Gemeinsam gegeneinander

Von Für SPOX in Tourrettes: Stefan Rommel
Per Mertesacker (hinten) und Mats Hummels (r.) streiten um den Platz neben Holger Badstuber
© Getty

Holger Badstuber scheint gesetzt - doch wer soll neben ihm spielen? Die Besetzung der Innenverteidigung ist eine zentrale Baustelle im DFB-Team im Vorfeld der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Die Lösung des Problems konzentriert sich auf nur noch drei Namen - ist aber trotzdem ein heikles Unterfangen.

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Die derzeitige Konstellation muss zu Übungszwecken genügen. Wenn in rund zwei Wochen aber die Europameisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft beginnt, werden dem Duo Per Mertesacker und Mats Hummels in der deutschen Innenverteidigung nur wenige Startchancen eingeräumt. Im Prinzip gar keine.

Neuordnung im Defensivzentrum

Die deutsche Defensivzentrale ist ein Mikrokosmos, der in den letzten Jahren durchaus einige Veränderungen erfahren hat. Früher war die Besetzung der wichtigen Zone vor dem eigenen Tor einem überschaubaren Portfolio an Spielern geschuldet.

Mertesacker und sein ehemaliger Kollege Christoph Metzelder waren bei zwei Endturnieren die vorletzte deutsche Instanz, bei der WM vor zwei Jahren in Südafrika schwang sich in Abwesenheit Metzelders dann plötzlich Arne Friedrich zu großen Taten auf.

Beide, Metzelder und Friedrich, spielen in der Nationalmannschaft keine Rolle mehr. Dafür ist eine Bande junger Verteidiger aufgerückt, die Bundestrainer Joachim Löw endlich auch auf dieser Position einen großen Handlungsspielraum gewähren.

Drei von fünf im Trainingsbetrieb

Die zerrupfte Vorbereitung der Mannschaft erst auf Sardinien und seit einigen Tagen im französischen Bergdörfchen Tourrettes lässt die Frage der personellen Besetzung in der Innenverteidigung geheimnisvoll erscheinen.

Bisher konnten sich nur drei der fünf Kandidaten zeigen. Holger Badstuber und Jerome Boateng sind im heimischen München immer noch mit der Frage beschäftigt, wie das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea auf so groteske Art aus dem Ruder laufen konnte.

Also proben auf der sündteuren Anlage in Tourrettes bisher lediglich Mertesacker, Hummels und der Schalker Benedikt Höwedes vor sich hin. Ohne erkennbare Tendenz, wer denn nun am Ende einen der beiden begehrten Plätze vor Manuel Neuer ergattern wird.

Hummels mit bestem Gesamtpaket

Mats Hummels war mit dem besten Gesamtpaket im Gepäck angereist. Der Dortmunder hat die beste Saison seiner noch jungen Karriere hingelegt und doppelt erfolgreich abgeschlossen. Hummels sollte vor Selbstvertrauen nur so strotzen.

Die meisten Beobachter sind sich einig darüber, dass Hummels in der abgelaufenen Saison der beste Innenverteidiger der Bundesliga war; ziemlich sicher weiß auch der Spieler selbst, dass er in den letzten zwölf Monaten Außergewöhnliches geleistet hat.

Hummels hat das Zeug zum viel zitierten Anführer. Eine Eignung, die nach Bayerns Finalniederlage vom Samstag verstärkt in den Fokus gerückt ist. Weil eben noch niemand abschätzen kann, inwieweit das Karma der beiden Münchener Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm gelitten hat.

"Badstuber gesetzt"

Umso mehr verwunderten da Hummels' Aussagen der letzten Tage. "Eine Führungsrolle zu übernehmen, daran denkt keiner von uns", entgegnete er auf die Frage, ob denn nun der Dortmunder Block in die Führungsrolle rücken würden. "Bei uns geht es um Einsatzzeit..."

Hummels' vornehme Zurückhaltung mag dem internen Knigge der Nationalmannschaft entsprechen, dazu müssen seine Teamkollegen Ilkay Gündogan und Sven Bender tatsächlich um die endgültige Nominierung bangen. Gemessen an den derzeitigen Kräfteverhältnissen ist eine zumindest kleine Neuordnung der Hierarchie aber gar nicht so abwegig.

Und dann hat der beste deutsche Abwehrspieler auch noch überrascht, als er einen von zwei Plätzen gedanklich schon vergeben hat - allerdings nicht an sich selbst.

"Es sieht so aus, als sei Holger Badstuber gesetzt. Das jedenfalls ist die Erfahrung der vergangenen Monate. Und so scheinen Per Mertesacker und ich den Platz daneben unter uns auszumachen. Das ist mein Eindruck", sagte Hummels.

Mertesacker gibt die Kommandos

In den Trainingseinheiten in Tourrettes sieht das bislang so aus, dass Mertesacker wie gewohnt der Kommandogeber in der Viererkette ist. Bei den Übungseinheiten kommen die Anweisungen vom Routinier, er besetzt den gemäß Hummels vakanten Posten des rechten Innenverteidigers. Der Dortmunder nimmt wie im Verein den Platz daneben ein.

Seit Februar hat Mertesacker kein Spiel mehr bestritten. Stattdessen hat er sich in bei Klaus Eder in Donaustauf und natürlich in den Labs des FC Arsenal im Hintergrund wieder fit gemacht. Dass er nicht mehr gespielt hat, lag vor allen Dingen daran, dass es bei den Londonern genügend Alternativen gab, um Mertesacker zu ersetzen.

"Wenn du bei Arsenal nicht hundertprozentig fit bist, spielst du nicht", sagt Merte. Bei seinem Ex-Klub in Bremen sei das noch anders gewesen, da war ein 80-prozentiger Mertesacker immer noch besser als die Kollegen. Nicht selten sei er deswegen früher als empfohlen wieder in den Spielbetrieb eingestiegen.

Merte hat nichts verlernt

In der Tat wirkt Mertesacker austrainiert und freut sich auf die anstehenden Wettkämpfe gegen die Schweiz und Israel. "Ich habe ein gutes Gefühl. Dass ich das ganze Programm von Anfang an mitgemacht habe, um gewisse Defizite aufzuholen, war schon gut für mich. Jetzt brauche ich noch die Testspiele, um mich vorzubereiten. Das sind Generalproben, die schon wichtig sind."

Spätestens "nach den ein, zwei Spielchen" will er topfit sein. "Verlernt habe ich meine Position durch die Verletzungspause auf jeden Fall nicht." Trotzdem hallt der lange Entzug noch nach. Für den Bundestrainer ist Mertesacker nicht nur einer von 23 Spielern. Löw schätzt seine integrative Wirkung, Mertes Wort hat in der Mannschaft Gewicht.

Löw braucht Fingerspitzengefühl

Für den Bundestrainer ist es wichtig, dass Mertesacker schnell dran ist an der ersten Mannschaft und seine Chance spürt. Eine voreilige Entscheidung in der Innenverteidiger-Frage könnte schon zu diesem noch relativ frühen Zeitpunkt wenigstens einen enttäuschten Spieler zurücklassen. Hier ist auch Fingerspitzengefühl gefragt.

Mertesacker selbst will sich noch nicht festlegen, ob derzeit bereits einer der drei Kandidaten gesetzt sei. "Das kann man so nicht sagen. Erstmal, weil wir noch nicht alle beisammen sind. Und es kann noch so viel passieren in der Vorbereitung. Ich glaube, wenn Sie den Bundestrainer fragen würden, würde er sich nicht dazu verleiten lassen, einen als gesetzt zu bezeichnen."

Boateng und Höwedes kein Thema mehr?

Holger Badstuber hat eine starke Saison gespielt, reist aber mit dem Makel der dreifachen Vize-Kapazität an. Trotzdem hat der Münchener als einziger Linksfuß und wegen seiner teilweise formidablen Spieleröffnung bei Löw einen sehr dicken Stein im Brett.

Auffällig ist zudem, wie wenig noch von Boateng und Höwedes als Kandidaten die Rede ist. Beide sind laut derzeitiger Sprachregelung schon gar kein Thema mehr für einen Platz in der Defensivzentrale. Sie werden ihr Betätigungsfeld auf die Außenbahnen verlagern müssen und dort womöglich sogar zusammen mit Lars Bender um den Platz rechts in der Viererkette streiten.

Beim Testspiel in Basel gegen die Schweiz dürften Mertesacker und Hummels die deutsche Innenverteidigung bilden. Gegen die Urlaubertruppe aus der Schweiz spielen also beide zusammen - und irgendwie auch gegeneinander.

Der vorläufige DFB-Kader für die EM 2012