Advantage Regelmann - Niki Pilic im Interview

Pilic: "Das war ein Las-Vegas-Schuss"

Von Florian Regelmann
Freitag, 18.11.2011 | 11:23 Uhr
Die Matchbilanz 2011 von Novak Djokovic: 69-4!
© Getty

Kaum jemand kennt Novak Djokovic so gut wie Niki Pilic. Der ehemalige deutsche Davis-Cup-Kapitän trainierte die jetzige Nummer eins der Welt über vier Jahre lang in seiner Akademie. Vor den ATP World Tour Finals in London, die am Sonntag beginnen, spricht Pilic (72) über Noles Jugend, die Vorhand des Jahres und das Dilemma von Rafael Nadal.

SPOX: Herr Pilic, Novak Djokovic ist mit 12 Jahren in Ihre Akademie gekommen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeit?

Niki Pilic: Novak war fast 13, als er gekommen ist - er war dann viereinhalb Jahre in der Akademie. Mir ist sofort aufgefallen, wie fokussiert er schon zu diesem Zeitpunkt war. Er war schon ein richtiger Profi und hat genau gewusst, was er will. Und er hat immer versucht, genau das zu machen und umzusetzen, was man ihm gesagt hat.

SPOX: Aber Sie konnten nicht ahnen, dass er einmal eine solche Karriere machen würde, oder?

Pilic: Es ist ganz lustig. Goran Ivanisevic war Januar 2000 bei mir und ich muss so zufrieden gewesen sein, wie Novak trainiert hat, dass ich laut Goran zu ihm gesagt habe: 'Schau mal, dieser Junge mit den schwarzen Haaren, er wird einmal in die Top 5 der Welt kommen.' Eigentlich ist so eine Aussage für mich sehr komisch, weil ich so etwas nicht über einen 13- oder 14-Jährigen sage. Aber Novak war wirklich ein besonders fleißiger Junge. Er hat mit 15, 16 Jahren mehrere Male zu mir gesagt, dass er die Nummer eins der Welt werden will. Er hat gesagt, er weiß nicht, ob er es schafft, aber es ist sein Ziel.

SPOX: Wie hat sich diese Professionalität noch geäußert?

Pilic: Er hat seine Matches, seine Siege und Niederlagen schon ganz früh genau analysiert. Meine Frau hat zu mir gesagt: 'Er spricht schon wie Du.' Er war sehr intelligent und 'coachable'. Er hatte zum Beispiel große Probleme mit dem Aufschlag. Was hat er also gemacht? Er ist nach dem Mittagessen an die Wand gegangen und hat geübt. Bis wir dann später weiter trainiert haben.

SPOX: Wenn wir schon beim Thema Aufschlag sind. Es gab eine Phase, als Djokovic Fans und vor allem Gegner mit seinem Auftippen, gefühlt drei Millionen Mal, wahnsinnig gemacht hat. Hat er das schon immer gemacht?

Pilic: Nein. Es gab eine Zeit, in der er große Probleme mit der Konzentration beim Aufschlag hatte. Da war es dann extrem. Aber inzwischen ist es ja viel weniger und sein Aufschlag viel besser geworden.

SPOX: Wie hat sich seine Karriere dann aus Ihrer Sicht langsam Step by Step entwickelt?

Pilic: Er ist Europameister in der Altersstufe bis 16 geworden. Später habe ich dann über den serbischen Tennisverband eine Wildcard für ihn bekommen und bin mit ihm nach Serbien gefahren. Da hat er dann seine ersten ATP-Punkte gesammelt. Er hat dann auch gleich ein Turnier gewonnen und stand zweimal im Halbfinale. Da hat man schnell gesehen, dass er mal ein guter Spieler wird. Er war ja erst 17 Jahre alt.

SPOX: 2004 hat er als 17-Jähriger das Challenger in Aachen gewonnen und dabei u.a. in der ersten Runde Stan Wawrinka und im Finale Lars Burgsmüller (6:4, 3:6, 6:4) geschlagen...

Pilic: Und bevor er in Aachen war, hat er im Training bei mir auf Teppich gegen Ernests Gulbis gespielt. Gulbis hat fantastisch gespielt und ihn mit 6:4, 6:3 geschlagen. Aber dann ist er nach Aachen gefahren und hat das Ding gewonnen. An diesem Beispiel sieht man auch, dass er sich in einem Match, wenn es wirklich um etwas geht, schon immer viel besser konzentrieren konnte als im Training.

SPOX: Er hat dann relativ schnell die Top 100 erreicht.

Pilic: Das stimmt. Er war schnell in den Top 90. Das war ein ganz wichtiger Schritt, weil du dann in allen Grand Slams im Hauptfeld bist. Und sein erster großer Sieg waren dann natürlich die Australian Open 2008, da war er 20 Jahre alt und spätestens dann war klar, dass er zu den besten fünf, sechs Spielern der Welt gehören wird. Er ist in jedem Jahr ein bisschen besser geworden.

SPOX: Sie haben nicht nur wegen der Zeit in der Akademie eine besondere Bindung zu ihm. Wie kam es dazu, dass Sie Serbiens Davis-Cup-Team als Berater geholfen haben?

Pilic: Vor vier Jahren hat mich Novak in Umag gefragt, ob ich den Job nicht übernehmen würde. Sie haben einen Mann gesucht, vor dem alle Respekt haben und der klare Regeln vorgibt. Ich habe einen Tag lang überlegt und dann zugesagt. Letzten Dezember haben wir gemeinsam den Davis Cup geholt und dadurch hat Novak wirklich noch mal einen Extra-Push bekommen. Emotional und vor allem in Sachen Selbstbewusstsein.

SPOX: Was sind für Sie neben dem Davis-Cup-Triumph die Schlüssel für seine außerirdische Saison 2011?

Pilic: Da kommen sehr viele Komponenten zusammen. Nach dem Davis Cup hat er in diesem Jahr sofort die Australian Open gewonnen und so ein unmenschliches Selbstvertrauen aufgebaut. Dazu hat er bekanntermaßen seine Ernährung umgestellt und geschaut, was wichtig für seinen Körper ist, das ist ein entscheidender Punkt. Dann sind seine Vorhand und sein Aufschlag viel besser geworden. Er bewegt sich auch besser als früher. Er wird nicht mehr so schnell müde, er hat keine Probleme mehr mit dem Atmen. Diese Punkte haben alle zusammen dafür gesorgt, dass er ein ganz besonderes Jahr gespielt und in zehn Monaten im Prinzip nur zwei Matches verloren hat.

SPOX: Man hat auch den Eindruck, dass seine Bälle viel mehr Power haben.

Pilic: Seine Bälle sind viel länger und schneller geworden als früher. Wenn wir an das US-Open-Finale denken: Da hat man gesehen, mit welchem Tempo Djokovic spielt. Und mit welchem Tempo Nadal spielt. Man konnte sehen, wie viel Zeit Djokovic hatte, und wie viel, oder besser, wie wenig Zeit Nadal vor dem Schlag hatte. Der vierte Satz war ja eine Katastrophe von Nadal. Er hatte null Chance. Nadal hat denselben Stil gespielt, mit dem er in den letzten drei, vier Jahren alle Gegner tot gemacht hat, links rechts, links rechts. Aber jetzt hat Djokovic das mit ihm gemacht, nur noch besser. Es war Nadal ins Gesicht geschrieben, dass er gedacht hat: 'Was soll ich nur machen?'

SPOX: Djokovic sitzt Nadal inzwischen wohl auch im Kopf, so oft wie er ihn in diesem Jahr besiegt hat.

Pilic: Es ist kein Problem des Kopfes, es ist ein Problem des Spiels. Klar, beides gehört auch zusammen, aber Nadals Problem ist einfach, dass er alles probiert, aber es funktioniert nicht. Die Kanonen von Djokovic sind noch schneller als die von Nadal. Ob das 2012 auch so sein wird, müssen wir abwarten, das weiß ich nicht.

SPOX: Man kann natürlich auch sagen, dass Djokovic bei den US Open eigentlich im Finale gar nichts zu suchen hatte. Der Halbfinal-Sieg gegen Roger Federer hatte sehr, sehr, sehr viel mit Glück zu tun, wenn man gerade an den abgewehrten Matchball mit dem vogelwilden Vorhand-Return-Winner denkt. Oder sehen Sie das anders?

Pilic: Nein, diese Vorhand war ein Las-Vegas-Schuss, mit 300 km/h an die Linie. Er hat danach unmenschlich gespielt und gar keine Fehler mehr gemacht, Federer hat dann Fehler gemacht, aber natürlich hat er Glück gehabt. Aber du kannst nicht zehn Monate lang Glück haben. Wenn man wie vorhin gesagt in zehn Monaten nur zwei Matches verliert, dann darf man stolz auf sich sein. Und ich bin auch stolz, dass ich einen Spieler geformt habe, der die Nummer eins der Welt ist. Novak weiß auch sehr gut, wo er alles gelernt hat, das ist auch wichtig.

SPOX: Federer hält mit seinen 16 Grand-Slam-Titeln den Rekord, Nadal steht bei 10, Djokovic bei 4. Nole ist erst 24, gibt es irgendeine Chance, dass er die beiden überholt?

Pilic: Das ist momentan zu weit weg. Federer ist Stand jetzt für mich der beste Spieler aller Zeiten, aber wir werden sehen, was in den nächsten fünf Jahren passiert. Wir werden auch sehen, ob Novak die French Open gewinnen kann. Er hat die großen Sandplatzturniere gewonnen, aber Paris noch nicht. Und Roland Garros ist von allen Turnieren auf der Welt am Schwersten zu gewinnen.

Der Stand in der ATP-Weltrangliste

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung