Dienstag, 28.01.2014

Champ Bailey vs. Richard Sherman

Altmeister gegen Lautsprecher

Der eine ist am Anfang seiner Karriere, der andere am Ende. Der eine tut sich gerne als Lautsprecher vor, der andere ist bekannt dafür, seine Taten auf dem Platz für sich sprechen zu lassen. Mit Richard Sherman von den Seattle Seahawks und Champ Bailey von den Denver Broncos treffen zwei extrem unterschiedliche Cornerbacks im Super Bowl XLVIII (Mo., 0.15 Uhr im LIVE-TICKER) aufeinander, die jedoch eines gemeinsam haben.

Richard Sherman (l.) und Champ Bailey (r.) sind zwei der besten Corners der NFL
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Richard Sherman (l.) und Champ Bailey (r.) sind zwei der besten Corners der NFL

Sie gehören oder gehörten zu den Besten ihrer Zunft und dürfen sich nicht zu Unrecht Shutdown-Corner nennen.

Bei Sherman war der Spielverlauf im Championship Game fast vermutet worden: Nur zwei Pässe des gegnerischen Quarterbacks flogen in seine Richtung. Dass dies bei Bailey ebenfalls der Fall war, war eine fast schon nostalgische Reise in die Vergangenheit. Doch Beide haben eben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

"Meine Zeit wird kommen", erklärte Champ Bailey bereits 2008. Jetzt, fünf Spielzeiten später, bekommt der 1999 von den Washington Redskins gedraftete, mittlerweile 35 Jahre alte Cornerback seine Chance auf den Titel - eine Chance, die er durch seinen Wechsel nach Denver 2004 forcieren wollte. Immer wieder scheiterten die Broncos und Bailey jedoch seit diesem Deal, der Denvers Star-Running Back Clinton Portis nach Washington schickte.

Champ Bailey: Endlich am Ziel

2005 war in der Wildcard-Round gegen den jetzigen Quarterback Peyton Manning und die Colts Schluss, 2006 scheiterten die Broncos erst im Championship Game gegen die Pittsburgh Steelers - nach dem Bailey in der Divisional Round einen Pass von New Englands Tom Brady abgefangen und über 100 Yards bis an die Ein-Yard-Linie der Patriots zurückgetragen hatte. Danach ging es erst im Januar 2012 wieder in die Postseason, als Tim Tebows Wundersaison ihre Verlängerung bis hinein in das Divisional Round-Matchup gegen die Patriots erlebte.

Spätestens mit der Ankunft Peyton Mannings in Denver konnte Bailey auf einen dritten Frühling hoffen. Dass er diesen in dieser Saison nur als verletzter "Teilzeitarbeiter" - gerade einmal fünf Spiele konnte er in dieser Saison absolvieren - erlebte, dürfte seiner Freude dabei keinen Abbruch tun.

Vom Rollenspieler zurück auf den Stammplatz

Zumal seine Rolle im Super Bowl deutlich weniger limitiert sein wird. Nach der Verletzung von Chris Harris gegen San Diego wechselte Bailey zurück in die Stammformation. und hatte in dieser gegen New England ein auf den ersten Blick zwar unspektakuläres, auf den zweiten Blick aber so überzeugendes Spiel, dass man einmal mehr sah, was Ex-Coach Mike Shanahan vor zehn Jahren dazu ermunterte, seinen hoffnungsvollen Running Back für Bailey einzutauschen

Im Championship Game wurde der Satz: "Champ Bailey 'war' einer der besten Shutdown-Corner der NFL" wieder zurück in die Gegenwart befördert. Keiner der Patriots-Wide Receiver wurde Bailey im gesamten Spiel jemals los, nur einmal warf Brady bei einem Verzweiflungsversuch in seine Richtung - und wurde mit einem gescheiterten Pass bestätigt.

Bailey: Wichtig ist auf dem Platz

Trotz seiner Rolle im Spiel: in den Medien steht Bailey einmal mehr außerhalb des Rampenlichts. Nicht nur wegen Richard Sherman, sondern auch wegen seines Quarterbacks Peyton Manning. Beide haben dieses natürlich verdient - aber Baileys erneuter Aufenthalt im Schatten ist eigentlich nur typisch für seine gesamte Karriere.

"Sie wollen den Ruhm, also zeigen sie ihre Gesichter da draussen", erklärte Bailey schon 2004 in der "Sports Illustrated", warum so viele gute Wide Receiver als Diven gelten. "Es gibt auch jede Menge Defensive Backs, die ähnlich agieren - die aber nicht so auffallen." Zwar hatte er mit dem letzten Halbsatz nicht ganz recht, wenn man sich die Shermans, Deion Sanders oder Darrelle Revis dieser Liga anguckt, doch zeigte Bailey damit, dass er eben nicht zur Gilde der Großsprecher gehört.

Selten singt Bailey sein eigenes Loblied, selten gibt es von ihm Trashtalk gegenüber den Gegnern. Kein Wunder also, dass sein Nachfolger bei den Broncos als Nummer-Eins-Cornerback sein größter Fan ist. "Wenn man Cornerback in dieser Liga ist, dann muss man zu Champ Bailey aufschauen und ihn sich zum Vorbild nehmen", so Dominique Rodgers-Cromartie gegenüber der "Denver Post".

Richard Sherman spaltet die USA

Eine ganz andere Charakterstudie liefert Baileys Gegenüber Richard Sherman, der nach seinem gelungenen Coup aus dem NFC Championship Game gegen die San Francisco 49ers die mittlerweile legendären Worte fallen ließ: "Ich bin der beste Corner(back) in dieser Liga. Das passiert, wenn man mich gegen einen armseligen Receiver wie Michael Crabtree antreten lässt." Sherman hatte den entscheidenden Pass von San Franciscos QB Colin Kaepernick in die Hände seines Mitspielers Malcolm Smith abgelenkt. Zuvor hatte Kaepernick im gesamten Spiel nur ein einziges Mal einen von Sherman bewachten Wide Receiver angespielt.

Dass er sich anschließend für die Aussagen entschuldigte, gehört ebenso zum Mediengeschäft rund um den Super Bowl, wie auch die Schelte von NFL-Commissioner Roger Goodell. "Nein, ich jubele sicher nicht nach solchen Ausbrüchen", erklärte der große Boss gegenüber "CBS". "Ich möchte, dass er sich auf bestmögliche Art repräsentiert", schlug Goodell in die Kerbe der empörten Kritiker Shermans, die ihm gerne die Rolle des Rowdys zuschanzen würden.

Dr. Richard und Mister Sherman

Die Verteidiger des vielgescholtenen Cornerbacks preisen hingegen den Unterhaltungswert, den der Cornerback den ansonsten als langweilig geltenden Interviews nach Spielende hinzufügte. Sein College-Coach David Shaw etwa weiß von den zwei Seiten des Richard Sherman zu berichten. Auf die Frage, welcher Stanford-Cardinal-Spieler freiwillig bei einem Camp für Kinder mit Down-Syndrom helfen wolle, habe Sherman "als Erster die Hand gehoben. Er ist weit davon entfernt ein Rowdy zu sein".

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Allerdings, so musste Shaw gegenüber der "San Jose Mercury News" einräumen, wäre da noch Shermans "ultra-ehrgeizige Seite. Wenn das Spiel beginnt und es Mann gegen Mann geht, wenn der Fehdehandschuh geworfen ist, dann ist er bereit". Zudem hatte Crabtree Sherman laut dessen Aussage den Handschlag verweigert, Beide waren zuvor schon in der Offseason in Arizona aneinandergeraten.

Für seinen Auftritt vor den TV-Mikrofonen konnte Sherman nicht belangt werden - für seine Halsabschneidergeste, die er nach der Interception in Richtung Kaepernick machte, musste er jedoch 7875 Dollar berappen.

Ist Sherman der beste Cornerback der NFL?

Corneback-Kollege Darrelle Revis von den Tampa Bay Buccanneers kennt Sprüche a la Sherman aus eigener Erfahrung: "Ich denke, ich bin der Beste. Deion Sanders denkt wahrscheinlich, er ist der Beste. Jeder hat seine eigene Überzeugung. Das ist nun mal so und das macht auch Spaß", so Revis gegenüber "nfl.com".

Der Erfinder der Revis Island - so nennt er seine unmittelbare Umgebung auf dem Feld, die die gegnerischen Quarterbacks besser nicht ansiviseren sollten - kennt sich mit großspurigen Selbstbeweihräucherungen bestens aus. Er weiß aber auch, dass man "die Statistiken anschauen kann oder wie viele Bälle in die eigene Richtung geworfen werden". Es gäbe eben "so viele Variablen. Am Ende sind wir alle talentierte Spieler".

Sherman sticht aus dieser Reihe der talentierten Spieler in dieser NFL-Saison etwas heraus - und dies nicht nur, weil die Seahawks-Defense die Defensiv-Statistiken in Sachen zugelassene Punkte, zugelassene Yards und Interceptions anführten. Shermans acht Interceptions sind Top in der Liga, zumal zu Bedenken ist, dass wirklich viele Quarterbacks von Würfen auf von ihm bewachte Wide Receiver zurückscheuten.

Dass er damit einer der besten Shutdown-Corner der Liga ist, bleibt unbestritten. Dass er im Eins gegen Eins seine Gegner meist im Griff hat, ebenfalls. Und das mit ihm auch nach dem Catch nicht gut Kirschen essen ist, wissen seine Gegenspieler. Nicht umsonst verpasste Sherman sich und dem Rest der Secondary den Spitznamen "Legion of Boom". "Es gibt kein großartiges Defensive Backfield ohne eine großartige Front Seven", erklärte er in seiner Kolumne in der "Sports Illustrated" den Anteil der Defensive Linemen und Linebacker am Erfolg.

Bailey: Kein Problem mit Sherman

Trotz des unterschiedlichen Charakters hat Altmeister Bailey kein Problem mit Sherman: "Ich beobachte ihn in dieser Saison genauer. Jede Woche macht er den entscheidenden Spielzug, der das Spiel beeinflusst", beschrieb Champ Bailey seinen Super Bowl-Kontrahenten. "Ich habe keine Probleme mit seinem Charakter. Wenn man ihn nicht gerne reden hört, sollte man ihm nicht die Möglichkeit dazu geben, dass er reden kann", lautet sein Rezept gegen Shermans große Klappe.

Dafür sind jedoch im Super Bowl eher Baileys Mitspieler Peyton Manning, Julius Thomas, Demaryius Thomas, Eric Decker und Wes Welker verantwortlich. Genau wie Bailey in der Defensive Shermans Mitspieler Russell Wilson, Marshawn Lynch oder den wiedergenesenen Wide Receiver Percy Harvin stoppen soll.

Die NFL-Playoffs im Überblick

Sven Kittelmann

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