Besser als erwartet

Von Für SPOX in Leipzig: Stefan Rommel
Freitag, 01.06.2012 | 16:18 Uhr
Holger Badstuber (r.) und Philipp Lahm (l.): Zwei aus dem sehnlichst zurück erwarteten Bayern-Block
© Getty
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Am Freitagmorgen hat die deutsche Nationalmannschaft die insgesamt 26. Einheiten seit ihrer Zusammenkunft am 11. Mai auf Sardinien absolviert. Die Spieler haben sich ein freies Wochenende verdient, bevor es am Montagnachmittag von Frankfurt aus in Richtung Danzig geht.

Die eigentliche Vorbereitung ist damit abgeschlossen, im Quartier an der polnischen Ostseeküste geht es dann ab Montagabend an die vielen kleinen Feinheiten, die es noch zu verbessern gibt.

Trotz allen Widrigkeiten sind die Wochen der Vorbereitung nicht völlig optimal, aber größtenteils positiv verlaufen. Ein Fazit der Zeit vom ersten Tag auf Sardinien bis zum abschließenden Test gegen Israel.

Welche Aussagekraft hat der Israel-Test?

Nach einer halben Stunde hatte die Statistik unter anderem folgende Zahlen notiert: Gewonnene Zweikämpfe Mesut Özil: Null von fünf. Gewonnene Zweikämpfe Lukas Podolski: Null von sechs. Gewonnene Zweikämpfe Mario Gomez: Einen von elf. Das der Partie aus deutscher Sicht eine ganz entscheidende Zutat des Fußballs fehlte, war schnell ersichtlich. Und auch verständlich.

"Wir haben jetzt die Vorbereitung und auch dieses letzte Spiel überstanden, ohne dass sich bei uns jemand verletzt hätte. Das ist auch eine positive Erkenntnis der letzten drei Wochen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff nach dem Spiel.

In Leipzig schickte Joachim Löw ein Bayern-Real-Arsenal-Konglomerat aufs Feld. Neben sieben Münchener Spielern standen in der Startelf noch Özil und Sami Khedira, dazu Per Mertesacker und der Bald-Londoner Lukas Podolski. Dafür aber kein Spieler des deutschen Double-Siegers. Mario Götze durfte dann ganz am Ende noch für fünf Minuten ran.

Die Bedeutung von Löws Maßnahme lässt einige Rückschlüsse zumindest auf die kommende Trainingswoche in Danzig zu, auch wenn das Bild ohne Dortmunder Spieler etwas überzeichnet war. Löw musste die Bayern im Wettkampf sehen und testen und ließ seine Startelf auch 67 Minuten lang unangetastet, was durchaus auch als Tendenz zu werten ist.

Gegen einen harmlosen Gegner funktioniert längst nicht alles, in Ansätzen gab es aber wieder Kombinationsfluss zu sehen, auch wenn Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit in einigen Aktionen noch fehlten. "Unsere Organisation war besser, aber es gibt noch was zu tun", so Löw.

Was haben die letzten Wochen gezeigt?

Sollte die ketzerische Frage je ernsthaft im Raum gestanden haben, ob der Bayern-Block gesprengt werden könnte, folgte spätestens am Donnerstagabend die Antwort: Ohne die Münchener geht es nicht. Und fast alle von ihnen werden, so sie fit sind, auch am 9. Juni gegen Portugal in der Startelf stehen.

Löw vertraut offenbar seiner bewährten Formation, die auch die beste Qualifikation aller Zeiten absolviert hat. Also mit Mertesacker, Podolski und wohl auch Miroslav Klose. Große Veränderungen wird es aus den unterschiedlichsten Gründen wohl nicht geben.

Mats Hummels' Chancen sind geschrumpft. Dabei war der Dortmunder mit guten Chancen in den Kampf um einen Posten in der Innenverteidigung gezogen. Es scheint aber, dass Löw ihm die Organisation der Abwehr nicht so zutraut wie Mertesacker, der zwar auch dem Weg zur Normalform ist, diese aber noch nicht erreicht hat.

An Thomas Müller und dem ebenfalls noch nicht überzeugenden Lukas Podolski führt auf den Außenpositionen kein Weg vorbei, nicht mal für die aufstrebenden Marco Reus und Andre Schürrle. Und Klose, der bei den letzten Turnieren jeweils auf den Punkt bei 100 Prozent war, zeigte gegen Israel ansteigende Form und gab dem Bundestrainer damit ein klares Signal.

Also bleibt unter anderem für den BVB-Block nur der Gang auf die Bank, zumindest im Hinblick auf das Portugal-Spiel, das von allen als eminent wichtig eingestuft wird und deshalb keinen Raum für Experimente lässt. Ein gelungener Turnierstart ist sehr wichtig - auch wenn die Ausgeglichenheit der deutschen Gruppe vielleicht einen Ausrutscher erlauben würde.

Was erreicht Deutschland bei der EM? Jetzt mittippen und absahnen!

Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist nur schwer zu greifen. So richtig befreit und schwerelos scheint die Gruppe noch nicht zu sein. Das mag am Konkurrenzkampf liegen oder am angeblich so angekratzten Selbstbewusstsein der Bayern. Oder auch nur an der Müdigkeit nach drei anstrengenden Wochen harter Arbeit.

Immerhin hat sich im Vergleich zur letzten längeren Vorbereitungsphase vor der WM 2010 kein Spieler mehr verletzt. Andere Nationen sind da weniger glimpflich davongekommen.

Das Schweinsteiger-Problem (?):

Sorge macht lediglich die linke Wade von Bastian Schweinsteiger. Der Genesungsverlauf beim Münchener geriet während der Tage in Tourrettes ins Stocken, sodass an ein geregeltes Mannschaftstraining des Anführers nicht zu denken war.

Fünf der letzten sechs Länderspiele hat Schweinsteiger jetzt verpasst. Vor allen Dingen der hektische Rhythmus bei der EM, wenn alle vier Tage ein Spiel auf absolutem Weltklasse-Niveau ansteht, könnte Probleme bereiten.

Womöglich wird Löw seinen Mittelfeldchef zunächst nicht einsetzen. Die Erfahrung einer überstürzten Rückkehr hat Schweinsteiger in der Rückrunde bereits schmerzlich erfahren, als er für die Bayern gegen Hoffenheim zurückkehrte und davon nur wieder zurückgeworfen wurde.

Immerhin, es gibt positive Nachrichten: "Bastian ist seit Mittwoch schmerzfrei", sagte Löw. "Er muss jetzt anfangen zu laufen und wird spätestens am Dienstag wieder mit dem Team trainieren."

Woran muss noch gearbeitet werden?

Das Umschaltenverhalten in der Defensive war gegen Israel zwar schon besser, gegen den harmlosen Gegner aber auch nicht mehr als Routine. Da werden die Standards bei der EM deutlich höher gesteckt sein. Phasenweise funktioniert das von Löw geforderte frühe Pressing tief in der gegnerischen Hälfte schon und führte auch zu guten Ballgewinnen, besonders in der ersten Halbzeit.

So ganz ausgereift wirkt das Vorgehen aber noch nicht. Zu oft macht ein Glied der Kette nicht konsequent mit und lässt eine Lücke - die wiederum dann zu gefährlichen Situationen vor dem eigenen Tor führen kann. Hier fehlt es wie im Offensivspiel noch an der Feinabstimmung.

Das Anforderungsprofil ist als Puzzle vorhanden, die Spieler wirken bis auf die wenigen Sorgenkinder fit und austrainiert. Jetzt geht es darum, aus den vielen erfolgversprechenden Einzelteilen eine in sich geschlossene und funktionierende Einheit zu bauen.

"Es wird wichtig sein, dass wir in der Woche vor dem Spiel gegen Portugal in allen und zwischen den Mannschaftsteilen noch einmal an der Feinabstimmung arbeiten. Das muss noch besser werden, noch perfekter sozusagen", sagt Löw.

Nicht umsonst nennt er die letzten Tage nach der Ankunft in Danzig die wichtigsten der gesamten Vorbereitung. Hier soll die Einheit zusammenwachsen; bleibt noch Zeit übrig, findet vielleicht sogar das Einstudieren offensiver Standardsituationen noch Platz im Lehrplan.

Der grundsätzliche Eindruck vor der Wochenendpause ist jedenfalls positiv. "Im Vergleich zur WM in Südafrika beziehungsweise dem Vorfeld des Turniers haben wir mittlerweile eine größere spielerische Sicherheit", so Löw.

"Wenn wir die Leistung abrufen, die wir in den vergangenen zwei Jahren oft gezeigt haben, dann sind wir sehr, sehr gefährlich."

Deutschland - Israel: Daten und Fakten zum Spiel

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