Starke Italiener fordern Deutschland im Halbfinale

Von Thomas Gaber / Ronald Tenbusch
Sonntag, 24.06.2012 | 23:35 Uhr
Eine von vielen Torchancen zwischen England und Italien: Abate (r.) rettet vor Rooney
© Getty
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Deutschlands Gegner im EM-Halbfinale heißt Italien. Die Squadra Azzurra setzte sich gegen England mit 4:2 nach Elfmeterschießen durch. In den 120 Minuten zuvor fiel kein Treffer. Den entscheidenden Elfmeter verwandelte Alessandro Diamanti. Ashley Young und Ashley Cole verschossen bei England, Riccardo Montolivo für Italien.

Italien war über die gesamte Spielzeit die deutlich aktivere Mannschaft und erspielte sich eine Reihe guter Torchancen. Im Halbfinale am kommenden Donnerstag in Warschau wird den Azzurri der gelbgesperrte Christian Maggio fehlen.

Italien hat noch nie ein WM- oder EM-Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft verloren.

Die Reaktionen:

Cesare Prandelli (Trainer Italien): "Wir haben Charakter gezeigt und ein fantastisches Spiel hingelegt gegen eine Mannschaft, die nur schwer zu bezwingen war. Jetzt genießen wir erst einmal den Erfolg, und dann denken wir an Deutschland."

Roy Hodgson (Trainer England): "Wir haben so hart gearbeitet wie wir konnten. Wir haben alles gegeben, haben 90 Minuten und dann noch mal 30 Minuten versucht zu gewinnen. Aber es hat nicht gereicht. Die Spieler haben beim Elfmeter üben einen guten Eindruck gemacht. Aber den Druck kann man eben nicht trainieren."

Steven Gerrard (England): "Es ist hart, so zu verlieren. Wenn du die Nase vorn hast im Shootout, dann betest du, dass du vorn bleibst. Es ist leider anders gekommen. Wir sind wieder mal knapp gescheitert."

Alessandro Diamanti (Italien): "Der Sieg war für mich ein großes Ziel. Wir haben das Halbfinale gegen Deutschland erreicht, nun wartet wieder ein großes Spiel auf uns. Deutschland hat am stärksten bei diesem Turnier gespielt, aber wir werden unser Bestes geben."

Ricardo Montolivo: "Zum Glück sind wir weiter und ich kann meinen schlechten Elfmeter vergessen. Ich hab ihn schlecht geschossen, nach 120 Minuten war ich müde. Wir müssen uns steigern gegen eine sehr starke Mannschaft. Wir respektieren die Deutschen, haben aber keine Angst."

Andrea Pirlo: "Als ich gesehen habe, dass der Torhüter große Bewerbungen macht, habe ich abgewartet, um dann so zu schießen. Es war einfacher für mich, in diesem Moment den Ball so zu chippen. Vielleicht hat dies Druck auf die Engländer ausgeübt, weil Ashley Young dann verschossen hat. Natürlich haben wir schon an Deutschland gedacht und gewusst, dass wir auf sie treffen, wir ins Halbfinale kommen. Jetzt müssen wir uns konzentrieren. Ob wir Titelchancen haben? Klar, deswegen sind wir hier."

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Bei England stehen mit Cole, Gerrard, Milner und Young vier Spieler in der Startelf, die bei der nächsten Gelben Karte im Halbfinale gesperrt wären. Der fünfte vorbelastete Spieler, Oxlade-Chamberlain, sitzt auf der Bank. Hodgson entscheidet sich im Sturm für Rooney und Welbeck.

Bei Italien fehlt der am Oberschenkel verletzte Chiellini. Für ihn spielt Bonucci in der Innenverteidigung. Der angeschlagene Motta muss für Montolivo auf die Bank. Balotelli stürmt wieder von Beginn an neben Cassano. Die Squadra Azzurra hat gleich neun Gleb-vorbelastete Spieler. Buffon, Bonucci, Balzaretti, Montolivo, De Rossi und Balotelli spielen von Beginn an. Motta und Maggio sind Ersatz, Chiellini kommt definitiv nicht zum Einsatz.

3.: RUMMS! Marchisio spielt den Ball von links zurück ins Zentrum. De Rossi nimmt die Kugel aus knapp 20 Metern direkt und nagelt das Ding an den rechten Pfosten.

25.: Traumpass von Pirlo auf Balotelli. Der braucht frei vor Hart zu lange für die Ballverarbeitung, Terry rauscht via Powergrätsche heran und blockt den Schuss.

33.: Doppelpass zwischen Welbeck und Rooney, der per Hacke für Welbeck ablegt. Schlenzer aus 15 Metern - am rechten Dreieck vorbei.

41.: Super Flanke Pirlo von halbrechts auf den zweiten Pfosten. Cassano legt mit dem Kopf in die Mitte, wo Balotelli einschussbereit steht. Aber ein englisches Bein rettet in letzter Sekunde zur Ecke.

48.: Hart faustet einen Eckball auf den Kopf von Marchisio. Der köpft ihn Richtung Tor, De Rossi fällt das Ding am rechten Fünfereck auf den rechten Fuß, er huft den Ball aber rechts am Tor vorbei.

52.: Dreifachchance Italien! Kracher De Rossi, Hart lässt abprallen. Balotelli holt sich den Rebound und schießt Hart aus sechs Metern an. Montolivo jagt den nächsten Abpraller aus sechs Metern drüber.

65.: Walcott flankt von rechts in den Strafraum. Carroll liegt in der Luft, Abate kommt aber an den Ball und wehrt nach vorne ab, wo Young steht und aus 13 Metern flach links vorbeischießt.

101.: Diamanti schaufelt den Ball von halbrechts in den 16er. Der Ball wird immer länger und klatscht an den linken Pfosten.

Elfmeterschießen:

0:1 Balotelli

1:1 Gerrard

Montolivo schießt links am Tor vorbei

2:1 Rooney

2:2 Pirlo

Young schießt an die Latte

2:3 Nocerino

Buffon hält gegen Cole

2:4 Diamanti

Fazit: Später Lohn für die klar bessere Mannschaft. Italien schoss in 120 Minuten 35 Mal aufs Tor - ohne Erfolg. England wurde für seine destruktive Spielweise bestraft.

Der Star des Spiels: Andrea Pirlo. Kein Spieler auf der Welt spielt so perfekte, so geniale Pässe wie der 33-jährige Pirlo. Er ist Italiens Seele, er ist Italiens Herz. Sein Elfmeter bei Rückstand? Provokant - aber erfolgreich. Pirlo war nie besser als bei dieser EM.

Der Flop des Spiels: Scott Parker. Englands Mittelfeldspieler fiel nach gutem Beginn stark ab. Parker gewann nur 40 Prozent seiner Zweikämpfe, kam öfter einen Schritt zu spät. Im Offensivspiel unbrauchbar, weil zu langsam und fehlerhaft im Passspiel.

Der Schiedsrichter: Pedro Proenca hatte keine Probleme mit dem überaus fairen, in den Zweikämpfen mitunter körperlosen Spiel. Wenn's mal intensiver wurde, ließ Proenca das Spiel eher laufen als Freistöße zu geben. Terry wurde bei Eckstößen der Engländer zwei Mal grenzwertig am Trikot gehalten, einen Elfmeter gab's dafür aber nicht.

Die Trainer:

Roy Hodgson: Reagierte nach einer Stunde auf das italienische Powerplay mit einem Doppelwechsel. Walcott kam für Milner, Carroll für Welbeck. Beide waren unmittelbar danach an einer Großchance durch Young beteiligt. Englands Angriffsspiel wurde dadurch aber keineswegs besser.

Cesare Prandelli: Entschied sich wieder für das offensive 4-1-3-2 und für Balotelli statt di Natale im Sturm. Balotelli war auch omnipräsent, wählte immer wieder die richtigen Laufwege, vergab aber Torchancen en masse. Montolivo als Ersatz für Motta zu bringen, war eine schlaue Entscheidung. Der Neu-Rossoneri hatte auf der Position hinter den Spitzen viele gute Aktionen. Auch der eingewechselte Diamanti (für Cassano) brachte nochmal Schwung.

Deutschland gegen Italien: Wer kommt ins Finale? Jetzt tippen und absahnen!

Das fiel auf:

  • Beide Mannschaften schlugen ein sehr hohes Anfangstempo an. Nach dem Ballgewinn wurde vor allem auf englischer Seite blitzschnell über die Flügel gekontert. Die Bälle wurden dann meistens in die Räume gespielt, die die offensiven Außenverteidiger Johnson (England, rechts) und Balzaretti (Italien, links) freiließen.
  • Englands Mittelfeld agierte anfangs sehr variabel. Milner und Young wechselten hin und wieder die Seiten und wenn sich Rooney fallen ließ, um Bälle zu schleppen, ging einer der beiden tief.
  • Für ein EM-Viertelfinale ging es erstaunlich gesittet zu. In der ersten Halbzeit gab es ganze acht Fouls. Beide Teams hielten sich in den Zweikämpfen zurück - eine Folge der hohen Anzahl an vorbelasteten Spielern.
  • Nach offensivem Beginn baute England seine beiden Viererketten auf, hatte aber große Probleme, die sehr beweglichen Italiener vom eigenen Tor wegzuhalten. Cassano zog immer wieder einen Verteidiger nach außen, Pirlo war nicht von seinen Traumpässen abzuhalten und Montolivo schlich sich oft in den Raum zwischen beiden Ketten.
  • Das probateste Mittel der Azzurri war der hohe Ball aus dem Zentrum, meist von Pirlo, über die zwei Viererketten hinter die Abwehr. Balotelli und später Nocerino vergaben dann aber beste Chancen.
  • Italien musste in der Verlängerung für das hohe Tempo über 60, 70 Minuten bezahlen, blieb aber bis zum Schluss am Drücker. England spielte nur noch nach Schema F: Alle Mann hinte rein und nach dem Ballgewinn langer Hafer auf Carroll, der die Bälle zwar gut verarbeitete, aber dann kaum einen Ball zum Mitspieler brachte.

England - Italien: Daten zum Spiel

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