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Back in the Summer of '84

Von Martin Gödderz
Mittwoch, 24.06.2015 | 11:04 Uhr
Legendendichte im Draft 1984 mit Olajuwon, Jordan, Barkley und Stockton (v.l.)
© getty
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NBA
Thunder @ Jazz (Spiel 4)

Es gab viele gute NBA-Jahrgänge, doch bis heute gilt der Draft von 1984 als der legendärste aller Zeiten. Dabei brachte er nicht nur "The Greatest One", fünf Hall of Famer und sieben spätere All-Stars hervor. Er war vor allen Dingen reich an unfassbaren Geschichten, Fehlentscheidungen und irren Wendungen. Wir drehen die Zeit zurück und springen zum Tag des geschichtsträchtigen Drafts.

Marty Blake blickte entschlossen in die Kamera. "Dieser Draft ist extrem gut besetzt. Es passiert nicht oft, dass sechs potenzielle Superstars teilnehmen", klärte der damalige Draft-Guru und schier allwissende Superscout das größtenteils ahnungslose oder desinteressierte Fernsehpublikum auf, als am Nachmittag des 19. Juni 1984 die TV-Übertragung des NBA Drafts begann.

Wenige Tage zuvor hatte die NBA eines der besten Finals der Geschichte erlebt. Über sieben Spiele hatten sich die Celtics um Larry Bird und die Lakers mit Magic Johnson eine wahre Schlacht geliefert. Da passte es nur gut, dass der bevorstehende Draft als einer mit sehr viel Potenzial galt.

Stern: "Mussten für Übertragung zahlen"

Diese Tatsache bedeutete aber nicht, dass deswegen besonders großes Interesse an der Veranstaltung bestand. In der NBA anno 1984 war der Draft ein unscheinbares Ereignis. "Wir mussten USA Network bezahlen, damit der Draft überhaupt im Fernsehen übertragen wurde. So schwer war es damals, überhaupt Zuschauer für die Veranstaltung zu gewinnen", erklärt David Stern heute.

Als der zu dieser Zeit frisch ins Amt gewählte Commissioner nach seinem ersten durchgeführten Draft die Bühne in New York City verließ, wird er höchstens erahnt haben, dass dieser Abend die Geschichte und Struktur der National Basketball Association wohl so sehr beeinflusst hatte, wie kaum ein anderes Ereignis in der Historie der Liga.

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Mit Hakeem (damals noch Akeem) Olajuwon, Michael Jordan, Charles Barkley und John Stockton hatte er kurz zuvor nicht nur vier zukünftigen Mitgliedern der Basketball Hall of Fame den Weg in die Liga geebnet, sondern auch jene Gesichter entdeckt, welche die NBA im Zuge von Sterns Globalisierungsprozessen auf der ganzen Welt berühmt machen sollten.

Mittlerweile ist die Veranstaltung ein mediales Großereignis, die Top-Picks bereits zuvor landesweit bekannt, die Hoffnungen und Erwartungen riesig. Das alles hat seinen Ursprung in diesem unscheinbaren Juni-Nachmittag vor 30 Jahren. Dabei begann alles mit einem Traum. Back in the summer of 84...

With the first pick the Houston Rockets select Akeem Olajuwon from the Houston University...

Bereits weit vor diesem Draft-Nachmittag ist völlig klar, wer an erster Stelle direkt gen Texas geschickt wird. Der Nigerianer Akeem "The Dream" Olajuwon hielt erst mit 16 Jahren seinen ersten Basketball in der Hand, ein paar Jahre später nahm der 213 Zentimeter große Afrikaner aber bereits die halbe NCAA auseinander. Der Center vereint Größe und Defense mit riesigem Potenzial und einer nie dagewesenen Fußarbeit. Kurzum: Olajuwon ist der absolute Traum eines jeden Scouts.

Aus diesem Grund begannen die talentierten Houston Rockets, die einen Monat vor Ende der Saison noch weit vor den abgrundtief schwachen San Diego Clippers lagen, plötzlich zu verlieren, so dass sie am Ende auf dem letzten Platz der Western Conference standen. In der Liga spricht man von einem neuen Phänomen, dem sogenannten Tanking, das Houston erst in eine derart luxuriöse Lage gebracht hat.

Geburtsstunde des Tankings

Ein Team regt sich ganz besonders über die Niederlagenserie der Rockets auf: Die Philadelphia 76ers halten die Rechte am Draft-Pick der Clippers und hätten bei normalem Saisonverlauf anstelle der Rockets am Münzwurf teilgenommen, der in diesem Jahr zum letzten Mal durchgeführt werden sollte.

Es kam alles anders, die Rockets entschieden den Coin Flip gegen Portland zum zweiten Mal in Folge für sich. So macht sich Euphorie breit in den Gesichtern der Rockets-Verantwortlichen, als ein kleiner Mann mit Schnauzbart die Bühne emporsteigt und erstmals als Commissioner in Erscheinung tritt.

Dass Olajuwon dann an erster Stelle genannt wird, ist in etwa so überraschend wie ein getroffener Jumper von Larry Bird. Schon als Houston den Münzwurf gewann, riss der anwesende Rockets-Broadcaster Jim Foley sein Jackett auf und präsentierte ein T-Shirt mit der Aufschrift "Akeem". Owner Charles Thomas jedenfalls hatte bereits kurz darauf bestätigt: "Ja, Akeem wird unser Pick".

Rockets verzichten auf Wunder-Trio

Der Center brachte alles mit, um die NBA in den kommenden Jahren zu dominieren. Nun ziehen die Rockets also folgerichtig den Lokalhelden, der bereits für die Houston University brillierte. Stern scheint nicht erstaunt zu sein, als er seinen ersten Handschlag an den Nigerianer verteilt.

Viel interessanter ist aber, was zu dieser Zeit hinter den Kulissen vor sich geht. Die Rockets hatten bereits im Jahr zuvor mit dem ersten Pick Center Ralph Sampson gezogen, der gleich eine starke Rookie-Saison aufs Parkett zauberte. Sowohl die im Draft folgenden Blazers wie auch die Bulls sind scharf auf Sampson. Die Rockets sind zu diesem Zeitpunkt kurz davor den Rookie of the Year an Portland abzugeben, um im Gegenzug den zweiten Pick und einen gewissen Clyde Drexler von den Blazers zu erhalten.

Der Trade scheitert in letzter Sekunde und die Rockets verpassen die Chance auf ein Trio bestehend aus Olajuwon, Drexler und Jordan. Denn eines ist sicher: Houston hätte an zweiter Stelle Jordan gezogen. So nimmt allerdings alles seinen Lauf...

With the second pick Portland selects Sam Bowie from the University of Kentucky...

Portland steht nun vor der Entscheidung zwischen Shooting Guard Michael Jordan, dem College Player of the Year, der die UNC Tar Heels zum NCAA-Championship 1982 geworfen hatte und bei den Tryouts für das US-Olympiateam 84 überragte, oder Center Sam Bowie, der zwar Potenzial besaß, wegen einer Stressfraktur im Fuß aber ganze zwei Saisons am College verletzt aussetzen musste.

Bob Knight, Trainer vom Team USA, in dessen Trainingscamp Jordan sich an diesem Nachmittag befindet, hatte Blazers-GM Stu Inman vor dem Draft noch wärmstens zu Jordan geraten. Auf den Hinweis von Inman, dass man aber Clyde Drexler als Shooting Guard habe und einen Center suche, meinte Knight nur: "Dann stell Jordan halt als Center auf."

Der Nationaltrainer ist angetan, das spärliche Publikum in New York will Jordan an zweiter Stelle sehen und so gut wie jeder Experte scheint überzeugt zu sein, dass Jordan nicht nur das größere Talent ist, sondern das Potenzial zum globalen Superstar besitzt. Noch bevor er ein NBA-Spiel bestritten hatte, entwarf Nike eine komplette Sneaker-Reihe nur für den College-Star. Der Firmenstandort von Nike? Portland.

Bowie vor Jordan

Trotz aller Vorzeichen sind die Trail Blazers aber fixiert darauf, einen Center zu ziehen. Und so lässt der sichtlich nervöse neue NBA-Chef Stern, der beim zweiten Pick glatt vergisst, den Teamnamen der Franchise aus Portland auszusprechen, den Namen Sam Bowie erklingen.

In der NBA der 80er-Jahre gilt: "Never take a flea if you can take a giant". Heißt: Im Zweifel immer die großen Jungs nehmen. Doch was ist mit Bowies Verletzungsanfälligkeit? Der Big Man erklärt umgehend im Interview auf der Bühne: "Ich war bereits in Portland und sie haben mich einem sieben Stunden andauernden ärztlichen Test unterzogen. Sie haben nichts ausgelassen und ich habe alles zu 100 Prozent bestanden."

Mickrige sieben Stunden, um darüber zu urteilen, ob der so wichtige zweite Pick wirklich fit ist - unfassbar. Derweil macht sich am Schreibtisch der Chicago Bulls beinahe Partystimmung breit, Freudenstrahlen in den Gesichtern der Verantwortlichen...

Seite 1: Es beginnt mit einem Traum

Seite 2: Jordan, Sir Charles und ein unbekannter Superstar

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