Schweden meldet sich leise zurück

Die Erben der Übermächtigen

Von Mariska Bär
Dienstag, 15.01.2008 | 11:13 Uhr
Marcus, Ahlm, Schweden
© Getty
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München - Fast genau sechs Jahre ist es her, dass Männer in gelben Leibchen und blauen Hosen zum letzten Mal Maßstäbe setzten im europäischen Handball und damit in der Welt. 

Die EM im eigenen Land war das Ende einer Ära im schwedischen Handball, die 1990 begann. Die Skandinavier wurden in Prag Weltmeister durch ein 27:23 im Finale gegen die als absolut unschlagbar geltende UdSSR und spielten fortan die dominierende Rolle im Handball mit Spielern wie Staffan Olsson, Ola Lindgren, vor allem aber mit Magnus Wislander. 

Dem 1990er Sensationssieg folgten 13 Teilnahmen bei Großveranstaltungen, die mit einer Ausnahme (4. Platz EM 1996) mit dem Gewinn einer Medaille endeten. Viermal Europameister und zweimal Weltmeister wurde man binnen zwölf Jahren. Nur der Olympiasieg blieb der Goldenen Generation versagt, stattdessen gab es 1992, 1996 und 2000 "nur" Silber.

Erst schlecht, dann weg

Mit dem dramatischen Finalsieg 2002 über die deutsche Mannschaft versiegte dann der Medaillenstrom. Die alten Recken - Wislander und Olsson standen beide kurz vor ihrem 38. Wiegenfest - hängten Gelb und Blau an den Nagel, und Schweden verschwand in der Bedeutungslosigkeit.

Mit einem Mal. Mit Platz 13 bei der WM 2003 meldete sich die neue Generation zurück. Zuletzt hatten die Schweden überhaupt nichts mehr zu melden, nicht mal Misserfolge. WM 2007: nicht qualifiziert. EM 2006: nicht qualifiziert. Olympia 2004: nicht qualifiziert.

Wislanders langer Schatten

Es sieht so aus, als ob Schweden mit Magnus Wislander alles gewesen wäre und ohne den "Spieler des Jahrhunderts" nichts. Und auch die aktuelle Generation der schwedischen Stars erstarrt immer noch vor Ehrfurcht, wenn sein Name fällt.

"Alles, was Wislander mit der Nationalmannschaft und dem THW Kiel erreicht hat, ist unglaublich beeindruckend. Ich weiß nicht, ob es da überhaupt noch einen auf der Welt geben wird, der so erfolgreich wird", erzählt Marcus Ahlm im Gespräch mit SPOX.com.

Der Kreisläufer ist einer der letzten in seinem Team, der beim Titelgewinn 2002 dabei war. Doch Ahlm gehörte nicht wirklich zur Goldenen Generation, sondern ist Protagonist der glanzlosen schwedischen Handball-Gegenwart.

Deshalb wohl fällt die EM-Prognose des 29-Jährigen eher verhalten aus: "Wir sind in den letzten Jahren immer wieder an den Qualifikationsspielen gescheitert. Außerdem haben etliche Spieler aufgehört. Deshalb haben wir nur Außenseiterchancen."

Ohne Lövgren

Fünf Bundesliga-Spieler stehen im schwedischen Aufgebot. Neben Ahlm sind noch seine Kieler Kollegen Kim Andersson und Henrik Lundström sowie die beiden Torhüter Dan Beutler (Flensburg) und Per Sandström (Hamburg) dabei.

Der inzwischen 37-jährige Stefan Lövgren ist nicht im Kader. Der Kopf des Kieler Rückraums soll nur im Falle eines Ausfalls als Nachrücker eine Alternative sein.

In Gruppe D trifft das Team von Trainer Ingemar Linnell auf Island, die Slowakei und Titelverteidiger Frankreich. Ahlm gibt als oberstes Ziel die Olympia-Qualifikation aus: "Das erste Spiel gegen Island wird ein entscheidendes Spiel, da die Isländer auch noch nicht für Olympia qualifiziert sind. Wir wollen auf jeden Fall die Hauptrunde erreichen."

Keine Angst vor Deutschland

Die besten Chancen auf den Titel haben laut Ahlm die Franzosen, denn "die haben auch bei der WM gut gespielt". Außerdem zählt er Kroatien, Spanien und Deutschland zu den Favoriten.

Auf Deutschland wird Schweden aller Voraussicht nach bereits in der Hauptrunde treffen. Von dem amtierenden Weltmeister hat Ahlm jedoch keinen übertriebenen Respekt: "Wir spielen jede Woche in der Bundesliga gegen Deutsche und insofern kennen wir die Spieler gut."

Immer locker, immer lustig 

Und auch wenn Ahlm nicht allzu euphorisch ist, hat Schweden neben ihm noch andere Trümpfe zu bieten. 

Ein Geheimtipp ist Kreisläufer Oscar Carlen. Der 19-Jährige hat 2007 sein erstes Länderspiel gemacht und ist laut Ahlm "für sein Alter schon sehr weit".

Sein Vater ist kein Geringerer als der ehemalige Nationalspieler Per Carlen, der in der Zeit zwischen 1982 und 1996 insgesamt 329 Länderspiele bestritt und über 1000 Tore warf.

Zudem sollten Roggisch, Kehrmann und Co. auf die Stärken der Schweden eingestellt sein. Das sind "die Abwehr und die Torhüter. Außerdem haben wir einen super Teamgeist", sagt Ahlm. Für die Stimmung im schwedischen Team ist Jan Lennartsson zuständig. "Der ist immer gut drauf uns hat immer einen lustigen Spruch parat."

Finalgegner Frankreich

Auch wenn die Hoffnungen auf eine schwedische Überraschung eher gering sind, so wünscht sich Ahlm doch eine ganz spezielle Verabredung am 27. Januar 2008, dem Tag des Endspiels in Lillehammer.

"Da habe ich ein Spiel", lautet die schnelle und nicht ganz ernst gemeinte Antwort auf die Frage nach dem Vorhaben am Finaltag. Und gegen wen? "Gegen Frankreich!"

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