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Secondary der Seattle Seahawks

The Legion of Boom

Von Philipp Jakob
Donnerstag, 16.01.2014 | 17:14 Uhr
Richard Sherman gilt als einer der besten Cornerbacks der NFL
© getty
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Die Secondary der Seattle Seahawks um Richard Sherman und Earl Thomas sorgt für einige Furore in der NFL. Als "Legion of Boom" lassen sie die Gegner verzweifeln und stellen damit einen wichtigen Teil der besten Verteidigung der Liga dar. Im Championship Game gegen die San Francisco 49ers (Mo., 0.30 Uhr im LIVE-TICKER) bekommt es die Defense mit Colin Kaepernick und Co. zu tun.

Selbst als wahrscheinlich bester Tight End der NFL darf man sich nicht alles erlauben. Vor allem nicht in Seattle. Bereits zwei Stunden vor dem Kickoff der Partie zwischen den Seahawks und Saints am letzten Samstag kam es zum ersten Duell von Jimmy Graham gegen Seattles Defense. Was als Wortgefecht anfing, entwickelte sich schnell zu einer kleinen Rangelei zwischen Graham und einigen Seahawks-Verteidigern.

Der Grund: New Orleans' Superstar wärmte sich auf der falschen Seite des Spielfeldes auf. Linebacker Bruce Irvin erklärte die Situation später der Presse: "Ich fragte ihn höflich, ob er weggehen könnte, wir wollten uns schließlich warmmachen. Er antwortete: 'Ich bin Jimmy'. Daraufhin sagte ich: 'Wer ist Jimmy?' Dann schlug ich ihm den Ball aus den Händen und schoss ihn über das Feld."

Doch Graham hatte offenbar noch nicht genug und provozierte kurz vor Spielbeginn Cornerback Richard Sherman. Erneut kam es zu einer kleinen Rangelei, die von den Referees unterbunden werden musste. "Er sagte, er würde uns überrennen oder sowas", sagte Sherman nach dem Spiel, ohne sich dabei ein Lächeln verkneifen zu können.

Top-Defense in Seattle

Für Provokationen ist die Punktemaschine der Saints eigentlich nicht bekannt, vielmehr für seine Leistungen auf dem Spielfeld. Mit 1215 Receiving Yards und 16 Touchdowns (Career-High) unterstrich Graham während der Saison erneut seinen Status als bester Tight End der Liga. Davon war im Spiel gegen Seattle allerdings nichts zu sehen.

Im Boxscore waren am Ende des Spiels nur ein Catch für magere acht Yards Raumgewinn hinter seinem Namen verzeichnet. Viel zu wenig für die hohen Ansprüche der Saints und damit ein Grund für das Playoff-Aus. Die Ursache für das schlechte Auftreten Grahams ist schnell gefunden: die Defense der Seahawks.

Seattles Verteidigung belegte am Ende der regulären Saison in nahezu allen Statistiken Top-Platzierungen, führte die Liga in zugelassenen Yards und zugelassenen Touchdowns an und erzwang die meisten Turnovers. Dass die Seahawks laut den DVOA-Ratings von "footballoutsiders.com" damit die siebtbeste Defense seit 1989 stellen, unterstreicht die Dominanz des Teams.

Vor allem aber wurden gegnerische Passspielzüge exzellent verteidigt. Das Team belegte mit 28 Interceptions auch in dieser Kategorie den ersten Platz, genauso wie bei den zugelassenen Passing Yards. Sherman und Co. hielten die gegnerischen Quarterbacks bei durchschnittlich 172 Yards pro Spiel und bei einem QB-Rating von 63,4.

The Legion of Boom

Vor ein paar Jahren hatte damit noch niemand gerechnet, doch durch eher unkonventionelle Methoden schmiedete Head Coach Pete Carroll seine Defense zu dem, was sie heute ausmacht: große, athletische Verteidiger in der Secondary, die auch mit Tight Ends wie Graham körperlich keine Probleme haben. In der NFL ist es eher üblich, kleine und vor allem flinke Defensive Backs aufzustellen, in Seattle schert man sich aber nicht um Konventionen.

So auch in Sachen Spitznamen. Jede großartige Verteidigung hat einen, so auch die der Seahawks. Allerdings hat es ein wenig gedauert, bis der beste Name gefunden wurde. Ein Fan kam nach einem Radiointerview von Strong Safety Kam Chancellor mit einer Idee auf, die sich innerhalb kurzer Zeit durchsetzen sollte: The Legion of Boom.

Andere Vorschläge, wie zum Beispiel "The Four Horsemen", wurden zuvor von Richard Sherman abgelehnt, mit einer einfachen Begründung: "Wir sind mehr als vier!" Damit unterstrich der Cornerback die beeindruckende Tiefe der Seahawks-Secondary.

Defensive-Coordinator Dan Quinn kann nicht nur die Stars wie Sherman oder Free Safety Earl Thomas auf den Platz schicken, sondern vertraut in kritischen Situationen auch seinen Backups Jeremy Lane (CB) oder Byron Maxwell (CB). Besonders letzterer war gefordert, nachdem die etatmäßigen Starter Walter Thurmond und Brandon Browner von der NFL suspendiert wurden und vier bzw. acht Spiele verpassten.

"Das ist nicht dreist. Das ist selbstbewusst."

Sherman stellt dabei das Hirn der Legion of Boom dar. Mit seinen athletischen Fähigkeiten gilt er als einer der besten Cornerbacks der NFL und führte mit acht Interceptions die Rangliste der Liga an. Und das, obwohl er im Draft 2011 von vielen Teams verschmäht und erst in der fünften Runde ausgewählt wurde.

Doch daraus zog Sherman seine Motivation, der Spielertyp zu sein, der er nun einmal ist - mit Erfolg. Seine vorlaute, leicht arrogante Art bescherte ihm allerdings nicht nur Freunde, was eine Twitter-Fehde mit Buccaners-Cornerback Darrelle Revis, Anfeindungen mit Lions-Wide-Receiver Calvin Johnson und spottende Kommentare gegenüber Patriots-Quarterback Tom Brady unter Beweis stellten.

Jedoch war Sherman immer in der Lage, seine Kommentare abseits des Feldes mit sportlichem Erfolg zu rechtfertigen. Im Gegensatz zu vielen Spielern stimmt bei ihm das Sprichwort: Große Klappe, viel dahinter.

Spätes Glück

Viele der Mitglieder der Legion of Boom legten einen ähnlichen Werdegang wie Sherman hin. Drei der vier Starter in der Secondary wurden erst in der fünften Runde der Draft oder später gezogen.

Die Ausnahme bildet Earl Thomas, doch auch für den 14. Pick von 2010 lief nicht alles wie geplant. In seiner Rookie-Saison ging er bei seinen Aktionen zu viel Risiko ein und machte dadurch viele Fehler, die ihm fast einen Platz auf der Bank bescherten.

Doch er lernte daraus und entwickelte sich zu einem Top-Verteidiger, genau wie seine Kollegen - Kam Chancellor zum Beispiel. Der Strong Safety hat bereits mit gerade einmal 25 Jahren eine illustre Karriere hinter sich. Seine College-Laufbahn begann er als Backup-Quarterback bei Virginia Tech, wechselte jedoch schnell in die Defense. Viel Beachtung wurde ihm allerdings nicht geschenkt. Selbst Scouts sollen damals seinen Namen falsch geschrieben haben.

Auch als er 2010 von den Seahawks in der fünften Runde gedraftet wurde, änderte das erst mal nichts an seinem Status - bis zu seinem kleinen Tete-a-Tete mit Todd Heap. Chancellor machte im September 2011 auf seine wahrscheinlich größte Stärke aufmerksam, als er in einer Partie gegen Arizona den Cardinals-Tight-End mit einem Block förmlich zerstörte.

Ängstliche Gegner

Seit diesem Tag eilt Chancellor der Ruf eines eiskalten Abräumers voraus, der für das Team eine extrem wichtige Rolle spielt. "Jeder muss berücksichtigen, wie viel Angst er in den Herzen des Gegners schürt", sagt Thomas zu Beispiel. "Dieser Einschüchterungsfaktor ist so wichtig. Und es macht das Tackling für die anderen Verteidiger einfacher."

Zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit in Seattle teilte sich das junge Safety-Duo sogar ein Hotelzimmer. So wurden sie zu guten Freunden, wie alle Defensive Backs der Seahawks. Sie flogen bereits zusammen nach Miami in den Urlaub und fahren jedes Jahr zum Lake Chelan nach Washington.

Als Chancellor, Thomas und Browner 2011 in den Pro-Bowl-Kader gewählt wurden, nahmen sie Sherman einfach mit auf den Trip nach Hawaii. "Bei uns ist nichts gefaked. Wir wissen, dass unsere Brüder uns den Rücken frei halten. Wenn jeder das verinnerlicht, dann werden wir als Einheit sehr stark sein", so Chancellor.

Beste Secondary der NFL-Geschichte?

Defensive-Backs-Coach Kris Richard bringt es auf den Punkt: "Es gibt keine 'Legion of Four'!" Der Zusammenhalt im Defensive Backfield ist beeindruckend, genau wie der Hintergrund der Spieler, die sich aus einem Tief herausgearbeitet haben und nun in der NFL dominieren.

Um allerdings definitiv als eine der besten Secondarys der NFL in die Geschichte einzugehen, wäre das Erreichen des Super Bowls und ein Sieg in New York extrem wichtig. Denn ohne Titel ist für jede noch so starke Verteidigung die Gefahr groß, in Vergessenheit zu geraten.

Zumindest bei Jimmy Graham wird das aber schon jetzt vermutlich nicht mehr passieren.

Die NFL-Playoffs im Überblick

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