BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt im Interview

"Man kann nie zu viel Erfolg haben"

Von Interview: Alexander Mey
Dienstag, 24.07.2012 | 11:35 Uhr
BMW präsentierte sich im Münchener Olympiastadion den heimischen DTM-Fans
© xpb
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BMW ist beim DTM-Comeback eingeschlagen wie eine Bombe. Schon das zweite Rennen hat Bruno Spengler gewonnen. Er und Martin Tomczyk liegen in der Meisterschaft auf den Plätzen drei und vier. Grund genug für Motorsportchef Jens Marquardt, im SPOX-Interview ein hochgradig positives Fazit zu ziehen. Aber er spricht auch über Fehler von Teams und Fahrern, Gefahren in der Zukunft und den Rookie des Jahres.

SPOX: Rückblende. Saisonauftakt in Hockenheim, Qualifying. Das erste echte Kräftemessen von BMW mit der Konkurrenz. Vier Autos in den Top Ten. Sie waren vorne dabei. Wie viele Steine sind Ihnen da vom Herzen gefallen?

Jens Marquardt: Sehr viele! Ich war extrem erleichtert, auf jeden Fall. Wir haben wirklich überhaupt nicht gewusst, wo wir stehen, und dann zu sehen, dass sich die lange harte Arbeit gelohnt hat und wir nicht weit weg von den erfahrenen Gegnern sind, war eine unglaubliche Beruhigung.

SPOX: Damit haben Sie es aber nicht bewenden lassen. Nur eine Woche später folgten am Lausitzring die erste Pole-Position und der erste Sieg.

Marquardt: Das hat auch mich überrascht, das muss ich ehrlich sagen. Schon in Hockenheim war der Speed von Andy Priaulx im Rennen sehr gut. Aber dann der Sieg in der Lausitz und überhaupt die sechs Podestplätze in fünf Rennen zeigen, dass sich unser Comeback mehr als sehen lassen kann. Ich bin unglaublich stolz auf alle, die dazu beigetragen haben.

SPOX: Sie persönlich wirkten in unserem Gespräch vor dem ersten Rennen sehr selbstsicher und gelassen. Haben Sie trotzdem vor dem Auftakt in Hockenheim schlaflose Nächte gehabt?

Marquardt: Die Unruhe ist selbstverständlich angestiegen. Du weißt zwar, dass du alles getan hast, was du konntest, aber du hast keine Ahnung, ob es gut genug war. Entsprechend groß war bei uns allen die Anspannung.

SPOX: Wir als Beobachter waren sehr überrascht, dass es ausgerechnet der der breiten Masse unbekannte Dirk Werner war, der in Hockenheim Startplatz drei herausfuhr. Sie auch?

Marquardt: Ich war mir ehrlich gesagt von Anfang an sicher, dass wir einen sehr ausgeglichenen Fahrerkader haben werden und dass alle ihre Ergebnisse einfahren werden. Dirk hatte nach seinem starken Auftakt ebenso einige Probleme wie Andy Priaulx. Aber auch deren Formkurve steigt wieder an. Mittlerweile haben alle unsere Fahrer Punkte geholt, was sich meiner Meinung nach sehen lassen kann.

SPOX: Jeder hat seine Highlights, aber die, die die Kohlen regelmäßig aus dem Feuer holen, sind die erfahrenen Bruno Spengler und Martin Tomczyk. Kann man das so sagen?

Marquardt: Dass die beiden aufgrund ihrer DTM-Erfahrung im einen oder anderen Bereich einen Vorteil haben würden, war klar. Das sieht man zum Beispiel bei den kniffligen Starts, bei denen sie eben im Gegensatz zu den Neuen wissen, wie sie sich positionieren müssen, um sich aus allem herauszuhalten. Das ist nicht immer nur Glück. Grundsätzlich muss ich beide aber vor allem dafür loben, wie sie sich perfekt in unseren Entwicklungsprozess eingegliedert und uns und den anderen Fahrern geholfen haben. Auch das ist ein Grund, warum sich die anderen Piloten so schnell eingewöhnt haben. Wenn man sieht, wie dicht vor allem ein Augusto Farfus an den beiden schon dran ist, kann man sagen: Wir sind auch hinter den beiden gut aufgestellt.

SPOX: Farfus stand schon auf dem Podium und ist der punktbeste Rookie der Saison. Wie erklären Sie sich seine schnellen Erfolge?

Marquardt: Wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit Augusto zusammen und kennen seine Fähigkeiten. Schon bei den DTM-Tests wurde klar, dass in ihm ein riesiges Potenzial schlummert. Bei ihm war ich demnach sehr zuversichtlich. Und man muss auch sehen: Er könnte, obwohl er auch so schon bester Rookie ist, noch viel besser dastehen, wenn er nach tollen Leistungen im Qualifying nicht wie zuletzt am Norisring dann unverschuldet aus dem Rennen gerissen worden wäre. Hätte, wenn und aber hilft zwar nichts, aber man sieht deutlich, wo bei ihm die Reise in Zukunft hingeht.

SPOX: Was hat Sie im Laufe der ersten Saisonhälfte am meisten überrascht?

Marquardt: Am meisten hat uns alle überrascht, dass wir es mit dem völlig neuen Reglement geschafft haben, eine enge Meisterschaft zu schaffen, in der es vom ersten Rennen an nur um Zehntelsekunden ging. Jeder Hersteller hat schon ein Rennen gewonnen. Das wollten wir so, das konnten wir aber sicher nicht erwarten.

SPOX: So gut, wie die Comeback-Saison bisher gelaufen ist: War ausgerechnet Ihr Heimspiel im Münchener Olympiastadion der erste Rückschlag?

Marquardt: Nun ja, Rückschlag würde ich das nicht nennen. Wir haben im einen oder anderen Fall Lehrgeld gezahlt. Alles in allem konnten wir den vielen BMW-Fans aber doch eine gute Show bieten, denke ich.

SPOX: Sie werden generell nicht müde, vor Rückschlägen zu warnen. Wo sollen die denn nach fünf so konstant guten Meisterschaftsrennen auf unterschiedlichsten Strecken noch herkommen?

Marquardt: Es kann immer noch passieren, dass wir mal an eine Strecke kommen und uns mit dem Basis-Set-Up völlig verhauen. Dann regnet es mal am Freitag im Training, am Samstag ist es dann trocken und es bleibt nicht genug Zeit für die Abstimmung. Plötzlich bist du dann im Qualifying hinten und hast es auch im Rennen entsprechend schwer. Sie sehen, es gibt schon noch genug Dinge, die theoretisch schief gehen können.

SPOX: So viele Wenns und Abers? Das klingt verdächtig nach Euphoriebremse des Sportchefs.

Marquardt: Sie nennen es Euphoriebremse, ich nenne es Realismus. Schauen Sie sich die Strecken an, auf die wir noch kommen: Am Nürburgring waren wir mit dem DTM-Auto noch nie, in Zandvoort auch nicht. In Oschersleben waren wir, aber sehr früh in der Testphase. Wir müssen tatsächlich jedes Rennen für sich angehen und zusehen, dass wir die Schwächen, die wir noch haben, ausmerzen. Ich denke da vor allem an das Thema Reifenmanagement, das uns am Norisring den Doppelsieg gekostet hat.

SPOX: In einem dramatischen Finale ist Jamie Green in den letzten Runden noch an Spengler und Tomczyk vorbeigegangen.

Marquardt: Im letzten Rennabschnitt nach dem zweiten Reifenwechsel war Mercedes einfach cleverer als wir. Daraus müssen wir lernen.

SPOX: Müssen auch die Fahrer aus diesem Rennen lernen, cleverer zu sein? Tomczyk hat sich den Sieg in der letzten Kurve von außen betrachtet zu leicht aus der Hand nehmen lassen.

Marquardt: Das ist immer so eine Sache. Tomczyk ist erfahren genug zu sehen, dass Green mit einem derartigen Überschuss an Speed herankommt, dass er ihn nicht halten kann. Und wenn er es doch versucht, dann kracht es wahrscheinlich und er steht mit leeren Händen da. So haben wir mit den Plätzen zwei und drei ein tolles Teamergebnis erzielt.

SPOX: Aber es ist doch nicht verboten, in der letzten Kurve Kampflinie zu fahren.

Marquardt: Und dann überholt Green ihn in der letzten Kurve außen und alle regen sich auf, dass sich Tomczyk außen herum hat abkochen lassen! (lacht) Im Ernst: Klar waren wir im ersten Moment alle enttäuscht, weil wir den Sieg so dicht vor Augen hatten. Aber im Nachhinein denke ich, dass Tomczyk keine Chance hatte, aus dieser Situation als Gewinner hervorzugehen, egal, ob es die letzte Kurve war oder ob das Rennen noch eine Runde länger gedauert hätte, was ja bis zur Ziellinie wegen der ablaufenden Rennzeit nicht klar war.

SPOX: Vielleicht ist es mit Blick auf die Erwartungshaltung für die zweite Saison 2013 auch gar nicht so schlecht, noch Steigerungspotenzial zu haben. Sonst wird der Druck zu groß.

Marquardt: Man kann nie zu viel Erfolg haben, wenn Sie das meinen. Aber wenn man erfolgreich ist, muss man auf diesem Level natürlich weitermachen und sich sogar noch weiter verbessern. Das wissen wir, so sind wir bei BMW aber auch gestrickt. Wir fahren nicht nur mit, wir fahren, um zu gewinnen.

DTM: Alle Rennergebnisse im Überblick

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