Deutsche Fahrer im Porträt

Von Spätstartern, Jokern und Shootingstars

Von Torsten Adams
Montag, 30.06.2008 | 16:11 Uhr
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© Getty
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München - Wenn Tour-Chef Christian Prudhomme am Samstag in Brest die 95. Frankreich-Rundfahrt startet, rollen 16 deutsche Radprofis aus vier der insgesamt 20 Teams von der Rampe.

Für einige ist die Teilnahme eine alljährliche Selbstverständlichkeit, für andere werden die rund 3.500 Kilometer bis zum Ziel auf den Champs-Elysees zur größten Herausforderung ihrer Sportlerkarriere.

SPOX.com stellt die acht hoffnungsvollsten deutschen Tour-Teilnehmer vor:

Der Debütant: Gerald Ciolek

Team: Columbia

Fahrertyp: Sprinter

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 1

Beste Tour-Platzierung: -

Größte Erfolge: 2008: 2 Etappensiege Bayern-Rundfahrt; 2007: 3 Etappensiege Deutschland-Tour, 2 Etappensiege Österreich-Rundfahrt, Gesamtsieger Rheinland-Pfalz-Rundfahrt, 3. Platz Cyclassics Hamburg; 2006: U-23-Weltmeister, Etappensieg Deutschland-Tour, 2. Platz Rund um den Henninger Turm; 2005: Deutscher Meister

Aufgaben bei der Tour: Der 21-Jährige bestreitet als einer der jüngsten Teilnehmer seine erste Tour de France. Dementsprechend geht der Pulheimer in Brest ohne großen Druck an den Start. Als ehemaliger U-23-Weltmeister, Deutscher Meister und Deutschlands größte Sprinter-Hoffnung liegen seine Ziele allerdings auf der Hand: "Ich möchte mich bei den Flachetappen in die Massensprints einmischen."

Dass Ciolek dazu in der Lage ist, beweisen seine jüngsten Erfolge bei der Tour de Suisse. Gleich zwei Mal erreichte er hinter den beiden Weltklasse-Sprintern Robbie McEwen und Oscar Freire einen Platz auf dem Podium.

Neben Ciolek schickt das Team Columbia mit Mark Cavendish einen zweiten Topsprinter ins Rennen. Hilfe bekommen die beiden von Bernhard Eisel und Marcus Burghardt, die die schnellen Männer im Sprintfinale in eine aussichtsreiche Ausgangsposition bringen sollen.

Der Spätstarter: Robert Förster

Team: Gerolsteiner

Fahrertyp: Sprinter

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 3

Beste Tour-Platzierung: 135. Platz (2007)

Größte Erfolge: 2008: 2 Etappensiege Algarve-Rundfahrt; 2007: Etappensieg Giro d'Italia, Etappensieg Deutschland-Tour; 2006: Etappensieg Vuelta a Espana, Etappensieg Giro d'Italia

Aufgaben bei der Tour: Robert Förster ist beim Team Gerolsteiner der Mann mit den schnellen Beinen. Der Markkleeberger sagt von sich selbst, dass er zwar immer eine gewisse Zeit braucht, bis er bei einer dreiwöchigen Rundfahrt so richtig "warmläuft". Wenn es aber dann soweit ist, gehört er zu den Sprintern, die gerade bei tellerflachen Massensprints eine Etappe abschießen können.

Exakt diese Aufgabe wird ihm bei der diesjährigen Tour zuteil: "Mit Robert Förster wollen wir auch in den Sprintankünften ein Wörtchen mitreden", sagt sein Sportlicher Leiter Christian Henn. Wichtigster Helfer bei diesem Ziel ist Sven Krauß, der als Anfahrer für Förster schier unverzichtbar ist und sich auf der Straße blind mit dem 30-Jährigen versteht.

Größtes Problem im Hinblick auf das Grüne Trikot wird für den 81 Kilogramm schweren Förster das Überstehen der langen und steilen Anstiege bei der Tour. Legendäres Statement von ihm in diesem Zusammenhang: "Ich trete aufs Pedal, da ist mir aber auch schon der Oberschenkel geplatzt. Mit der großen Scheibe bin ich da rein und nach der Hälfte stand ich im Laktat."

Der Kapitän: Markus Fothen

Team: Gerolsteiner

Fahrertyp: Klassementfahrer

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 3

Beste Tour-Platzierung: 15. Platz (2006)

Größte Erfolge: 2008: Etappensieg und 8. Gesamtplatz Tour de Suisse; 2007: Etappensieg Tour de Romandie; 2006: 13 Etappen Träger des Weißen Trikots, 15. Gesamtplatz und 2. Platz der Nachwuchswertung bei der Tour de France; 2005: 12. Gesamtplatz Giro d'Italia; 2004: Sieger GP Schwarzwald; 2003: U-23-Weltmeister EZF, U-23-Europameister EZF, U-23 Deutscher Bergmeister

Aufgaben bei der Tour: Der gelernte Landwirt Markus Fothen hat seine Rundfahrt-Qualitäten erstmals mit einem 12. Platz beim Giro 2005 gezeigt. Ein Jahr später überraschte der Kaarster bei seinem Tour-Debüt durch seine starken Auftritte beim Zeitfahren und im Hochgebirge.

Mit dem 8. Gesamtrang bei der diesjährigen anspruchsvollen Tour de Suisse bestätigte Fothen seine ansteigende Form im Hinblick auf die Große Schleife. Dort steht der 26-Jährige als Kapitän an der Spitze des Gerolsteiner Rennstalls und ist der Mann für das Gesamtklassement. Im Hochgebirge wird Fothen vor allem durch den Österreicher Bernhard Kohl unterstützt.

"Mit dem Aufgebot haben wir versucht, zu berücksichtigen, dass wir mit Markus Fothen und Bernhard Kohl ein Auge auf die Gesamtwertung haben müssen und dass es in der letzten Woche noch einige schwere Etappen gibt", sagte Henn.

Der Shootingstar: Christian Knees

Team: Milram

Fahrertyp: Klassementfahrer

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 3

Beste Tour-Platzierung: 47. Platz (2007)

Größte Erfolge: 2008: Gesamtsieg Bayern-Rundfahrt, 9. Gesamtplatz Tour de Suisse; 2007: 3. Platz Deutsche Meisterschaft; 2006: Sieger Rund um Köln

Aufgaben bei der Tour: Christian Knees gewann in diesem Jahr die Bayern-Rundfahrt und sorgte zuletzt mit dem neunten Platz bei der Tour de Suisse für Aufsehen. Als Dank für die starken und konstanten Vorstellungen wurde der Bornheimer von seinem Team Milram als Mann für die Gesamtwertung auserkoren und bekam Zuspruch von höchster Stelle: "Christian ist reif dafür, im Gesamtklassement vorne mitzufahren. Er kann an den langen Bergen mithalten", sagte sein Teamkollege Erik Zabel.

Vor seiner dritten Frankreich-Rundfahrt fühlt sich Knees in einer bestechenden Form und peilt den 15. Gesamtrang an. "Ich habe mir ganz bewusst hohe Ziele gesetzt, verspüre aber keinen Druck", sagte der 27-Jährige. Gelingt es ihm tatsächlich, die hohen Erwartungen nicht als zu große Bürde anzusehen, dann könnte auch sein größter Wunsch in Erfüllung gehen: ein Etappensieg bei der Tour de France.

Der Joker: Stefan Schumacher

Team: Gerolsteiner

Fahrertyp: Etappenjäger

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 2

Beste Tour-Platzierung: 87. Platz (2007)

Größte Erfolge: 2008: Etappensieger Bayern-Rundfahrt; 2007: Sieger Amstel Gold Race, Gesamtsieger Bayern-Rundfahrt; 2006: Gesamtsieg Polen-Rundfahrt, Gesamtsieg Benelux-Rundfahrt, Gesamtsieg Sarthe-Rundfahrt, 2 Etappensiege Giro d'Italia; 2004: Deutscher Vizemeister

Aufgaben bei der Tour: Stefan Schumacher ist ein echter Allrounder. Der 26-Jährige ist stark am Berg, ein sehr guter Zeitfahrer und besitzt herausragende Puncher-Qualitäten. Zuletzt unter Beweis gestellt in den Niederlanden, als er beim Amstel Gold Race 2007 vor den ausgewiesenen Klassiker-Spezialisten Davide Rebellin und Danilo Di Luca triumphierte.

Deshalb schickt ihn sein Teammanager Hans-Michael Holczer bei seiner zweiten Tour-Teilnahme als Joker ins Rennen. Der Nürtinger soll für den zweiten Gerolsteiner-Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt sorgen, seit Georg Totschnig 2005 in den Pyrenäen gewann. "Ein Etappensieg und ein Tag in Gelb wären nicht schlecht - die Etappenführung durchs Mittelgebirge kommt mir ja entgegen", äußerte sich Schumacher vor dem Start in Brest optimistisch.

Um die selbst gesteckten Ziele zu verwirklichen, muss sich Schumi allerdings noch steigern, denn in diesem Frühjahr konnte er nicht an die Form aus den letzten beiden Jahren anknüpfen.

Der Ausreißer: Jens Voigt

Team: CSC Saxo Bank

Fahrertyp: Etappenjäger

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 11

Beste Tour-Platzierung: 28. Platz (2007)

Größte Erfolge: 2008: Gesamtsieg Criterium International, Etappensieg Giro d'Italia; 2007: Gesamtsieg Criterium International, Gesamtsieg Deutschland-Tour; 2006: Gesamtsieg Deutschland-Tour, Etappensieg Tour de France; 2005: Gesamtsieg Mittelmeer-Rundfahrt, Träger des Gelben Trikots der Tour de France (1 Tag); 2004: Gesamtsieg Criterium International, Gesamtsieg Bayern-Rundfahrt; 2001: Etappensieg und Träger des Gelben Trikots der Tour de France (1 Tag)

Aufgaben bei der Tour: "Wir hätten gut und gerne zwei komplette Teams stellen können, so viele starke Fahrer haben wir in unseren Reihen", posaunte CSC-Chef Bjarne Riis nach der offiziellen Präsentation des Tour-Teams. Als einer der neun Auserwählten wird Jens Voigt wie gewohnt auf die Jagd nach Etappensiegen gehen und sich daneben in bewährter Manier in den Dienst der Mannschaft stellen.

Bei seinen energiegeladenen Ausreißversuchen bieten sich Riis gleich zwei taktische Optionen: Zum einen kann Voigt den Etappensieg holen, wenn sich die Chance dazu ergibt. Zum anderen soll der 36-Jährige auf Hochgebirgsetappen eine wichtige Unterstützung für Carlos Sastre und die Schleck-Brüder sein, wenn diese Klassementfahrer im Finale Hilfe brauchen.

Allerdings wird es für den Grevesmühlener von Jahr zu Jahr schwieriger, einen Soloritt über Frankreichs Straßen zu starten. Denn jeder seiner Konkurrenten im Peloton weiß, dass es enorm problematisch wird, einen ausgerissenen Voigt wieder einzufangen.

Der Sunnyboy: Fabian Wegmann

Team: Gerolsteiner

Fahrertyp: Etappenjäger

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 5

Beste Tour-Platzierung: 60. Platz (2007)

Größte Erfolge: 2008: Deutscher Meister, Sieger GP Miguel Indurain; 2007: Deutscher Meister; 2006: Sieger GP Miguel Indurain, Träger des Bergtrikots der Tour de France (1 Tag); 2005: Sieger GP Schwarzwald; 2004: Gewinner der Bergwertung Giro d'Italia

Aufgaben bei der Tour: Fabian Wegmann hat das gewisse Gespür für rennentscheidende Situationen. Neben Stefan Schumacher ist der 28-Jährige das zweite Trumpfass im Ärmel von Gerolsteiner, wenn es in die schwierigen Mittelgebirgsetappen geht. In den entscheidenden Phasen des Rennens gehört Wegmann regelmäßig zu den prägenden Akteuren im vorderen Drittel des Pelotons und ist unverzichtbarer Bestandteil im schwer ausrechenbaren Gerolsteiner Taktikspiel.

Die Stärken des frisch gebackenen Deutschen Meisters liegen in seinem unbändigen Siegeswillen, seiner offensiven Fahrweise, sowie seiner Antrittsschnelligkeit an mittleren bis schweren Anstiegen, wo er als Adjutant der Klassementfahrer Fothen und Kohl eine wichtige Unterstützung sein kann. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Wegmanns Funktion als Stimmungskanone.

Mit flotten Sprüchen und allzeit guter Laune sorgt der Wahl-Freiburger für eine positive Atmosphäre in der Mineralwasser-Truppe. Kleine Kostprobe gefällig? Gefragt nach seinen Ambitionen bei der diesjährigen Deutschen Meisterschaft antwortete der gebürtige Westfale schmunzelnd: "Ich muss meinen Sieg unbedingt wiederholen, damit mich meine Freundin bei der Tour leichter im Fernsehen erkennt."

Der Routinier: Erik Zabel

Team: Milram

Fahrertyp: Sprinter

Tour-Teilnahmen inkl. 2008: 14

Beste Tour-Platzierung: 59. Platz (2004)

Größte Erfolge: 2007: jeweils ein Etappensieg bei der Vuelta a Espana, Bayern-Rundfahrt, Tour de Suisse und Deutschland-Tour, Gewinn Punktewertung Deutschland-Tour; 2006: Vizeweltmeister, 2 Etappensiege Vuelta a Espana, Gewinner Punktewertung Deutschland-Tour; 2005: Sieger Rund um den Henninger Turm; Außerdem: 12 Etappensiege und 5 Mal Gewinner des Grünen Trikots Tour de France, 5 Etappensiege und 3 Mal Gewinner der Punktewertung Vuelta a Espana, 12 Etappensiege und 7 Mal Gewinner der Punktewertung Deutschland-Tour, Sieger Mailand-San Remo (4 Mal), Sieger Amstel Gold Race, Sieger HEW-Cyclassics, Weltcup-Gesamtsieger, Vizeweltmeister (2 Mal), Deutscher Meister (2 Mal)

Aufgaben bei der Tour: Erik Zabel ist der erfolgreichste aktive Radsportler und mit seiner enormen Erfahrung uneingeschränkter Leader des Milram-Teams. Der "Tour-Veteran" hat sich für seine 14. Teilnahme einmal mehr hohe Ziele gesetzt: "Ich will das Grüne Trikot erobern, und wenn auch nur für einen Tag. Dafür werde ich alles geben."

Gleichwohl schätzt der 37-Jährige seine Chancen im Massensprint in Anbetracht der teilweise 15 Jahre jüngeren Konkurrenz realistisch ein: "Ich gehöre sicherlich nicht mehr zu den 4-5 endschnellsten Sprintern. Für einen Tageserfolg brauche ich eine Etappe, bei der alles stimmt." Den altersbedingten minimalen Verlust seiner Endschnelligkeit gleicht Deutschlands Sportler des Jahres 2001 durch seine immense Routine aus, wie sein designierter Nachfolger Ciolek bestätigt: "Ete muss man bei Sprints so lange auf der Rechnung haben, wie er auf dem Rad sitzt. Er hat ein unglaubliches Auge für die Rennsituation."

Neben dem Kampf um Grün sieht Teammanager Gerry van Gerven für den Berliner eine weitere Aufgabe vor: "Zabel und (Marco) Velo haben bei Bergankünften die Aufgabe, Knees zu unterstützen und ihn am Fuße des letzten Berges abzusetzen". Scheint so, als würde auch Zabels 14. Tour eine arbeitsreiche werden.

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