Donnerstag, 08.12.2011

Der designierte DFB-Präsident im Porträt

Wolfgang Niersbach: Der Manager-Präsident

Wolfgang Niersbach ist als Nachfolger von Dr. Theo Zwanziger der Vertreter einer neuen Gattung beim Deutschen Fußball Bund und schon jetzt der Präsident für die Geschichtsbücher. Dabei wird er von den Mächtigen des Landes protegiert. Es lauern aber auch Gefahren auf den 61-Jährigen.

Wolfgang Niersbach (r.) soll Dr. Theo Zwanziger im nächsten Jahr als DFB-Präsident beerben
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Wolfgang Niersbach (r.) soll Dr. Theo Zwanziger im nächsten Jahr als DFB-Präsident beerben

Wenn einer den Wandel im Fußball hautnah miterlebt hat, dann muss es Wolfgang Niersbach sein. 1988 durfte er, frisch von der Sportnachrichtenagentur "sid" zum Deutschen Fußball Bund gewechselt, die Pressearbeit bei der Heim-EM verantworten.

Es gibt keine Pressekonferenzen. Wenn Lothar Matthäus oder Rudi Völler einige Sätze sagen sollen, werden nach dem Mittagessen flink drei Tische zusammengeschoben und die Kaffeerunde um ein paar Journalisten erweitert.

Zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Südafrika gab es Pressekonferenzen. Jeden Tag, zur selben Uhrzeit. Der DFB hat dafür auf dem überdimensionalen Hotelgelände im Velmore Grand einen Häuserkomplex nur für die Medien umgestalten lassen. Rund 300 Journalisten fanden Platz, das öffentlich-rechtliche und etliche private Sender aus dem In- und Ausland übertrugen live.

Vom Pressechef zum Präsidenten

Wolfgang Niersbach ist seit 23 Jahren beim DFB angestellt. Erst als Pressechef, zwei Jahre später beim WM-Triumph in Italien offiziell als Mediendirektor, inoffiziell war er Franz Beckenbauers rechte Hand. Danach Vizepräsident, Pressesprecher des WM-OK 2006.

Vor vier Jahren wurde er zum Generalsekretär gekürt. Jetzt soll er dem größten Sportfachverband der Welt mit seinen 6,8 Millionen Mitgliedern bald vorstehen.

Ein geradezu märchenhafter Aufstieg für einen ehemaligen Journalisten, der seine Anfänge bei den Stadionmagazin von Fortuna Düsseldorf und der DEG erlebte. Die Entscheidung, die am Mittwoch von allen Beteiligten offiziell verkündet wurde, wird von den meisten als logische Konsequenz erfasst.

Ein Novum in der DFB-Geschichte

Niersbach ist eine Eminenz beim DFB. Die 210 Mitarbeiter in der Otto-Fleck-Schneise kennt er persönlich, er pflegt regelmäßigen Kontakt zu den Landesverbänden, in die DFL, zu den Managern der Profi-Klubs, natürlich kennt er beinahe jeden aktuellen und ehemaligen Nationalspieler persönlich und spricht fließend englisch und französisch.

Der 61-Jährige hat sich im Hintergrund die richtigen Strukturen geschaffen und hat bei den entscheidenden Figuren einen guten Leumund.

Und dennoch wird er auch als Pionier in die Annalen eingehen: Der elfte Präsident in der 111-jährigen DFB-Geschichte wird erstmals einer sein, der vorher kein Ehrenamt inne hatte. Niersbach war nie Klubpräsident oder Landesvertreter. Er ist keiner der Provinzfürsten aus einem der Landesverbände, es haftet ihm nicht der Stallgeruch der Basis an wie seinen Vorgängern Dr. Theo Zwanziger, Gerhard Mayer-Vorfelder oder Egidius Braun.

Von der Verbandsarbeit im Detail hat Niersbach kaum Ahnung, er ist kein typischer Vertreter des Breitensports. Dafür kennt er die andere Seite bestens, besonders das Zusammenspiel von Medien und Macht.

Glatt, nüchtern, sachlich

Durch das Minenfeld beim DFB hat er sich in über zwei Jahrzehnten bis jetzt mit großem Bedacht bewegt. Bis auf einmal, als er seinen eigenen Anspruch im Rechtsstreit Zwanzigers gegen den Journalisten Jens Weinreich mit einer verheerenden Pressemitteilung quasi mit Füßen trat.

Und während sich seine Vorgänger - freiwillig oder unfreiwillig - auch immer als liebe Onkel gerierten, blieb Niersbach stets glatt, nüchtern, sachlich. Und sehr überlegt. Noch-Präsident Zwanziger geriet in den letzten beiden Jahren immer wieder ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, es lief einiges schief beim DFB.

Niersbach mit der besseren Strategie

Onkel Theo hielt den Kopf hin und erwischte dabei so manchen großen Fettnapf. Niersbach, als Generalsekretär ebenso in der Pflicht, hielt sich aus allem raus. In den letzten Monaten war von ihm kein Ton mehr zu vernehmen. Bis auf diese eine Aussage, dass beim DFB im Moment nicht alles nach Plan laufe. Zwanziger tobte und brachte in einem neuerlichen Anflug von Alleingang seine Kandidaten in Stellung.

Kein besonders kluger Schachzug. Niersbach hielt sich seit letzten Freitag bewusst aus allem raus, seine Freunde Beckenbauer und Günther Netzer nutzten ihre Medienpräsenz, um Niersbach ganz von allein zu protegieren - während Zwanzigers erster Kandidat Erwin Staudt von Tag zu Tag mehr demontiert wurde.

Zwanziger blieb gar keine andere Wahl, als zurückzurudern und Niersbach am Mittwoch vorzustellen mit den Worten: "Wolfgang Niersbach ist die beste Wahl."

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Strippenzieher und Manager

Sollte Zwanziger, dem als FIFA-Exko-Mitglied schon bald die geballte Wucht des DFB im Rücken fehlen wird, je über eine Strohmann-Lösung nachgedacht haben, um aus dem Off noch in den Belangen beim DFB mitmischen zu können - mit Niersbachs Zusage ist sie definitiv gestorben.

Dafür ist der zu stark. Ein Bürokrat zwar, aber eben auch ein Strippenzieher und Manager. Mit hervorragenden Kontakten im Weltfußball und dem Geschick, in kniffligen Situationen auch die richtigen Worte zu finden.

Niersbach war es, der nach der geplatzten Vertragsverlängerung mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff zwischen den Köpfen der Nationalmannschaft und Zwanziger vermittelte und einen ersten Pakt einfädelte. Im Streit zwischen Bierhoff und Sportdirektor Matthias Sammer war er auch immer der Mediator.

"Der Präsident sollte kein Solist sein"

"Ich hatte einen gewaltigen Respekt vor dem Amt, aber auch Selbstvertrauen, um zu sagen: Ja, ich traue es mir zu", erzählte Niersbach am Mittwoch. "Aber nur, weil ich diese breite Rückendeckung spüre. Mein Vorteil ist sicher, dass ich den Fußball seit fast 40 Jahren und den DFB in all seinen Facetten seit über 20 Jahren kenne."

Und dann gab er dem neben ihm sitzenden Zwanziger beiläufig und wohl eher unfreiwillig noch einen mit: "Ich war immer ein Mannschaftsspieler. Der Präsident sollte kein Solist sein. Er ist mehr Kapitän."

Dafür wird er seinen bezahlten Job als Generalsekretär (Vertrag bis 2016) mit dem Tag der Wahl aufgeben. Bereits im Frühjahr sollen die 261 Delegierten des Bundestags den 61-Jährigen ins Amt hieven. Also noch vor der Europameisterschaft. So soll es zumindest nach den Wünschen der DFL und Teilen der Landesverbände gehen, die sich von Zwanziger bei dessen Rücktrittsankündigung übergangen fühlten.

Beifall aus dem Profibereich

Aus den Reihen der DFL und der Profi-Klubs wird Niersbach jedenfalls schon mit Beifall empfangen, weil er einer von ihnen ist. "Er verfügt über ein riesiges Netzwerk und große Berufserfahrung. Von der Pike auf an die Spitze: das ist es, was man sich wünscht", sagt Frankfurt-Boss Heribert Bruchhagen.

Von ihm wird erwartet, dass er sein Augenmerk verstärkt auf Partnerschaften und lukratives Sponsoring richtet und eher wieder etwas weggeht von den gesellschaftlich relevanten Themenfelder, auf denen sich Zwanziger wohlfühlt und seine unbestrittenen Stärken hat.

Konfliktfeld Nationalmannschaft

Die Nationalmannschaft, die sich unter Bierhoffs Regie als Teammanager immer mehr vom altbackenen Verband abgenabelt hat und organisatorisch mittlerweile autark funktionieren könnte, will Niersbach wieder enger an den DFB binden. Über sie und deren Erfolg wird er sich definieren müssen.

Das könnte ein schwieriges Unterfangen werden, schließlich gibt es von der Gegenseite keinerlei Bestrebungen in diese Richtung.

Dass sich Niersbach und Bierhoff dazu in ihren Kompetenzen auch recht ähnlich sind, macht die Sache nur noch brisanter. Dazu kommen unter Umständen noch einige unerledigte Aufgaben, die Vorgänger Zwanziger in letzter Zeit nicht zu entschärfen vermochte.

Im Hinblick auf seine neue Aufgabe will sich Niersbach ein Beispiel an seinem Übervater Franz Beckenbauer nehmen. "Ich will in meiner Dorfkneipe weiter ein Bier trinken gehen und mich im Tennis gegen Jüngere austoben. Ich will mich als Präsident nicht verändern, ich will keine Allüren", sagt er. Theo Zwanziger war einst mit denselben Zielen gestartet.

Alles zur Nationalmannschaft

Stefan Rommel

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