Mittwoch, 04.01.2012

Der SC Magdeburg im Aufwind

Zurück zum Ursprünglichen

Der SC Magdeburg ist nach chaotischen Zeiten in Sachsen-Anhalt wieder in, was den Präsidenten Dirk Roswandowitz besonders freut. Ein Verdienst von Marc-Henrik Schmedt, Steffen Stiebler und vor allem von Frank Carstens. Der 40-Jährige hat eine steile Karriere hingelegt. Ein Streber, der einer handballverrückten Familie entstammt. Seine Ernennung zum Co-Bundestrainer birgt allerdings auch Gefahren.

Frank Carstens übernahm den SC Magdeburg im Sommer 2010
© Getty
Frank Carstens übernahm den SC Magdeburg im Sommer 2010

Zoff, wechselndes Personal auf den wichtigen Positionen, Kommunikationsprobleme innerhalb des Vereins, finanzielle Sorgen und veraltete Strukturen: Es ist noch gar nicht lange her, dass beim SC Magdeburg Untergangsstimmung herrschte.

Mittlerweile hat sich der SCM aber zusammengerissen. Der Verein scheint geordnete Strukturen zu haben und sportlich läuft es auch sehr ordentlich. Dank Trainer Frank Carstens.

Lob für Schmedt und Stiebler

Wobei sich der 40-Jährige nicht mit fremden Federn schmücken möchte. "Die Situation hatte sich doch bereits zuvor positiv verändert", sagt Carstens, der im Juli 2010 sein Amt antrat: "Das Erreichte ist auch dem Umstand geschuldet, dass hier im Klub an vielen Stellen richtig gute Arbeit geleistet wird."

Gemeint sind vor allem Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt und Geschäftsstellenleiter Steffen Stiebler. Beide sind im Klub fest verwurzelt. Identifikationsfigur Stiebler spielte 20 Jahre lang für Magdeburg. Der 40-Jährige strukturierte die Geschäftsstelle um und leitet diese mit Herzblut. Oder wie Schmedt es ausdrückt: "Steffen arbeitet in der Geschäftsstelle so, wie er früher auf dem Feld gespielt hat - immer mit vollem Einsatz."

Schmedt ist seit 2001 beim Traditionsklub und kümmerte sich jahrelang ehrenamtlich um die Geschicke der zweiten Mannschaft. Er war 18 Jahre lang Banker und weiß deshalb, worauf es ankommt: "Neben der sportlichen benötigt man unbedingt eine wirtschaftliche Stabilität. Letztlich entscheidet die Etathöhe über sportlichen Erfolg."

Keine Gladiators mehr

Eine der ersten Amtshandlungen Schmedts war es, den bei den Fans unbeliebten Beinamen Gladiators zu entfernen. "Wenn wir einen Neuanfang wagen wollen, müssen wir uns auf das Ursprüngliche besinnen", sagte Schmedt: "Wir müssen keine Gladiators sein, um uns auf unsere Stärken zu besinnen."

Was Schmedt meint: Der SCM besitzt in der Region nach wie vor eine gewaltige Strahlkraft. Der Beweis: In dieser Saison pilgerten bisher durchschnittlich 5961 Fans in die Bördelandhalle.

Als zum letzten Spiel des Jahres gegen Wetzlar (31:25) sogar über 7000 Zuschauer kamen, war Präsident Dirk Roswandowitz überhaupt nicht mehr zu halten: "Geil, einfach geil!" Also: Schluss mit der Amerikanisierung, back to the roots, der richtige Weg ist eingeschlagen.

Zwar gibt es rund um Magdeburg kaum wirtschaftliche Giganten, aber viele kleinere Unternehmen, die es zu gewinnen gilt.

Gerüchte um Jaszka

Das scheint ganz gut zu gelingen. Während in der Vergangenheit Spieler wie Silvio Heinevetter, Christian Sprenger oder Christoph Theuerkauf nicht zu halten waren, ist offenbar jetzt wieder etwas Geld in der Kasse.

Das lassen zumindest zwei Beispiele erahnen. Angeblich haben die Magdeburger Bartlomiej Jaszka ein Angebot unterbreitet. Wenn auch in diesem Fall ohne Erfolg: Der Pole verlängerte bei den Füchsen Berlin bis 2017. Fix ist derweil der Transfer von Nationalspieler Stefan Kneer, der im Sommer aus Großwallstadt kommt.

Alles Anzeichen einer ordentlichen Arbeit, die im Team erledigt wird. "Wir sind ein zupackendes und hochengagiertes Dreier-Team", sagt Schmedt über sich, Stiebler und Carstens.

Erst Traumstart, dann Verletzungspech

Letzterer ist für die sehr solide sportliche Entwicklung verantwortlich, einer der laut Schmedt für "eine neue Zeit, für eine neue Ära" steht. Im ersten Jahr gelang mit Rang sieben gleich der Einzug ins internationale Geschäft, in dieser Saison grüßt der Champions-League-Sieger von 2002 nach einem bärenstarken Saisonstart von Platz sechs.

Dass es auch ein paar Niederlagen geben würde, hatte Carstens ohnehin schon geahnt, als sein Team mit 10:2 Punkten von so manchem als Kiel-Verfolger Nummer eins angesehen wurde: "Wir haben von einem wohlwollenden Spielplan profitiert, und ob wir auf Sicht da oben mithalten können, wird sich erst noch zeigen."

Es zeigte sich - keine Überraschung - dass es für ganz oben nicht reicht. Auch Platz sechs muss erstmal verteidigt werden. Magdeburg klebt das Verletzungspech an den Füßen. Kapitän Fabian van Olphen fällt nach einem Kreuzbandriss für den Rest der Saison aus, Jure Natek fehlt aufgrund anhaltender Leistenbeschwerden ebenfalls.

Ein kometenhafter Aufstieg

Die Situation ist eine weitere Herausforderung für Carstens, der nicht als Träumer oder Sprücheklopfer, sondern als seriöser Arbeiter gilt. Sicherlich ein Grund dafür, dass der Sportlehrer als Trainer einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat.

2006 begann er beim Zweitligisten Aurich als Coach, ein Jahr später wechselte der frühere Bundesligaspieler der GWD Minden zu Hannover-Burgdorf. Mit dem TSV schaffte er den Aufstieg in die HBL, dann relativ souverän den Klassenerhalt, ehe es ihn nach Magdeburg zog.

Dort drückte Carstens dem Team schnell seinen Stempel auf. Er hat von der Art und Weise, wie seine Mannschaft spielen soll, eine klare Vorstellung - nämlich aus einer körperlich starken und höchst variablen Abwehr heraus. "Dazu muss sie schnell und schlau sein, wobei auch ihr antizipatives Verhalten eine große Rolle spielt. Daraus resultiert dann das Tempospiel", so Carstens.

Carstens ist ein Streber

Die bisher wie am Schnürchen gezogene Karriere lässt einen strengen Plan vermuten, worüber Carstens allerdings nur lachen kann.

"Einen Karriereplan habe ich nie gehabt, wohl aber etwas Glück, dass es bisher so erfolgreich gelaufen ist", so der frühere Abwehr-Spezialist, der 2009 quasi nebenbei als Jahrgangsbester die A-Lizenz erwarb.

Glück? Der vierfache Vater weiß ganz genau, dass sein Erfolg nicht von ungefähr kommt. Er ist ein Streber durch und durch. "Natürlich bin ich das, wenn Streber sein bedeutet, Dinge so gut wie möglich zu machen", gibt er zu.

Handball-Familie Carstens

Kein Wunder: Carstens stammt aus einer handballverrückten Familie. Sein Vater Jürgen trainierte in der Bundesliga den Wilhelmshavener HV, Bruder Maik spielte in der zweiten Liga für die HSG Varel. Und Tim, ein weiterer Bruder, steht bei der Nationalmannschaft der Gehörlosen zwischen den Pfosten.

Einmal spielte Frank Carstens sogar noch mit seinem Vater zusammen, in der Regionalliga für den VfL Oldenburg. Eine eher nicht so schöne Erinnerung. Der Grund: "Wir haben fürchterlich verloren."

Fürchterlich verloren hat er auch bei seinem Debüt als Assistent von Bundestrainer Martin Heuberger beim Supercup. Drei Spiele, drei Pleiten. "Die Niederlagen darf man auch nicht überbewerten. Nützlich waren sie, weil sie uns wichtige Erkenntnisse gebracht haben, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt", bleibt Carstens gelassen.

Deutschland muss zur Olympiade

Er glaubt, dass bei der EM in Serbien das Wunder noch gelingen kann: "Eine deutsche Handball-Nationalmannschaft muss immer bei Olympia dabei sein. Da gibt es überhaupt kein Vertun."

Dass Carstens bei der EM überhaupt dabei sein wird, darf durchaus kritisch beäugt werden. Der SC Magdeburg ist ein ambitionierter Verein. Und dass man den Trainer zur Nationalmannschaft lässt, obwohl er dadurch die komplette Vorbereitung auf die Rückrunde bei seinem Klub verpasst, ist durchaus gefährlich.

"Das finde ich merkwürdig", sagte der frühere Magdeburger Stefan Kretzschmar dazu. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da.

Alles zur HBL

Felix Götz

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