Montag, 21.01.2008

EM-Halbfinale in Gefahr

Wenn nicht jetzt, dann nicht

München - Eigentlich tut die Abwechslung ja mal ganz gut. Nach einem Jahr des medialen Hypes und des permanenten Durchnudelns des Wintermärchens von Köln herrscht Katerstimmung.

Pascal, Hens
© Imago

Die tut gut, denn ohne Down kein Up, wie es so schön heißt. Jetzt kann die deutsche Mannschaft sich wieder zusammenraufen, wiederaufstehen (Oliver Roggisch), steht bei der EM in Norwegen mit dem Rücken zur Wand und nicht auf der Showbühne.

Mit der sehr kläglichen Leistung gegen Spanien (22:30) wurde eine paradiesische Ausgangsposition in eine äußerst prekäre verwandelt.

Statt 4:0 Punkten und einer Fußspitze im Halbfinale, muss nun in der Hauptrunde in Trondheim schon ein Kraftakt her, um den Einzug in die Medaillenrunde zu bewerkstelligen.

Alle deutschen Spiele der Hauptrunde im LIVE-TICKER
Alle Spiele der Europameisterschaft im LIVE-SCORE 

Ausgangssituation/Modus: Deutschland trifft in der Hauptrunde auf die Teams der Parallelgruppe D. Zuerst geht es gegen Island (Dienstag, 16.20 Uhr), dann gegen Titelverteidiger Frankreich (Mittwoch, 18.15 Uhr) und schließlich gegen Rekord-Europameister Schweden (Donnerstag, 19.20 Uhr). Frankreich geht mit 4:0 Punkten aus der Vorrunde an den Start, Schweden, Spanien, Deutschland und Ungarn mit je 2:2, Island mit 0:4. Die ersten beiden der Tabelle qualifizieren sich für das Halbfinale.

Sollte Deutschland alle drei Spiele gewinnen, können sich die anderen auf den Kopf stellen, dann ist der Weltmeister weiter. In der Verfassung vom Spanien-Spiel dürfte ein Sieg zumindest gegen das starke Frankreich allerdings unmöglich sein, zumal Karabatic und Co. noch zwei WM-Hühnchen mit Deutschland zu rupfen haben. Eine Niederlage könnte aber schon zuviel sein, da in diesem Fall zu viele Abhängigkeiten vom Ausgang anderer Spiele entstehen, insbesondere denen der Spanier.

Teamvergleich: An die Theorie der drei Siege zu glauben, fällt gar nicht so leicht. Deutschland ist nach Island das harmloseste Team seiner Gruppe: Nur 84 Tore bei 170 Versuchen (49 Prozent) ist in Sachen Effizienz im Vergleich zu Spanien (59), Frankreich (58), Schweden (62) und Ungarn (58) sehr mau.

Das Problem ist der Rückraum. Die Quoten von Christian Zeitz (4 Tore bei 16 Versuchen), Michael Kraus (5/14) und Holger Glandorf (12/28) sind schwach. Pascal Hens ist bislang eine einzige Enttäuschung: Acht Tore bei 27 Würfen haben dem langen HSVer viel Kritik eingebracht. Am schärfsten wurde dabei Stefan Kretzschmar: "Hens wählt in einer wahnsinnigen Permanenz die falsche Ecke - die, wo der Torwart steht."

Was die Zahlen des deutschen Rückraums wert sind, zeigt ein Blick auf die Stars der kommenden Gegner: Der Schwede Kim Andersson hat 19 Tore bei 30 Würfen erzielt. Ungarns Laszlo Nagy brauchte einen Versuch mehr für genauso viele Treffer. Auf ebenfalls 19 Tore brachte es Frankreichs Superstar Nikola Karabatic bei 36 Würfen.

Selbstverständnis: Gegen Spanien kam es schon während des Spiels zu Reibereien unter den Spielern. So kam es zu einem Wortgefecht zwischen Oliver Roggisch und Zeitz, nachdem Letzterer mal wieder unmotiviert aufs spanische Tor gefeuert hatte: "Hör doch auf mit der Scheiße!" "Ach, halt doch einfach das Maul", geben die "Kieler Nachrichten" den Dialog wider. Auch Spielmacher Kraus und Kreisläufer Andrei Klimowets gerieten aneinander. Die kleineren Eruptionen sind positiv zu bewerten, zeigen sie doch die Kritikfähigkeit der Mannschaft und den Willen, sich in den kommenden Spielen zu steigern.

Impulsgeber: Am Ruhetag nach dem Spanien-Debakel sah sich Markus Baur in der Rolle des Motivators: "Wir müssen den Spirit in die Mannschaft zurückholen. Es ist nichts passiert. Wenn wir dreimal gewinnen, sind wir im Halbfinale. Wir werden morgen eine andere Mannschaft sehen." Der Noch-36-Jährige, der am Dienstag Geburtstag feiert, räumte aber ein: "Alle, die jetzt kommen, sind dicke Brocken." Baur - mit 15 Toren bester Schütze der deutschen Mannschaft - ist der Chef auf dem Parkett, Heiner Brand der Chef an der Linie. Der Bundestrainer ist optimistisch: "Wir haben keine Krisenzeit, wir haben nur ein Spiel verloren", betonte er und erinnerte an die EM 2006: "Da haben die Franzosen auch hoch gegen Spanien verloren und sind Europameister geworden."

Deutsche Tradition: Gerne erinnerten die Spieler an die gute deutsche Sitte, sich bei großen Turnieren ein schlechtes Spiel zu gönnen. 2002 bei der EM verlor man in der Hauptrunde gegen Island, holte dann aber noch Silber. 2004 ging gleich das Auftaktspiel gegen Serbien und Montenegro in die Hose, am Ende gab's den ersten Europameistertitel. Und auch beim Wintermärchen war ja nicht von Anfang an alles so goldig wie am Ende. 25:27 hieß es da im dritten Gruppenspiel gegen Polen. Das mag ein gutes Omen sein oder nicht, - denn es kann auch schiefgehen.

Kleiner Seitenblick: Deutschland spielt in der Hauptrundengruppe II, es gibt aber selbstredend auch noch eine Gruppe I. Da sind Kroatien mit dem wie eh und je zaubernden Ivano Balic und die Norweger mit zwei irren Torhütern (Steinar Ege und Ole Erevik) und dem Publikum im Rücken die Favoriten aufs Weiterkommen. Beide haben in der Vorrunde alles gewonnen und dementsprechend 4:0 Punkte im Gepäck. Dänemark und Polen (beide 2:2) sollten die beiden Top-Teams aber keineswegs unterschätzen. Slowenien und Montenegro werden mit der Entscheidung nichts zu tun haben. Die Montenegriner haben ihr Soll ohnehin schon weit übererfüllt, indem sie den Russen einen Punkt abknöpften und damit sensationell eine Runde weiterkamen.

Oliver Wittenburg

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