Der ewige Mitläufer

Von Andreas Inama
Donnerstag, 14.05.2015 | 15:01 Uhr
Ausgleich für Dnipro: Seleznyov trifft zum 1:1 gegen den SSC Neapel
© getty
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Dnipro Dnipropetrovsk ist die Überraschung der diesjährigen Spielzeit der Europa League. In einer schwachen Gruppe hat man sich nur knapp als Zweiter durchgesetzt, um dann in der K.o.-Phase mit Olympiakos Piräus und Ajax Amsterdam zwei Champions-League-Absteiger auszuschalten. Nun steht das Rückspiel gegen den SSC Napoli (21.05 im LIVE-TICKER) an. Ein Spiel, das richtungsweisend für den ukrainischen Fußball werden kann.

Es war ein schwaches Spiel im Stadio San Paolo zu Neapel. Napoli dominierte das Spiel, konnte aber keine zwingenden Aktionen kreieren. Die Gäste aus der Ukraine standen dicht gestaffelt in der Defensive und lauerten auf Fehler der Neapolitaner. Schließlich fiel das Tor doch, die Partenopei führten, dem Spiel wurde in den letzten vierzig Minuten Leben eingehaucht.

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Leben, das Dnipro schließlich zu einem Achtungserfolg brachte: In der 80. Minute erzielte der 60 Sekunden zuvor eingewechselte Evgen Seleznyov den unverhofften Ausgleich für den krassen Außenseiter, wenn auch klar aus Abseitsposition.

Dnipro im Freudentaumel, das sonst so laute San Paolo totenstill. Mit dem ersten positiven Ergebnis auf italienischer Erde der Vereinsgeschichte öffnete sich auf einmal das Tor zum ersehnten Finale einen Spalt weit.

Es wäre ein Höhepunkt für einen Verein, der trotz seiner langen Tradition in der Ukraine nie aus dem Schatten der Großen Schachtjor Donezk und Dynamo Kiew treten konnte und dem in den letzten Jahren auch fast vom Erzrivalen Metalist Charkiw der Rang abgelaufen wurde.

Gründung und Nachkriegszeit

Gegründet wurde die Mannschaft in der damaligen Sowjetunion im Jahr 1918. Wie für viele Klubs in der UdSSR üblich, war man kein Verein im eigentlichen Sinne. Die Spieler waren Schüler einer Ausbildungsstätte für Metallarbeiter. Darum geht auch der erste Vereinsname auf die Schule zurück: BRIT, Brianskyi Robitnychyi Industrialnyi Tekhnikum.

Die Vorgängervereine von Dnipro fielen zwei Mal den Wirren der Weltkriege zum Opfer. Es gab drei Neugründungen und Namensänderungen. 1945 kehrten einige Spieler von der Front zurück und man stieg in die sowjetische Meisterschaft ein, wenn auch mit anfänglichen Schwierigkeiten.

Der Trainer damals, Ivan Lukin, hielt fest: "13 Spieler kamen zum ersten Training. Deren Zustand ließ zu wünschen übrig, aber die Lust Fußball zu spielen loderte in ihren Augen. Die Jungs liefen zwei Runden und waren danach am Ende. Keiner beschwerte sich. Aber die Männer waren an ihre Grenzen gestoßen; ich musste das Training abbrechen und gab ihnen zwei Tage frei."

Die post-sowjetische Stagnation

Mit diesen Worten beginnt die Geschichte des Vereins erst richtig. Man steigt in die sowjetische Liga ein. Nach einer Fusion mit Dynamo Dnipropetrovsk wird die Mannschaft 1949 in Metalurh umbenannt. Dennoch kann man sich nicht etablieren, der größte Erfolg bleibt eine Halbfinal-Teilnahme im Pokal.

Nach der Übernahme durch Yugmash, einer Maschinenfabrik, und der daraus folgenden Namensänderung zu Dnepr (russische Form von Dnipro) im Jahr 1961 dauert es noch zwei Dekaden, bis man sich auf nationaler Ebene - unter anderem mit dem legendären Trainer Valery Lobanovsky - einen Namen macht: 1983 und 1988 werden die ersten und letzten Meistertitel gewonnen.

Der Zerfall der Sowjetunion bedeutet einen Rückschritt für Dnipro. Bis auf 1992, als Tawrija Simferopol die gerade neu gegründete Premjer-Liha vor Dynamo Kiew gewinnt, wechseln sich bis heute Dynamo und Schachtjor im Kampf um die Meisterschaft ab. Für den ersten Profiklub der Ukraine sind zwei zweite Plätze das höchste der Gefühle (1993, 2014).

Auch in diesem Jahr wird es mit der Meisterschaft nichts: Drei Spieltage vor Schluss steht Dnipro auf Platz drei in der Premjer-Liha, neun Punkte hinter Spitzenreiter Dynamo Kiew. Umso mehr setzt man auf die Karte Europa League.

Das Spiel des Lebens

"Jeder stellt sich auf das Spiel seines Lebens gegen Napoli ein. Wir müssen erfolgreich sein, um unsere Reise nach Warschau fortzusetzen. Wir gehören nun zu den besten vier Teams der Europa League, schon das ist großartig. Aber nun können wir den ganz großen Coup landen."

Artem Fedetsky spricht für seine Mannschaftskameraden und deutet an, dass dem Favoriten aus Süditalien ein schwer zu knackender Gegner bevorsteht.

Im Sechzehntel- und Achtelfinale wurden Olympiakos Piräus und Ajax Amsterdam ausgeschaltet, zwei Mannschaften, die frisch aus der Champions League kamen. Überhaupt hat Dnipro von seinen letzten 25 Spielen nur drei verloren, darunter gegen Kaliber wie Schachtjor oder eben Ajax im Achtelfinalrückspiel.

Trotzdem ist man sich in Dnipropetrovsk seiner Außenseiterrolle bewusst, will sich darauf aber auf keinen Fall ausruhen. Es gibt keine Stars, die ein Spiel alleine entscheiden könnten. Die Mannschaft jedoch ist beflügelt ob der letzten Erfolge und im Team herrscht eine Jetzt-erst-Recht-Stimmung.

"Keiner hatte uns auf dem Radar. Jetzt fehlen uns nur noch wenige Schritte zum Finale und Europa sieht uns in einem anderen Licht. Wir haben vor niemandem Angst, auch nicht vor den Stars aus Napoli", stellte Dnipros Valeriy Fedorchuck klar.

Auch Napoli-Trainer Rafa Benitez weiß um die Stärke der Ukrainer: "Wenn du unter die letzten Vier kommst, heißt das, dass du eine Top-Mannschaft bist. Die Siege, die sie gegen Olympiakos, Ajax und Brügge geholt haben, sind dafür der beste Beweis."

Paradigmenwechsel in der Ukraine?

Seit der Einführung der Premjer-Liha in der Ukraine hat man in Dnipropetrovsk keinen Titel mehr feiern können. Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk bleiben das Nonplusultra in der ehemaligen Sowjet-Republik. Auf nationaler Ebene muss man sich seit der Auflösung der Sowjetunion mit der Rolle der dritten Kraft abgeben.

Nun hat man die Chance, der Stadt was Großes zu schenken: "Dieser Klub ist einzigartig. Wir haben großartige Fans und Dnipropetrovsk liebt den Fußball. Das und unser Teamgeist sind die Garanten für unseren Erfolg", so Ausgleichs-Torschütze Seleznyov nach dem Halbfinal-Hinspiel.

Das Team von Myron Markevych hat die große Chance, sich nicht nur einen Platz in den ukrainischen Sportgeschichtsbüchern und Unsterblichkeit in den Herzen der eigenen Fans zu sichern. Dnipro könnte auch ein Signal an die beiden Großen aus Kiew und Donetzk: Der ewige Mitläufer ist auf bestem Wege, ein ernst zu nehmender Gegner zu werden.

Dnipro Dnipropetrovsk im Überblick

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