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Durch die Hölle und zurück

Mittwoch, 16.09.2015 | 11:11 Uhr
Danilo Gallinari führte die Italiener bei der EuroBasket ins Viertelfinale
© getty
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Am Mittwochabend verlor Italien mit Danilo Gallinari gegen Litauen das Viertelfinale der EuroBasket, dennoch ist das Turnier für ihn als Erfolg zu werten. Der teamorientierte Leader hat zweieinhalb Jahre nach seiner schweren Verletzung endlich wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Bei den Denver Nuggets soll er helfen, einen fliegenden Neustart hinzulegen.

Es ist der 4. April 2013. Die Denver Nuggets und die Dallas Mavericks liefern sich im Pepsi Center einen engen Fight. Vier Minuten vor der Pause bekommt Danilo Gallinari das Matchup, das er haben wollte. Nach einem Switch sieht er sich an der Dreierlinie Verteidiger Dirk Nowitzki gegenüber.

Ein Dribbling, zwei Dribblings, dann der Antritt. Mit Leichtigkeit zieht der Forward an Dirk über die Mitte vorbei. Doch dann passiert es. Um Darren Collison auszuweichen, macht Gallo auf dem Weg zum Layup einen etwas zu großen Schritt mit dem linken Bein. Er kommt auf, verdreht sich das Knie und geht mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Danilo Gallinari hat sich soeben das Kreuzband und den Meniskus gerissen.

Es ist der 5. September 2015. Italien und die Türkei liefern sich bei der EuroBasket in der Mercedes-Benz Arena von Berlin einen engen Fight. Neun Minuten vor dem Ende bekommt Gallinari an der Dreierlinie den Ball. Kein Dribbbling, direkt der Antritt. Mit Leichtigkeit zieht der Forward an Ersan Ilyasova über die Mitte vorbei, wird von der Hilfe bedrängt und verwandelt dennoch einen akrobatischen Fingerroll für seine Punkte 24 und 25. Es ist endgültige Beweis: Der alte Gallo ist zurück.

Plötzlich MVP?

Zwischen diesen beiden Spielszenen liegen knapp zweieinhalb Jahre. Die erste ein heftiger Einschnitt in Gallos nach oben zeigender Leistungskurve, die zweite eine Versinnbildlichung seiner endlich wiedergefundenen Stärke und der Beweis, dass Gallos Name neben Pau Gasol und Jan Vesely zu Recht in der MVP-Diskussion der EuroBasket genannt wird.

Es war ein harter Weg zurück. Nach der Verletzung entschied Gallinari zusammen mit den Ärzten, den Meniskusriss operieren zu lassen, das Kreuzband sollte hingegen auf natürlichem Weg heilen. Doch es gab Komplikationen und neun Monate später fand sich der Italiener anstatt auf dem Spielfeld erneut umringt von grünen Kitteln auf dem OP-Tisch wieder. Nun musste das Kreuzband doch künstlich wiederhergestellt werden - und Gallo in die nächste Reha.

Der nächste Rückschlag

Er kämpfte. 19 Monate dauerte die Leidenszeit, bis Gallinari zum ersten Mal nach seiner schlimmen Verletzung wieder einen NBA-Court betreten konnte. Doch die Freude währte nicht lange. Kaum zwei Monate später, im Dezember 2014, die nächste Hiobsbotschaft: Meniskusriss im anderen Knie.

Glücklicherweise war die Verletzung dieses Mal nicht ganz so schlimm - drei Wochen musste Gallo nur Anzug tragen. Doch sein Körper hatte ihm einen Warnschuss direkt vor den Bug versetzt: Sei verdammt nochmal vorsichtig!

Eingeschränkter Tanzbereich

Gallinari nutzte die nächsten Monate, um sich langsam wieder an das NBA-Niveau zu gewöhnen, steigerte bedächtig seine Minuten und so langsam fiel der Rost von ihm ab. Ab und zu erlaubte er sich mal einen Drive zum Korb, doch vorerst blieb die Handbremse angezogen und der Perimeter sein primärer Tanzbereich.

Ende der Saison sah man hier und da wieder den Danilo alter Tage durchblitzen. Gegen die Orlando Magic legte er im März mit 40 Punkten ein neues Career High auf, nur um seine Bestmarke keine drei Wochen später mit 47 Zählern gegen Dallas zu übertrumpfen. Ausgerechnet gegen die Mavs, gegen die er sich zwei Jahre zuvor verletzt hatte.

Doch es blieben sporadische Highlights - ähnlich wie man vergangene Spielzeit manchmal dachte, man würde gerade ein Derrick-Rose-Tape von 2011 schauen. Aber eben nur manchmal. Der 27-Jährige wirkte nicht so spritzig wie früher, seine Bewegungen nicht flüssig, es fehlte an Explosivität. Zudem schränkte das kriselnde und unorganisierte Nuggets-Team seine Leistungen ein.

Zurück zu Karl

Vor seiner Verletzung war das anders. Das Run-and-Gun-System von George Karl mit der klaren Ausrichtung spielte Gallo, der 2011 als Trostpreis im Carmelo-Anthony-Trade von New York nach Denver verschifft wurde, in die Karten. 16,2 Punkte, 5,2 Rebounds und 2,5 Assists legte er damals auf - Tendenz steigend.

Mit dem neuen Nuggets-Coach Mike Malone sitzt nach dem gescheiterten Experiment Brian Shaw und Interimslösung Melvin Hunt zwar ein Defensiv-Guru an der Seitenlinie, doch die Nuggets werden auch mit Malone wie unter Karl nach vorn spielen.

Die Verantwortlichen wollen es so und das Roster ist eben genau dafür zusammengestellt worden: ein schneller Point Guard in Emmanual Mudiay, athletische Flügelspieler wie Gallo, Wilson Chandler und Will Barton, "Manimal" Kenneth Faried sowie mobile Big Men wie Jusuf Nurkic oder Joffrey Lauvergne.

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"Wir sind ein Run-and-Gun-Team"

"Ich habe viel mit Malone und auch mit den Assistenten gesprochen", so Gallinari: "Wir sind ein Run-and-Gun-Team. Das müssen wir sein. Wir müssen mehr laufen als die anderen. Das wird in der Western Conference nicht gerade leicht, aber wenn wir gesund bleiben, können wir wirklich etwas erreichen."

Um Gallinaris Spiel zu studieren, war Malone extra nach Berlin geflogen - schließlich hatten die Verantwortlichen um General Manager Tim Connelly mit ihm vor kurzem eine Vertragsverlängerung um zwei Jahre und 31 Millionen Dollar perfekt gemacht. Kein kompletter Rebuild also, sondern ein fliegender Neustart. Der neue Vertrag war ein Signal, von dem selbst Gallinari überrascht war.

Nuggets-Offseason: Es war einmal... kein Märchen

Bei der EuroBasket sieht Malone derzeit einen anderen Gallo als vergangene Saison. Er sieht einen Leader. Er sieht einen furchtlosen Kämpfer, dessen Kopf endlich wieder seinem Körper vertraut. Und er sieht eine Effizienz-Bestie. 21,4 Punkte, 7,4 Rebounds und 2,6 Assists erzielte Italiens Nummer acht pro Spiel in der schweren Gruppe B, bei einer Quote von 64,3 Prozent aus dem Feld.

"Das ist meine Natur"

Nicht immer ist er - wie mit 33 Punkten gegen die Türkei - Topscorer der Azzurri, aber als Kapitän gibt er die Richtung vor. Nicht eigensinnig, sondern teamorientiert. "Das ist meine Natur", sagte Gallinari gegenüber ESPN: "So will ich Basketball spielen. In den USA ist es ein bisschen anders, aber hier spielen wir ein anderes Spiel. In Europa musst du das Spiel zu dir kommen lassen. In den Staaten musst du gehen und es dir nehmen."

Die Stimmung im Team von Simone Pianigiani ist blendend - bestätigt von jedem einzelnen Gallinari-Post in den Sozialen Medien: Man findet haufenweise tanzende Spieler, singende Spieler, posende Spieler und Videos von Circus-Shot-Contest.

Trotz der unterschiedlichen und teilweise komplizierten Charaktere aus der NBA (Stichwort Marco Belinelli) und heimischer Liga (Stichwort Alessandro Gentile) stimmt die Chemie - und die Einstellung: "Unsere Defense ist unsere Offense", so Gallo: "Wenn wir in der Verteidigung gut spielen, können wir ins Laufen kommen und viel mehr den Flow mitnehmen."

Genauso wie es in Denver geplant ist. Denn wenn die EuroBasket Geschichte ist, beginnt für Gallinari der nächste Schritt seines Comebacks zu alter Stärke. Er muss die Erfolgserlebnisse des Turniers in die Mile High City mitnehmen und sein wiedergewonnenes Vertrauen in Konstanz umsetzen. Schließlich ist Gallo auch bei den Nuggets, Dreh-, Angelpunkt und Vorbild.

Learning by watching

"Sein Basketball-IQ ist herausragend", so GM Connelly: "Er hat einen beruhigenden Einfluss auf das Spiel und kann als zweiter Playmaker agieren. Diese übergeordnete Spielintelligenz hat uns gefehlt." Auch dafür hat Gallinari in seiner Reha gearbeitet, sich Spiele über Spiele angesehen.

"Ich habe versucht, von verschiedenen Spielern zu lernen", so Gallinari: "Ich wollte verstehen, was ich besser machen kann. Und mir sind viele unterschiedliche Dinge aufgefallen. Nehmen wir Kevin Durant. Er ist der beste Offensivspieler, gegen den ich jemals gespielt habe. Also habe ich mir angeschaut, was er macht und wie er es schafft, so viele Punkte zu erzielen. Oder LeBron James. Er kann alles: punkten, verteidigen und seine Rebound-Fähigkeit ist unglaublich. Ich muss viele Aspekte meines Spiels genau betrachten. Zum Beispiel wie ich konstanter werden kann und noch mehr Wege finden kann, zu punkten."

Die grün-weiß-rote Mission

Diese Einstellung lässt hoffen. Nicht nur für Gallinari, sondern auch für die Nuggets, die kommende Saison den ersten Schritt zurück in Richtung Wettbewerbsfähigkeit machen wollen. Aber zunächst heißt es volle Konzentration auf die EuroBasket und die grün-weiß-rote Mission: Gegen Litauen ins Halbfinale einziehen.

Selbstverständlich träumen die Tifosi bereits vom ersten Edelmetall seit dem olympischen Silber 2004 in Athen. Doch auch Gallinari ist zuversichtlich: "Wir wollen eine Medaille. Wir wollen bis zum Ende dabei sein und ganz oben stehen. Wir müssen nur an uns selbst glauben." So wie es Gallinari in all den schweren Reha-Monaten getan hat. Jetzt ist Zeit für die Belohnung.

Der NBA-Spielplan im Überblick

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