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Tragischer Held

Von Sebastian Dumitru
Donnerstag, 14.03.2013 | 16:00 Uhr
Stürzt ausgerechnet Carmelo Anthony die Knicks noch tiefer in die Krise?
© getty
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Vor dem Spiel gegen die Los Angeles Clippers (So., 20.30 Uhr im LIVE-STREAM FOR FREEmit Frank Buschmann) kriselt es bei den Knicks: Nach einer ersten Saisonhälfte wie aus einem Guss und ernsthaften MVP-Erwägungen für Carmelo Anthony haben Verletzungen und schlechter Basketball das Team weit zurückgeworfen. Ganz Gotham hofft zwar, dass Melo in bester Superhelden-Manier noch retten kann, was zu retten ist - aber kann er das überhaupt?

Es brodelt bei den Knickerbockers. Die empfindliche 117:94 Niederlage bei den Denver Nuggets am Mittwoch war bereits die dritte aus vier und die neunte aus den vergangenen 16 Partien. Nicht nur, dass die New Yorker dieser Tage ihren miesesten Basketball seit Monaten fabrizieren und regelmäßig verlieren. Zu allem Überfluss häufen sich auch noch die Verletzungen.

Amar'e Stoudemire, Rasheed Wallace und Baron Davis fallen allesamt bis zum Saisonende aus. Tyson Chandler verletzte sich gegen die Nuggets und könnte ebenso eine ganze Weile fehlen. Und Carmelo Anthonys eigene, mysteriöse Knieverletzung weitet sich zur handfesten Krise aus, auch weil niemand so recht weiß, wo eigentlich das Problem liegt.

Symbolträchtig

Anthonys eigene Form- und Leistungskurve steht symptomatisch für eine Knicks-Saison, die märchenhaft begonnen hatte, dann im Februar ein wenig ins Stocken geriet und jetzt im März zum Fiasko zu verkommen droht.

So, wie New York aus den Startlöchern brauste (18 Siege aus den ersten 23 Partien, 21-9 vor dem Jahreswechsel), so stürmte auch Carmelo Anthony in seine mittlerweile zehnte Profisaison. New York gewann bis zum 4. Februar 31 seiner 46 Partien. Die Knicks hatten Miami zwei Mal vernichtend geschlagen und lieferten sich mit den Heat einen verbitterten Zweikampf um Platz eins in der Eastern Conference.

Das Team verblüffte mit teamdienlichem Basketball und brannte Abend für Abend Offensivfeuerwerke ab, während die Defensive stark genug war, um gut zwei Drittel aller Partien nach Hause zu schaukeln. Anthony selbst hatte sich mit 28,4 Punkten, 6,2 Rebounds und 2,8 Assists pro Partie in die MVP-Konversation gehievt.

Eins war damals unumstößlich: New Yorks Nummer 7 hatte eine der wichtigsten Franchises der Liga im größten US-amerikanischen Markt mit der effizientesten Leistung seiner Karriere zurück unter die Meisterschaftsanwärter geführt. Das ließ viele aufhorchen.

Alter Melo

Dass der 2,03 Meter Forward schon immer ein begnadeter Scorer war, hatte er bereits bei seinen früheren Stops eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Als High School All-American, dann später in Syracuse und bei den Nuggets, die ihn 2003 an Nummer drei gedraftet und zum Schlüsselspieler gemacht hatten. Schon als Rookie kam Anthony auf starke 21 PPG und führte Denver zu 26 Siegen mehr als im Vorjahr (von 17 auf 43) und in die Playoffs.

Aber irgendwas fehlte immer. Anthony verstand es bei all seinen Fähigkeiten als Scorer nie, seine Teamkollegen besser zu machen. Er war kein Gewinner, wie man so schön sagt. Er gab in der Offensive meist den Alleinunterhalter, isolierte und jab-steppte seine Verteidiger in den Schlaf, nur um ihnen einen langen Zweier nach dem anderen um die Ohren zu schießen.

Anthony scorte viel, aber das brachte seinem Team meist herzlich wenig. Denver kam in sieben Jahren nur einmal über die erste Playoff-Runde hinaus. Bei den Knicks lief es zunächst nicht viel besser - zwei Mal war in der ersten Runde Schluss. Damit hatte Anthony mit seinen Teams nur zwei von insgesamt elf Playoff-Serien in seiner Karriere gewonnen.

Neuer Melo

2013 sollte endlich alles anders werden. Das Team um ihn herum war nun gespickt mit Stars wie Amar'e Stoudemire und Tyson Chandler und erhielt zusätzliche Verstärkung von Veteranen wie Jason Kidd, Raymond Felton, Wallace und Kurt Thomas, die allesamt nur aus einem Grund in den Big Apple gelotst wurden: um Anthony das Leben zu erleichtern.

Hintergrund: Jason Kidd erfindet sich neu

Das funktionierte zunächst perfekt. Kidd und Felton regelten eine Offensive, die dank Anthony als Power Forward eine völlig neue Durchschlagskraft erreichte. Melo verstand es endlich, gegnerische Defensiven richtig zu lesen, den schnellen Pass aus dem Doppel heraus zu spielen oder zum richtigen Zeitpunkt tief in den Low Post zu gehen, statt sich immer nur auf dem Flügel zu isolieren.

Die Folge: die Knicks ließen den Ball laufen und spielten die Konkurrenz schwindlig. Neben Miami war New York plötzlich das Team, das es in der Eastern Conference auf der Rechnung zu haben galt. Und Anthony als ein Spieler, dem MVP-Ehren zuteil werden könnten - jemand, der mit LeBron James oder Kevin Durant auf Augenhöhe war.

Krise

Von all dem ist mittlerweile nichts mehr übrig. Der Einbruch der Knicks steht in direkter Relation zu den endlosen Verletzungen in diesem Jahr - auch der von Anthony. Der 28-Jährige laboriert schon seit Monaten an Knieproblemen, die sein Spiel zunehmend beeinträchtigen. Von 29 PPG (45% FG) zwischen Oktober und Januar ging es über 26,6 PPG (42% FG) im Februar auf zuletzt nur noch 18,2 PPG (36% FG) im März.

Die Knicks-Bilanz sank von 65 Prozent Siegesquote (Oktober-Januar) über 54 Prozent (Februar) auf nur noch 50 Prozent im März. Tendenz: rapide fallend. Da wird man natürlich zunehmend nervös im Big Apple. Stoudemire und Wallace fehlen auf unbestimmte Zeit, Chandlers Knie knickte gegen Denver weg, und Anthony ist seit Wochen sichtlich verhindert.

Dabei weiß keiner so recht, wo genau eigentlich das Problem in Anthonys Knie liegt: "Keiner kann mir sagen, was es ist. Es tut nicht weh, keine strukturellen Schäden oder Ähnliches. Da ist nur Flüssigkeit an der Rückseite, und die verhindert manchmal, dass ich mein Knie richtig beugen kann."

Drei Spiele Pause nach dem vorzeitigen Aus gegen Cleveland hatten keine Besserung gebracht: Melo blieb gegen Golden State und Denver weit hinter seinen Möglichkeiten. Die Knicks waren sichtlich geschockt und kassierten den zweiten Blowout in Serie.

Anthony muss sich als Führungsspieler die Frage gefallen lassen, ob er dem Team derzeit mehr schadet, als ihm zu helfen. Harter Tobak zwar für den zweitbesten Scorer der Liga, aber so ist das eben. Lob und Tadel sind immer eng miteinander verknüpft, vor allem bei Superstars.

Was hilft noch?

Anthony verließ sein Team, das sich auf einem langen Westküstentrip befindet, und flog von Denver umgehend nach New York zurück, um das Knie endlich einmal genauer untersuchen zu lassen. Gerüchten zufolge macht das schon seit Weihnachten Probleme - aber Anthony verschwieg das einfach. Weil er mit gutem Beispiel voran gehen wollte, weil er sich als Führungsspieler sieht, weil er endlich auf Teamebene Erfolg haben will.

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Auf die Frage, wie es dem Gelenk gehe, antwortete Melo nur: "Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich jemals wieder 100 Prozent fit sein werde. Aber ich werde spielen."

Nun muss der Klub einschreiten und eine Entscheidung fällen: macht es Sinn, mit einem alles andere als fitten Superstar dem Heimvorteil in der Eastern Conference nachzujagen, auf die Gefahr hin, dass zu den Playoffs gar nichts mehr geht?

Der Vorsprung auf die Brooklyn Nets in der Atlantic Division ist auf 1,5 Siege zusammengeschrumpft. Geht es in dem Tempo weiter, könnten die Knicks bei nur 4 Siegen Vorsprung sogar noch auf Platz 7 in der Eastern Conference durchgereicht werden. Die Mannschaft von Mike Woodson geht derzeit auf dem Zahnfleisch.

Die Fans hoffen nun, dass ein paar Tage Pause und eine Knie-Drainage für Anthony ausreichen, dass sich das Team in seiner Abwesenheit aufrafft und eine "Jetzt-erst-recht-Reaktion" zeigt. Und dass Anthony dann in Kürze revitalisiert wieder zum Team stoßen kann und die Knicks mit ihm als Anführer endlich wieder guten Basketball zeigen. Die echten Meisterschaftsanwärter erreichen im März und April ihren spielerischen Zenit. Bis zu den Playoffs sind es nur noch fünf Wochen - auch in New York...

Der NBA-Spielplan im Überblick

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