Keine Zeit für Panik und Hysterie

Von Für SPOX in Pretoria: Stefan Rommel
Samstag, 19.06.2010 | 22:50 Uhr
Entspannte Yoga-Einheit statt Panik-Stimmung: Das DFB-Team nach der Serbien-Pleite
© Getty
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Die Niederlage gegen Serbien könnte Deutschland nervös machen - Bundestrainer Jogi Löw und die Mannschaft um Kapitän Philipp Lahm vertrauen aber lieber ihren Stärken und zeigen sich "undeutsch". Dennoch gibt es Irritationen...

Es kam in den letzten Jahren nicht zu oft vor, dass sich eine deutsche Nationalmannschaft nach einer Niederlage feiern lassen konnte.

Diese Deutschen sind jetzt aber nicht mehr nur jene aus früheren Zeiten: ergebnisfixiert, kühl und zynisch in ihrem Spiel. Sie sind anders und ihren Anhängern ans Herz gewachsen.

So sehr, dass selbst eine vermeidbare Niederlage wie die gegen Serbien nicht mehr zu Ohnmachtsanfällen und hysterisch-verärgerten Reaktionen führt - sondern zu aufmunterndem Beifall.

Gelassenheit statt Panik

Als der übereifrige Schiedsrichter Alberto Undiano die Partie in Port Elizabeth abpfiff, waren es die vielen deutschen Zuschauer, die am lautesten applaudierten. Und nicht die kleine Gruppe serbischer Fans.

Dieser jungen Mannschaft, der drittjüngsten des gesamten Turniers, wird mehr und schneller verziehen. Wobei es eigentlich gar nichts zu verzeihen gab. Die Fans honorierten eine ordentliche Leistung, die unglücklicherweise nicht zum Teilerfolg geführt hatte.

Es sind die weichen Fakten, die nach dem Spiel für Deutschland sprachen und die Öffentlichkeit und Mannschaft gleichermaßen gelassen zurücklassen. "Ich bin heute mit einem guten Gefühl aufgewacht", sagte Joachim Löw einen Tag nach dem unglücklichen 0:1.

"Wir haben trotz unserer Unterzahl fast 60 Minuten das Spiel beherrscht und uns etliche Torchancen herausgearbeitet. Ich denke, wir können vor allem aus der zweiten Halbzeit jede Menge Selbstbewusstsein mitnehmen."

Der Druck ist normal

Die Zutaten für einen Panik-Cocktail wären eigentlich gegeben: Eine Niederlage, die Deutschland nach zwei Spielen in eine Situation drängt, wie sie sich niemand im deutschen Tross gewünscht hatte. Die DFB-Elf benötigt gegen Ghana nun unbedingt einen Sieg, um aus eigener Kraft das Achtelfinale zu erreichen.

Die "Do or Die"-Phase hat also quasi einige Tage früher begonnen als erhofft. "Aber das ist doch normal bei WM-Turnieren", sagt Löw. "Drucksituationen sind nicht zu vermeiden. Ob schon in der Gruppenphase oder in der K.o.-Runde. Das macht keinen Unterschied."

Dazu ist mit Miroslav Klose ein wichtiger Spieler nach seiner zweifelhaften Gelb-Roten Karte für die entscheidende Partie am kommenden Mittwoch in Soccer City in Johannesburg gesperrt. Die logische Besetzung der vakanten Stelle in vorderster Front ist Cacau, festlegen will sich Löw jetzt aber noch nicht darauf.

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Ehrliche Zuversicht bei der Mannschaft

Das Grundrauschen in den Medien bis zum Spiel wird geprägt sein von Skepsis und angedeuteten Weltuntergangsszenarien. Aber so, wie das 4:0 gegen Australien zum Auftakt nicht die Neu-Erfindung des Fußballs war, so ist jetzt nicht die Zeit für übertriebenen Pessimismus.

"Ich lasse mir nicht einreden, dass es ein schlechtes Spiel von uns war. Es war ein ordentliches Spiel, von allen Spielern", bekräftigte Philipp Lahm die Sichtweise Löws ebenso unaufgeregt wie sein Vorgesetzter.

"Es gibt jetzt keinen Grund, etwas zu ändern. Wir verfallen wegen der Niederlage nicht in Aktionismus."

Der Kapitän versprühte dabei jene Zuversicht, die auch seine Mannschaftskollegen noch in den Katakomben des Stadium Nelson Mandela Bay am Freitagabend gezeigt hatten.

Der Blick geht nach vorne

Die deutsche Mannschaft ist von sich und ihren Stärken überzeugt. Zumindest so sehr, dass sie sich nichts anderes als einen Sieg gegen Ghana vorstellen mag.

"Ich mache mir keine Sorgen. Wir haben gegen Serbien in der zweiten Halbzeit mit einem Spieler weniger wieder zu unserem schnelleren Passspiel gefunden. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie kreativ genug ist und sich Chancen erarbeiten kann", so Lahm weiter.

Lieber blickten der Bundestrainer und sein Kapitän schon nach vorne auf die Partie gegen die Black Stars. "Ghana spielt körperbetont und schnell nach vorne, sie sind im Konter gefährlich", sagte Löw, der sich vom Gegner zusammen mit Scout Urs Siegenthaler beim durchwachsenen 1:1 gegen Australien in Rustenburg einen letzten Eindruck verschaffen konnte.

Damit liegt er auf einer Wellenlänge mit Lahm, der sich gegen Ghana "viele Chancen" im Offensivspiel verspricht.

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Was passiert mit den Gelben Karten?

Die geschlossene Mannschaftsleistung am Samstag im Medienzentrum des Teamhotels Velmore Grand wurde nur einmal unterbrochen. Und zwar völlig undeutsch.

Wie denn jetzt genau die Sache mit den Gelben Karten und deren Verfall offiziell geregelt sei, wurde Löw gefragt. "Nach der Vorrunde werden alle Karten gelöscht", antwortete Löw. Das zaghafte Kopfschütteln im Saal ließ den Bundestrainer ahnen, dass er damit nicht richtig lag.

Der DFB ist irritiert

Auch Pressechef Harald Stenger wollte sich nicht mehr zu einer endgültigen Einschätzung hinreißen lassen. Der DFB werde nochmals bei der FIFA nachfragen, nachdem es wohl unterschiedliche Verlautbarungen darüber gegeben hatte. Fakt ist: Die Verwarnungen werden nicht nach der Vorrunde, sondern erst nach den Viertelfinals gelöscht.

Von einer Achtelfinal-Sperre bedroht sind Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Mesut Özil, Sami Khedira und Cacau.

Detailversessenheit und generalstabsmäßige Vorbereitung gehören normalerweise zu den deutschen Tugenden. Wenn es sein muss, dann lässt der DFB im Velmore auch die Farbe der Bettwäsche wechseln. Das Wissen um grundlegende FIFA-Statuten wie die Regelung der Gelb-Sperren gehört eigentlich auch dazu.

Aber die "neuen" Deutschen sind eben ein bisschen anders.

Nach Pleite gegen Serbien: Ein Spiel und seine Geschichten

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