Leuchtturm aus dem Pfaffenwinkel

Mittwoch, 16.09.2015 | 11:01 Uhr
Thomas Müller besitzt beim FC Bayern noch einen Vertrag bis 30. Juni 2019
© getty
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Thomas Müller ist herausragend in die neue Saison gestartet. Der 26-Jährige ist längst eine prägende Figur beim FC Bayern und wird nun auch vom Verein als neues Gesicht positioniert.

Thomas Müller spielt immer. Dieser Satz hat Thomas Müller in den vergangenen Jahren seiner Karriere begleitet. Noch immer hält die Aussage von Louis van Gaal jeder Überprüfung stand - auch unter Pep Guardiola.

In diesem Sommer hat sich aber ein zweiter Spruch aufgemacht, dem Müller-spielt-immer-Klassiker den Rang abzulaufen: Thomas Müller ist unverkäuflich. Das haben Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer in leicht abgewandelter Form immer wieder betont.

Dass der Vorstandsvorsitzende und der Sportvorstand ihren Angreifer mehrfach öffentlich vom Markt genommen haben, hatte einen guten Grund. Müller-Förderer van Gaal wollte seinen Zögling unbedingt zu Manchester United holen.

Ob er bereit war, 80, 100 oder sogar 120 Millionen Euro für Müller zu zahlen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall gab es ein Angebot, von dem Rummenigge sagte: "Wenn ich ein Bankdirektor wäre, hätten wir das machen müssen. Aber als Fußballverein haben wir uns erlaubt, die Tür zuzumachen."

Müllers Forderung wird erfüllt

Es war nicht das erste Mal, dass sich die internationale Elite für Müller interessierte. Bereits nach der WM 2010, als er Torschützenkönig wurde, wurden die Spitzenklubs hellhörig. Aber Müller und der FC Bayern haben sich immer wieder für eine Fortsetzung ihrer romantisch anmutenden Beziehung entschieden.

Auch vor der WM 2014, als Müller seinen Vertrag bis 30. Juni 2019 verlängerte und somit sein Wunsch nach einer klaren Perspektive erfüllt wurde.

"Ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich vor der neuen Saison wissen will, ob ich ein zentraler Bestandteil der künftigen Bayern-Elf bin. Und ob der Klub wirklich mit mir plant in den nächsten Jahren", hatte er einige Tage vor der Vertragsunterzeichnung gesagt.

Vorzeigefigur des Zwei-Säulen-Modells

Müller ist ja nicht irgendein Spieler. Müller ist ein Paradebeispiel für die bayerische Mentalität an sich und für die Philosophie des Klubs. Der mittlerweile 26-Jährige ist in Pähl im Pfaffenwinkel geboren, in einer Gegend zwischen Ammersee und Stanberger See, die jeglichen Postkartenkitsch über Bayern zu erfüllen scheint.

Er ist im Klub ausgebildet worden und hat sich ohne Umwege über Leihgeschäfte in München durchgesetzt und zum Star entwickelt, obwohl er in den Jugendmannschaften nicht unbedingt ein Überflieger war.

"Er hat ein rot-weißes Herz und ist nicht nur ein Bestandteil, sondern ein Leuchtturm des FC Bayern", sagte Sammer einst. Müller ist aktuell die Vorzeigefigur des bayerischen Zwei-Säulen-Modells aus selbst ausgebildeten Identitätsstiftern und zugekauften Topstars.

Müller füllt Schweinsteigers Lücke

Mittlerweile darf sich Müller auch seines Standings im Klub sicher sein. Die Verantwortlichen haben ihn vor allem nach dem Abgang von Bastian Schweinsteiger offensiv als Führungsspieler im Team und Gesicht des Klubs positioniert.

"Thomas Müller wird die Rolle von Bastian Schweinsteiger übernehmen", sagte Sammer und betonte zusätzlich, "dass man das auch weiß." Wer Müller auf dem Platz, sei es im Spiel oder im Training, beobachtet, weiß schon lange, dass er ein Typ ist, der Verantwortung übernimmt, Kommandos gibt und voran geht.

Müller ist enorm ehrgeizig, er lebt dieses viel zitierte Bayern-Gen vor, er tut in jedem Spiel alles für den Sieg. Man muss sich nur an das verlorene Champions-League-Finale 2012 gegen den FC Chelsea erinnern, als er vor dem Elfmeterschießen auf Anatolij Tymoschtschuk einredete, weil der sich weigerte anzutreten.

Der erfahrene Ukrainer war nicht umzustimmen, Müller stapfte davon, knallte eine Trinkflasche zu Boden und war stinksauer. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt schon ausgewechselt, man merkte ihm an, wie gerne er geschossen hätte.

Mischung aus Valentin und Beckenbauer

Trotz dieser Verbissenheit hat Müller sich seine Lockerheit und Unbekümmertheit bewahrt. Und obwohl er wie kaum ein anderer für den FC Bayern steht, polarisiert Müller deutlich weniger als sein Klub. Der Oberbayer wird nicht nur wegen seiner Auftritte im Nationaltrikot von fast allen für seine Art geschätzt.

In einer überkandidelten Fußballwelt präsentiert er das Normale, Bodenständige. Seine Interviews setzen sich nicht aus Schablonensätzen zusammen, er setzt Pointen und transportiert trotzdem inhaltlich Gehaltvolles. Für Rummenigge ist Müller "eine Mischung aus Karl Valentin und Franz Beckenbauer".

Um es etwas sportlicher und aktueller zu formulieren, bringt Müller auch Qualitäten mit, die Philipp Lahm und Schweinsteiger in den letzten Jahren zu einem optimalen Führungsduo gemacht haben. Müller beherrscht den Umgang mit den Medien und stellt sich auch in kritischen Phasen immer; eine Aufgabe, die Lahm mit seiner diplomatischen Art perfekt beherrscht. Dazu kommt die Mentalität auf dem Platz und das Bayerisch-Lausbubenhafte, das Schweinsteiger auszeichnete.

Müller soll das Team als dritter Kapitän neben Lahm und Manuel Neuer sowie Jerome Boateng und Arjen Robben führen, um "die letzten drei, vier Prozent" aus der Mannschaft herauszuholen, wie Sammer forderte. Im Optimalfall sollen am Ende der Saison ja wieder alle möglichen Titel an die Säbener Straße kommen.

Thomas Müllers BL-Statistiken der Saison 2015/16

Vertragsverlängerung in Sicht

Müller selbst will seine neue Rolle nicht allzu hoch hängen. "Dadurch hat sich für mich nichts verändert. Es war ja vorher auch schon so, dass ich versucht habe, mich einzubringen. Man wächst Jahr für Jahr in die Verantwortung hinein."

Sportlich ist er ohnehin über jeden Zweifel erhaben. In den letzten drei Spielzeiten schoss er jeweils 13 Tore in der Bundesliga, mit sechs nach vier Spielen ist er auf dem besten Weg, seine bisherige Bestmarke zu knacken. Dabei kommt ihm auch zugute, dass ihn Guardiola eher als Stürmer, denn als Außenbahnspieler sieht und dementsprechend noch näher am Tor positioniert.

Der FC Bayern weiß, was er an Thomas Müller als Spieler und Mensch hat. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Summen die internationalen Spitzenklubs in den kommenden Transferperioden aufrufen und wie Müller auf Dauer mit den Anfragen umgeht.

Er hat sich zwar bisher immer zum FC Bayern bekannt, aber auch gesagt, dass er nicht mit dem Klub verheiratet sei. Aktuell steht aber eine Vertragsverlängerung über 2019 hinaus im Raum, zu aufgebesserten Bezügen versteht sich.

Und noch steht auch das Wort von Rummenigge einem Transfer im Weg. "Es gibt Spieler, die haben kein Preisschild. Wir wären von allen guten Geistern verlassen, wenn wir Müller abgeben würden." Thomas Müller ist einfach unverkäuflich.

Thomas Müller im Steckbrief

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