Erlahmte Flügel

Mittwoch, 07.10.2015 | 20:00 Uhr
Marco Reus steht vor seinem ersten Länderspiel seit März
© getty
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In den vergangenen Jahren waren die Außenpositionen das Prunkstück der deutschen Offensive. Vor dem Duell in der EM-Qualifikation gegen Irland (20.45 Uhr im LIVETICKER) plagen Bundestrainer Joachim Löw an dieser Stelle aber Personalsorgen. Probleme werden aber durch eine andere Spielausrichtung überspielt.

Mats Hummels musste sich am Mittwoch erstmal verteidigen. Teile seiner Analyse nach dem Bundesliga-Spitzenspiel mit Borussia Dortmund gegen den FC Bayern hatten für einige Aufregung gesorgt.

Während die Bosse beim BVB eher verstimmt auf die Aussagen von Hummels reagierten und nach der Rückkehr des Innenverteidigers ein Gespräch einberufen haben, bekam Hummels Unterstützung von Bundestrainer Joachim Löw und Mitspieler Ilkay Gündogan.

Hummels hat die Diskussion via Twitter auf seine ironische Art mit dem Hashtag #motzki kommentiert und auf der Pressekonferenz im Dubliner InterContinental Hotel zur Medienkritik ausgeholt.

Was ist ein Skandal?

"Ich bin es gewohnt, dass Worte für Schlagzeilen genutzt werden. Ich habe mit keinem Wort eine Grenze überschritten, niemanden persönlich genannt, keine unlauteren Worte genutzt und ich habe mich nicht ausgenommen. Vieles, was ich gesagt habe, hätte nicht in die Story gepasst, zum Beispiel dass Lewy schneller war als Sven und ich", sagte Hummels.

Und weiter: "Die Messlatte für das, was ein Skandal sein soll, ist erstaunlich niedrig geworden." Es war nicht das erste Mal, dass Hummels' Aussagen nach einem Spiel für Aufregung sorgten.

Es wäre aber auch zu schade, wenn ein Spieler mit seiner Fähigkeit zur Spielanalyse im Anschluss an eine Partie sich zukünftig wie viele seiner Kollegen nur noch auf Floskeln zurückziehen würde, um sich zu schützen.

Reus das Sinnbild für die Außenspieler

Weit weniger verfänglich war da schon die Frage nach seinem Dortmunder Teamkollegen Marco Reus, der vor seinem ersten Länderspiel seit März steht (2:0 in Georgien). Die vorangegangenen Partien in der EM-Qualifikation gegen Polen und in Schottland musste er kurzfristig wegen einer Zehenverletzung sausen lassen.

"Für uns als Mannschaft ist es wichtig, dass er wieder da ist", sagte Hummels. "Seine Qualitäten sind herausragend, auch in der Nationalmannschaft hat er eine tolle Quote. Er ist ein wesentlicher Bestandteil der Mannschaft." Die Überschrift "Hummels schwärmt von Reus" lief im Gegensatz zu den "Motzki-Aussagen" aber nicht über die Agenturen.

Reus' Qualitäten sind unbestritten, aber aktuell ist er ein ganzes Stück entfernt vom Standing, das er noch kurz vor der WM 2014 hatte, bevor seine Verletzung schon fast für einen nationalen Katastrophenfall reichte.

Seine Form hat unter vielen Verletzungen gelitten, er ist im Moment nicht auf der Höhe seines Schaffens und steht damit auch sinnbildlich für viele Spieler auf den Außenpositionen in der Nationalmannschaft.

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Probleme im deutschen Prunkstück

In den vergangenen Jahren waren die offensiven Außen das Prunkstück des deutschen Angriffs. Es gab und gibt ein dermaßen großes Angebot, dass die in der letzten Saison bei Borussia Mönchengladbach überragenden Patrick Herrmann und Andre Hahn lange Zeit keinen Platz im Kader gefunden haben.

Auch jetzt sind beide ebenso wie Julian Draxler nicht dabei, was auch mit ihrer abgeflachten Leistung zu tun hat. Aber auch Spieler wie der nominierte Andre Schürrle oder der aufgrund einer Verletzung nicht mit nach Dublin gereiste Lukas Podolski befinden sich in einem Tief.

Einzig Karim Bellarabi zeigt einigermaßen ansprechende Leistungen, hat aber noch nicht beweisen können, dass er auch für die ganze große Bühne im internationalen Fußball reif ist. Abgesehen von Thomas Müller, der beim FC Bayern aber auch dauerhaft im Zentrum agiert und sich sowieso lieber vogelfrei bewegt, hat Löw gerade keine große Auswahl auf den Außenpositionen.

Mehr Kraft durchs Zentrum

Die solange bevorzugte 4-2-3-1-Formation mit einer offensiven Dreierreihe ist daher aktuell nicht en vogue. Löw hat nach dem WM-Sieg ohnehin für mehr Flexibilität in der Spielweise geworben und Mannschaften wie Chile als Vorbild genannt.

Aufgrund der lange angespannten Lage in der Gruppe konnte er vielleicht nicht so viel experimentieren wie gewünscht, aber die letzten Spiele haben gezeigt, dass das Spiel der Deutschen zentrumslastiger geworden ist. Auch gegen Irland ist eher mit einem offensiv sehr variablen 4-3-3 zu rechnen.

Der Druck über außen wurde vor allem von den Außenverteidigern erzeugt, was gerade Jonas Hector von Spiel zu Spiel besser umgesetzt hat. Im Zentrum tummeln sich so die feinen Füße von Toni Kroos, Mesut Özil und Mario Götze, gepaart mit der Unberechenbarkeit und Zielstrebigkeit von Thomas Müller.

Wie passt Gomez dazu?

Das Spiel ohne klassischen Stürmer ist dadurch besser geworden. Das sind eigentlich keine guten Nachrichten für Mario Gomez, dem Löw am Mittwoch erneut eine Rückkehr in Aussicht gestellt hat. Er braucht mehr Flügelspiel und Anspiele in den Strafraum als Kombinationsfußball drumherum.

Aber noch sind ja einige Monate bis zur EM 2016 in Frankreich, für deren Teilnahmeberechtigung dem DFB-Team schon ein Punkt im Aviva Stadium reichen würde. Genügend Zeit, damit die durchhängenden Flügelspieler wieder zu alter Stärke zurückfinden können. Das würde Löw auch auf seinem Weg zu mehr Flexibilität weiterhelfen.

Denn eines hat der Bundestrainer am Donnerstag auch nochmal klargemacht: "Der Kader steht nicht, die Tür ist immer offen. Wir haben einen Stamm, auf den wir zählen, aber es gab auch immer Überraschungen. Einige Spieler, die hinten dran stehen, haben immer noch gute Chancen."

Die EM-Qualifikation im Überblick

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