesten.

Der Running Back der Baltimore Ravens hatte seine damalige Verlobte Janay Palmer im Februar in einem Casino in Atlantic City bewusstlos geschlagen und war dabei gefilmt worden, wie er sie aus einem Aufzug schleifte. So weit, so gut, möchte man fast zynisch meinen, eben einer der mittlerweile 42 Fälle häuslicher Gewalt in Goodells Amtszeit.

Rice bekommt lächerliche zwei Spiele Sperre, die Sache ist erledigt. Passendes Fazit wäre wohl "ein Klaps auf die Finger" - wenn der Fall Adrian Peterson nicht wäre...

Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen. Gibt es nicht? Gibt es doch!

Verpatztes Krisenmanagement

Denn das Klatschportal "TMZ" präsentiert pünktlich zum Saisonstart plötzlich Aufnahmen aus dem Inneren des Fahrstuhls. Jeder wusste, was passiert war, der Polizeibericht ist bekannt. Dennoch: Es sind Bilder, bei denen sich einem der Magen umdrehen möchte. So explodiert der Fall erneut - doch der Zorn der Öffentlichkeit lässt vergleichsweise schnell von Rice ab und sucht sich mit der NFL ein neues Ziel.

Deren Umgang mit dem Thema ist, gelinde gesagt, ein Desaster, an Unfähigkeit kaum zu überbieten, den Enthüllungen immer zwei Schritte hinterher. Vernachlässigung, Verharmlosung, Vertuschung, Falschaussagen. Man könnte alles fein säuberlich auflisten - oder es mit einem Zitat Goodells vor seiner Wahl zum Commissioner bewenden lassen: "Man muss Dinge ändern, bevor man dazu gezwungen wird. Man muss schon vorher eine bessere Lösung finden." Und sich sprachlos die Augen reiben, angesichts dieser beißenden Ironie.

Mittlerweile wird allerorts nach Goodells Rücktritt verlangt, von Spielern über Journalisten bis hin zu landesweiten Frauengruppen und Senatoren. Könnte er tatsächlich über Ray Rice stolpern?

25 Milliarden Gründe

Das hängt zunächst einmal von seinen 32 Arbeitgebern ab, den 32 Besitzer(gruppe)n der NFL-Franchises. Auch wenn sie ihm in vielen Dingen Autonomie gewähren, vertritt er letzten Endes doch ihre Interessen. Und füllt ihre Konten.

Womit der wichtigste Punkte schon angesprochen ist: Goodell mag seine Schwächen haben, doch am Verhandlungstisch ist er ein Ass. Schon als Berater seines Vorgängers Paul Tagliabue vollendete er Deals mit der Spielergewerkschaft, neuen Sponsoren und TV-Sendern. Unter seiner Ägide ist der Umsatz der NFL auf über zehn Milliarden Dollar angeschwollen, aber das soll längst nicht alles sein. Goodells Ziel: Unglaubliche 25 Milliarden Umsatz bis 2025. Welcher Teambesitzer möchte ihn angesichts dieser Zahlen schon absägen?

Gibt es Alternativen?

So halten sie zu ihm, selbst im Auge des Sturms. "Ich habe ein mulmiges Gefühl, die Sache fängt an, außer Kontrolle zu geraten", vertraute ein Besitzer Peter King von "Sports Illustrated" an. "Aber ich halte zu Roger. Er hat Großartiges für unsere Liga bewirkt."

Was hätten die Männer am Ruder zu gewinnen, wenn sie Goodell bei einem Großreinemachen vor die Tür setzen? Mehr Geld wohl kaum. Die Bilanz des 55-Jährigen ist hervorragend - obwohl die NFL im wahrsten Sinne des Wortes eine Lizenz zum Gelddrucken ist. Doch das ist nicht alles.

Man darf nicht vergessen: Goodell ist seinen Bossen gegenüber loyal und trägt auch Entscheidungen mit, die er selbst nicht treffen würde. Man denke etwa an die Replacement Referees vor zwei Jahren. Als Sohn eines Politikers kann er sich auf höchstem Parkett gut verkaufen und Befragungen im Kongress aalglatt an sich abprallen lassen, so geschehen in der Diskussion um Gehirnerschütterungen. Für die NFL ein Glücksfall.

Bleibt nur noch ein besseres Image. So manch einer würde Condoleezza Rice gerne auf Goodells Thron sehen. Das gäbe lobendes Rauschen im Blätterwald, kein Zweifel. Aber wäre Rice so vorbehaltlos loyal? Hätte sie zuallererst die Brieftaschen der Besitzer im Sinn? Mit frommen Wünschen in punkto Weltverbesserung kann man sich schließlich nichts kaufen.

Seite 1: Rice als Stolperstein und fehlende Alternativen

Seite 2: Der Beschützer der NFL und seine Mission

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