Sonntag, 24.06.2012

Die Wandlung des Real-Stars

Sami Khedira: Gelernte Reife

Es ist bisher sein Turnier: Sami Khedira wächst bei der EM immer mehr in die Rolle des Anführers, der auch im Halbfinale gegen Italien nötig sein wird (Do., 20.15 Uhr im LIVE-TICKER). Im Prinzip folgt er damit einfach nur seinem Naturell - mit tatkräftiger Unterstützung des Special One.

Der geborene Anführer: Sami Khedira spielt bislang eine bärenstarke EURO 2012
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Der geborene Anführer: Sami Khedira spielt bislang eine bärenstarke EURO 2012

"Titel sind wie eine Sucht", hat Sami Khedira einmal gesagt. Also sammelt er sie, die Titel. Mit dem VfB Stuttgart wurde er Meister in der B- und in der A-Jugend, später auch bei den Profis. Dazu der EM-Titel mit der deutschen U 21, die er als Kapitän anführte. Und mit Real Madrid holte er nach dem Pokalsieg jetzt auch die spanische Meisterschaft.

Als er vor zwei Jahren den Wechsel zum bekanntesten Klub der Welt vollzog, war die Skepsis doch einigermaßen groß. Natürlich musste er das Angebot annehmen, vielleicht bekommt man so eine Chance nur einmal im Leben. Dass er seinen Weg in Madrid aber machen würde, zumal in diesen jungen Jahren, wurde ihm aber kaum zugetraut.

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Da war es durchaus von Vorteil, dass es wenigstens einen gab, der ihm die ganze Zeit voll vertraute: Sami Khedira selbst. Unerwartet schnell konnte er seinen Trainer Jose Mourinho überzeugen. Seitdem spielt Khedira verlässlich oft und verlässlich gut.

Unterstützung für Schweinsteiger

Die Zusammenkunft mit Mourinho war offenbar das Beste, was ihm passieren konnte. Als er in Madrid ankam, war er ein hoffnungsvoller Spieler, aber in seiner Entwicklung erst am Anfang. Wie groß der Fortschritt seitdem ist, zeigt sich in diesen Tagen der Europameisterschaft. Bei den letzten großen Turnieren gab es immer ein ungleiches Pärchen.

Per Mertesacker musste einst dem uninspirierten Christoph Metzelder ins Turnier helfen, danach zog Arne Friedrich seinen Nebenmann Mertesacker langsam in die WM 2010. Bisher scheint es, als käme Bastian Schweinsteiger nicht so richtig in Tritt. Dem Münchner fehlen einige Prozent zu seiner Normalform. Dass das bisher nicht so sehr ins Gewicht fiel, ist besonders ein Verdienst Khediras.

Von seiner zentralen Mittelfeldformation fordert Joachim Löw, die Grenzen zwischen Defensive und Offensive so fließend wie möglich zu gestalten. Und derzeit gibt es keinen, der diese Vorgabe besser umsetzt als Khedira.

Überall zu finden

Gegen Griechenland machte er fast das komplette Spielfeld zu seinem Bearbeitungsgebiet. Die Abstimmung mit Schweinsteiger und Mesut Özil funktionierte hervorragend. Defensiv war er gewohnt sicher, in der Offensive kam Khedira fünfmal in die Abschlussaktion und erzielte den befreienden Treffer zum 2:1.

"Ich will Bälle erobern, Spielzüge einleiten, schnell, direkt passen, Angreifer in Position bringen und mich selbst einschalten. Das ist ganz klar mein Spiel", beschreibt Khedira seine Aufgaben in der Nationalmannschaft. "Sami hat sich in den vergangenen Monaten zu einer Führungspersönlichkeit entwickelt", sagt sein DFB-Trainer Joachim Löw.

Der profitiert derzeit davon, dass ihm sein Kollege einen fertigen Spieler zur EM geschickt hat, der bis jetzt auf seiner Position mit die auffälligste Erscheinung des Turniers ist, neben dem Italiener Andrea Pirlo und dem Engländer Steven Gerrard.

Gelernte Reife

Von Jose Mourinho habe er gelernt, geduldig zu sein, sagt Khedira. Und nicht nur das. "In den vergangenen zwei Jahren bei Madrid habe ich gelernt, wie man gedanklich an ein Spiel rangeht. Dass ich noch mehr den Kopf einschalten muss. Früher habe ich eine Lücke gesehen und bin zehn-, 15-mal pro Halbzeit in die Tiefe gegangen", erklärte er jüngst in einem Interview mit der "Zeit" seine gelernte Reife.

"Jetzt denke ich schon vorher über einen Gegner nach und weiß, wann ich in die Lücke stoßen und meine Position verlassen kann, ohne meine Mannschaft zu gefährden. Ich bin gewappneter. Und das ist Mourinhos Verdienst."

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Die "filigrane Wuchtbrumme" (Süddeutsche Zeitung) hat auf dem Platz ein neues Level erreicht und wirkt außerhalb so routiniert und eloquent, wie man es einem 25-Jährigen kaum zutrauen möchte. Khedira sagt dann sehr schlaue Dinge.

"Wenn der Trainer mich aufstellt, fühle ich mich in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Egal, ob ein Schweinsteiger neben mir spielt oder ein Özil vor mir oder ein Neuer hinter mir. Ich selber will der Mannschaft ein gutes Gefühl geben. Das fordert der Trainer von mir, er hat mir ganz klar gesagt, dass das der nächste Schritt sein muss, und dazu bin ich bereit."

Rollenmodell des DFB

Die nachrückende junge Generation schaut zu ihm auf, sie erkennt ihn als einen der Leader in der Mannschaft an. Diese Typen, die so jung schon so gut sind, müssen manchmal doch noch angeleitet werden. Khedira übernimmt diese Aufgabe gern, weil er es gar nicht anders gewohnt ist.

Im Prinzip war er schon immer ein Anführer. Vor ein paar Jahren hat ihn der DFB als eine Art Rollenmodell definiert. Die Mutter aus Stuttgart, der Vater aus Tunesien, der Sohn eine Mischung aus beiden Kulturen. Ein Musterbeispiel geglückter Integration, für DFB-Sportdirektor Matthias Sammer der Prototyp des deutschen Nationalspielers mit Migrationshintergrund.

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"Wir sehen zwar anders aus, haben anders klingende Nachnamen, sind aber hier aufgewachsen und deshalb nicht nur Fußball-Deutsche. Wir leben deutsch", sagt Khedira.

Karriere auf der Kippe

Als er noch ein Jugendspieler war, übertrieb er es mit seinem Eifer. 2005 verletzte er sich am Außenmeniskus, zwei Operationen brachten kaum Besserung. Das Ende der Karriere stand im Raum, bevor diese richtig begonnen hatte.

"Es gab Zeiten, in denen war ich fast krankhaft ehrgeizig, habe Schmerzen ignoriert, meine Gesundheit riskiert", sagt Khedira. Erst als er einen Gang zurückschaltete und seine Verbissenheit ein wenig in den Hintergrund drängen konnte, kämpfte er sich zurück.

Vielleicht ist es diese Erfahrung, die ihn die Aufgeregtheit des Geschäfts immer auch ein wenig nüchtern betrachten lässt. Khedira spricht fast wie ein Trainer, wenn er ein Spiel zusammenfassen soll. Er schaue sich seine Spiele mit Real oder der Nationalmannschaft immer nochmal an, um zu analysieren und zu lernen.

Detailgenaue Analysen

Früher ist er als Jugendlicher ins Neckarstadion zu den Spielen des VfB gegangen, um sich Zvonimir Soldo genauer anzuschauen und wie der Kroate, der in Stuttgart eine Dekade prägte, seine Rolle im zentralen Mittelfeld interpretierte.

Als sich nach dem zähen Dänemark-Spiel viele über die destruktive Spielweise des Gegners echauffierten, zerlegte Khedira das eigene Spiel und monierte das eigene Fehlverhalten. "Wir hatten zu viele Räume zwischen der Abwehr und dem Sturm - die Leidtragenden sind immer die Mittelfeldspieler", sagte er dann. "Wir hätten es mannschaftstaktisch cleverer und intelligenter machen müssen."

Vor wenigen Tagen gab es Gerüchte um eine angebliche Ausstiegsklausel in seinem Vertrag bei Real Madrid. Die aberwitzige Summe von 150 Millionen Euro soll da festgehalten sein. Solche Zahlen interessierten ihn nicht, sagte Khedira.

Und dann zeigte er, wie sehr sein Selbstbewusstsein gewachsen ist in den letzten Monaten. "Es interessiert mich relativ wenig, weil ich noch viele Jahre für Real Madrid spielen werde." Nicht er kann demnach froh sein, bei Real Madrid zu spielen. Real Madrid sollte besser froh sein, dass es Sami Khedira als Spieler hat.

Sami Khedira im Steckbrief

Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel

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