Kastration des ehrlichen Fußballs

Von Oliver Birkner / Frank Oschwald
Montag, 25.04.2016 | 15:00 Uhr
Britannia Stadium: Rasen in einem okayen Zustand
© getty
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Ganz England schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Das gefürchtete Britannia Stadium fällt über Nacht dem Kommerz zum Opfer und Hashtags gibt's jetzt auch auf Trikots. In Spanien werden zwei Machos zu zahmen Kätzchen und Italien sucht Italiener.

Serie A

von Oliver Birkner

Beatles des Spieltags: Kurz vor dem Anstoß in San Siro prüften interessierte Besucher weniger, ob die vom Reglement geforderten 22 Akteure ordnungsgemäß auf dem Platz standen. Im Kopf tüftelten sie eher über ein Mosaik der Nationen. Erstmals in der Geschichte der Serie A startete eine Partie ohne Italiener, im Duell zwischen der Internazionale und Udinese (3:1) stammte dann zumindest der Referee aus heimischen Gefilden. Eine Europa-Premiere feierte Italien damit allerdings nicht, denn den gleichen Fall hatte die Premier League am 30. Dezember 2009 bei Portsmouth gegen Arsenal registriert. Am Spielaufbau zu Babel im Meazza versuchten sich Profis aus 14 Ländern, wobei Portugiesisch dank sechs Brasilianern und einem Portugiesen das linguistische Rennen für sich entschied.

Die Tendenz lässt Ungemütliches befürchten, denn in den letzten zehn Jahren stieg der Ausländeranteil von 30,1 auf 58 Prozent - die Spielminuten der ersten Zehn des Klassements registrieren nach 35 Runden 67 Prozent von Nicht-Italienern. Der Commissario tecnico der Azzurri ist wahrlich nicht zu beneiden. Bei manchen Fragen im Pay TV würde sich der Zuschauer indes wohl gerne einen geringeren Anteil Italiener wünschen. Wie am Sonntag, als Juve-Coach Max Allegri folgendes Reporter-Mysterium entschlüsseln musste: "Allegri, die Beatles brachten 1963 She Loves You heraus und nahmen vier Jahre später Strawberry Fields auf. Hätten Sie von Dybala in einer Saison solch eine Entwicklung erwartet - ist Dybala wie die Beatles?" Bei Mediaset Premium wird offenbar auch akkurates Premium Zeug geraucht.

Magie des Spieltags: Riviera, Baviera - ist ja fast dasselbe, wenn man nicht unglaublich pingelig sein möchte. Es verwunderte dann doch so manchen, dass Baviera, also Bayern, am Wochenende im Stadion an der Riviera mit zahlreichen Vertretern der Sambenedettese zum Aufstieg in die dritte Liga gratulierte - stimmlich und mit dem Banner "Glückwunsch, magische Samb!" Von Magie ist der Klub aus San Benedetto del Tronto weit entfernt, doch seit einer Partie Samb gegen Napoli 2005 verknüpft die Italiener und die Schickeria aus München eine enge Fanfreundschaft.

Seither trifft man in der Arena inmitten der offiziellen Couleur Rotblau auch oft auf Rot-Weiß. Gute Freunde kann niemand trennen, und deshalb protestierten die bajuwarischen Gäste einst sogar heftig mit, als der notorische Caffè Borghetti im Stadion verboten wurde - ein diabolisches Kopfweh-Elixier aus Kaffee und beeindruckendem Alkoholgehalt. Ob die teutonische Partnergemeinde vornehmlich aus Eigeninteresse klagte, ist nicht überliefert. Egal, die eigentliche Magie findet schließlich im Stadion statt. Bei solch rührender Eintracht, könnten die Bayern im Sommer ruhig ein paar der überzähligen Kicker zur Riviera entsenden. Das wäre zweifelsohne magic.

Und sonst? Die Akkorde von "Purple Rain" passten freilich hervorragend zum Warmmachen der Viola aus Florenz vor dem Duell mit Juventus. Viele im Stadio Franchi sangen andächtig mit und gedachten Prince. "I never meant to cause you any pain" nahm die Fiorentina dann recht wörtlich. Gegen den unangefochtenen Antichristen unter den Florentinern kassierte man direkt nach dem Ausgleich naiv das 1:2, Gigi Buffon hielt in der 90. einen Elfmeter von Nikola Kalinic und zum All-Inclusive-Paket der Pein traf der Kroate in der Nachspielzeit noch die Latte. Juve indes feierte vor den mitgereisten Fans die bald auch mathematisch fünfte Meisterschaft in Folge. Lediglich drei Gegentreffer in der Rückrunde, 24 Siege und ein Remis aus den letzten 25 Partien - Laughing in the Purple Rain ging eindeutig an Turin. Florenz sollte womöglich seinen alten DJ wieder anheuern, der meist Born to Run zum Anheizen auflegte. Mit dem Boss erlebte die Viola eindeutig rasantere Zeiten.

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