Das Drehmoment fehlt

Von Für SPOX in Tourrettes: Stefan Rommel
Freitag, 25.05.2012 | 20:30 Uhr
Miroslav Klose (l.) kämpft mit diversen Wehwehchen - Joachim Löw baut trotzdem auf ihn
© Getty
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Miroslav Klose fehlen noch ein paar Prozent der nötigen Fitness. Nur dann kann er der deutschen Mannschaft so helfen, wie die es nötig hat. Mark Verstegen fällt dabei eine Schlüsselrolle zu.

"Welche Verletzung hat der Miro denn heute?", wurde Harald Stenger am Mittwochmorgen neben dem Trainingsplatz in Tourrettes etwas nassforsch gefragt.

Der Chefaufpasser der deutschen Nationalmannschaft wiegelte schnell ab und formulierte seinen Text. "Er absolviert eine individuelle Einheit im Mannschaftshotel." Wie schon am Tag davor. Und den Tag vor dem Tag davor auch. Zum Nachmittagstraining werde er wieder zur Mannschaft stoßen.

Ein paar Stunden später trabte Miroslav Klose zur nächsten Einheit dann mit dem Team auf den Platz.

Über zwei Monate verletzt

Es ist nicht zu übersehen, wie gut Klose dem Spiel der deutschen Mannschaft tut. Dass er wie kaum ein anderer Lücken reißt, in die die Mittelfeldspieler dann einlaufen können. Wie er Zuspiele ansaugt oder gleich direkt weiterleitet.

Dafür benötigt er aber Fitness. Derzeit hat Klose noch Defizite. Die Hälfte der Vorbereitung ist mittlerweile vorbei, der Römer hat einen großen Teil der bisher 22 Einheiten verpasst. Erst reiste er verspätet an, dann verhinderten muskuläre Probleme im Rückenbereich den Trainingsbetrieb mit der Mannschaft.

Vielleicht wären diese Gegebenheiten besser zu verkraften, wenn Klose, in wenigen Tagen 34, direkt aus einem geregelten Spielbetrieb nach Südfrankreich gereist wäre. Zwar hat die Serie A auch in diesem Jahr bis tief in den Mai gespielt. Nur leider war Miroslav Klose in der entscheidenden Phase der Saison nicht der Rackerer auf dem Platz, sondern der Zuseher auf der Tribüne.

Zwei Monate fehlte er seinem Klub Lazio wegen eines Risses im Beugemuskel des linken Oberschenkels. Ins erste Trainingslager nach Sardinien schleppte er eine Zerrung am Innenband des rechten Knöchels mit. Und danach kamen die Wehwehchen mit dem Rücken.

Parallelen zu 2010

Es ist keine Frage, dass alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft die nötigen körperlichen Voraussetzungen brauchen, um ein Turnier auf diesem Niveau und mit der Taktung - alle vier Tage steht ein Spiel an - auch bis zum finalen Pfiff durchzustehen.

Bei Miro Klose liegt der Fall aber noch ein klein wenig anders. Sein fortgeschrittenes Alter und seine Spielweise verzeihen keine Leistungseinbußen. Deshalb ist er auch derjenige, der am meisten in seinen Körper horcht und genau weiß, was er wann benötigt. Das nötige Gespür dafür hat er in den letzten Jahren entwickelt wie kaum ein anderer.

Vor zwei Jahren reiste er mit der kargen Empfehlung von 1080 Minuten Einsatzzeit in einer ganzen Saison bei den Bayern zur Nationalmannschaft. Im letzten Vorbereitungsspiel gegen Bosnien wurde ihm von den meisten Beobachtern eine schwache Leistung konstatiert - dabei hatte sich Klose im Vergleich zum ein paar Tage eher absolvierten Spiel in Ungarn schon deutlich gesteigert. Der Leistungssprung war damals binnen weniger Tage enorm.

Löws Bedenken werden kleiner

In Tourrettes sind bisher kleinere Fortschritte erkennbar, zumindest vorläufig. Die entscheidende Phase beginnt jetzt, das weiß Klose ebenso wie sein Trainer Joachim Löw. Dessen Ansicht hat sich ein wenig verbessert. Vor wenigen Tagen hatte er bemerkt, Klose sei noch nicht in seiner Topform. Was leicht untertrieben war, die Spanne zwischen Kloses aktueller und seiner angestrebten Form war da noch ziemlich groß.

Am Freitag auf der abschließenden Pressekonferenz vor dem Testspiel gegen die Schweiz (Sa., ab 17.45 Uhr im LIVE-TICKER) hörten sich Löws Worte schon zuversichtlicher an.

"Ich hatte natürlich ein paar Bedenken, weil er ein paar Wochen raus war. Aber als ich ihn im Training erlebt habe, sind meine Sorgen immer kleiner und kleiner und kleiner geworden - weil der Miro nach wie vor auffallend schnell wieder rankommt."

"Miro braucht Spielpraxis"

Der Bundestrainer muss und wird ihn bringen in Basel. Zwar wolle er kein Risiko eingehen, aber "der Miro braucht Spielpraxis. Deshalb ist es gut, dass er spielt." Die Fehlzeiten zuletzt hat er akzeptiert und kalkuliert.

"Auch wenn er jetzt ein, zwei Tage nicht mit der Mannschaft trainieren konnte, ist das nichts Schlimmes", sagt Löw. "Er hat ein paar Probleme mit dem Rücken gehabt. Das war eine Überbelastung von den vielen Schlittenläufen, die er ja auch gerne macht. Da musste man ihn auch mal rausnehmen."

Die individuelle Konstitution geht derzeit vor mannschaftstaktischen Feinheiten, gerade bei einem Spieler wie Klose, der ganz elementar von seiner Explosivität und Schnellkraft lebt.

Verstegen ist wichtigster Ansprechpartner

Kloses wichtigste Ansprechpartner sind derzeit nicht Löw oder Hansi Flick. Es ist Mark Verstegen mit seinem Team. Verstegen ist seit sieben Jahren, vereinfacht ausgedrückt, verantwortlich für die Fitness der Spieler.

"Meine Aufgabe ist es, die Spieler körperlich darauf vorzubereiten, dass sie ihre spezifische Rolle innerhalb von Löws System auf dem Feld optimal ausfüllen können", sagt er etwas kryptisch. Eine seiner wichtigsten Aufgaben ist derzeit Klose.

Löw erklärt seine Anforderung etwas allgemeiner gehalten. "Wir haben gesammelt und aufgearbeitet, wer in welchen Länderspielen welche Werte erreicht hat. Welche Laufwege werden gegangen? Wie viele Tempoläufe, wie viele Sprints? Da haben wir jeden Spieler auf seiner Position verglichen. Und so müssen und mussten wir nachholen." Nachholen deshalb, um alle Feldspieler auf ein nahezu einheitliches körperliches Niveau zu bringen.

Von Vier- auf Achtzylinder

Die Problematik mit Klose kennt Verstegen nur zu gut. Vor der WM vor zwei Jahren war das Ausgangsniveau ein ähnliches.

Verstegen spricht gern plakativ und in Bildern, damals las sich seine Vorgehensweise mit Klose so: "Wir haben unsere Matrix zu jedem Spieler und wissen, was ihm fehlt im Vergleich zu den erfolgreicheren Zeiten. Miro ist ein ganz besonderer Spieler. Wir müssen also beachten, was er auf dem Feld braucht, um mit seiner Art des Spiels erfolgreich zu sein. Da beginnt unser Feintuning."

Und weiter: "Das ist wie bei einem Rennauto. Auch wenn Miro ein toller Fahrer ist, mit einem Vierzylinder kommt er nicht voran. Aber wenn er in einem Achtzylinder sitzt, mit all den Fähigkeiten, die ihn einzigartig machen, schafft er es. Wir bauen ihm ein Siegerauto."

Klose: Bin da, wenn es wichtig wird

Von einem Siegerauto als Rüstzeug ist Klose noch ein bisschen entfernt. Noch ist er kein Bolide, kein Geschoss. Im übertragenen Sinn fehlt ihm noch das Drehmoment.

Er ist aber aber auf einem guten Weg dorthin. "Natürlich muss ich noch ein bisschen was tun. Vor allem muss ich jetzt spielen, um zu sehen, wie mein konditionelles Level ist. Ich schätze, ich bin auf dem Niveau wie vor der WM 2010 - damit bin ich zufrieden."

Damals hatte er ein überzeugendes Turnier gespielt, vier Tore erzielt. Pünktlich zum Start gegen Australien war er damals, wie von ihm selbst im Vorfeld angekündigt, förmlich explodiert.

Zweifel an seinem Können oder Körper hat Klose nicht. Denn: "Ich habe schon oft gezeigt, dass ich da bin, wenn es wichtig wird."

Miroslav Klose im Steckbrief

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