Die unsichtbare Mauer

Von Christian Rapp
Montag, 20.10.2014 | 17:09 Uhr
William Carvalho steht auf den (Wunsch-)Zettel der großen Vereine
© getty
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Der nächste Spieler aus Sporting Lissabons Talentschmiede sorgt für Furore. Nach Cristiano Ronaldo und Nani soll William Carvalho der nächste Exportschlager aus Lissabon werden. Im Sommer stand er schon dicht vor einem Wechsel zu einem Topverein. Mit einem überraschenden Anruf begann seine Karriere.

Es ist das Jahr 2005. Nach einem Jugend-Spiel von Sporting Lissabon spricht Aurelio Pereira, eine Legende im Jugendbereich Sportings, mit dem Vater Carvalho und versucht den kleinen William für seinen Verein zu gewinnen. Es ist ein lockerer Plausch, Williams Vater ohnehin ein glühender Anhänger der Löwen. Pereira fragt am Ende des Gesprächs das verheißungsvolle Talent nach dessen Lieblingsspieler. Nani lautet die Antwort. Danach macht sich Pereira aus dem Staub.

Eine Stunde später klingelt das Telefon im Hause Carvalho. Am anderen Ende der Leitung ist niemand geringeres als eben dieser Nani. Der Mittelfeldspieler spricht mit dem Talent und befiehlt ihm zu Sporting zu wechseln. William, geplättet von dem Anruf, gehorcht brav und begibt sich in die Lissaboner Talentschmiede. Dort soll er in die Fußstapfen der Quaresmas, Ronaldos und Nanis dieser Welt treten.

Afrikanische Wurzeln

Schon früh machte William Silva de Carvalho, der in Luanda in Angola geboren wurde, auf sich aufmerksam. 2004 wechselte er zu Uniao Sport Clube de Mira Sintra.

"Er war immer ein sehr bescheidener, ehrgeiziger und reifer Junge. Obwohl er in Mira Sintra zwei Jahre jünger war als die anderen, wurde er zum Kapitän gemacht und war der Anführer in der Kabine", erinnert sich sein Jugendtrainer Bruno Rodrigues. Der kleine William bestach schon damals durch eine enorme Physis und einer bemerkenswerten Ruhe am Ball.

Überraschende Absage

Wenig später wurde auch Portugals Spitzenverein Benfica auf das Talent aufmerksam. Der Jugendtrainer traf sich mit Carvalho, um ihn zu den Roten zu lotsen. Doch völlig überraschend sagte er dem Traditionsverein ab. Kurz darauf erschien Aurelio Pereira - der Rest ist Geschichte.

William erhält in den folgenden Jahren die typische Sporting-Ausbildung. Einzig die perfekte Position für ihn fehlt. Er pendelt zwischen klassischem Zehner, Außenbahn und defensivem Mittelfeld. Überall solide, nirgends herausragend. Trotzdem schaffte Carvalho den nächsten Schritt und debütierte 2011 mit 19 Jahren für die Profimannschaft. Er wandelt auf den Spuren seines Idols.

Cercle Brügge als Dosenöffner

Der gebürtige Angolaner kam jedoch nicht über den Status des Mitläufers hinaus. Nach einer erfolgslosen Leihe innerhalb Portugals wurde schließlich eine Kooperation Sportings mit Cercle Brügge zum Dosenöffner für das Talent. Mehrere junge Spieler aus der Talentschmiede wurden damals zum Kooperationspartner ausgeliehen.

In Belgiens Jupiler League machte er endlich den nächsten Schritt. Vor allem die beinahe endlose Suche nach einer Position hatte ein Ende. Das defensive Mittelfeld soll es künftig sein. Er wurde zu einem Leistungsträger der Mannschaft, stabilisierte das defensive Gefüge und beteiligte sich trotzdem am Offensivspiel. Die Odyssee war endlich beendet.

Spielintelligenz ist Trumpf

Nach seiner starken Entwicklung holte Lissabon das Eigengewächs zur Saison 2013/14 nach Hause. Es folgte der vollständige Durchbruch. Carvalho punktet mit seinem physischen Spiel, hat in Zweikämpfen eine enorme Robustheit. Zudem sind seine technischen Fähigkeiten, typisch für die Sporting-Schule, eine Augenweide.

"Er ist sehr stark, kann auf jeder Position im Mittelfeld spielen und ist hochtalentiert. Seine Qualitäten ähneln denen eines Yaya Toures. Er hat aber einen Vorteil. Er ist sehr jung und wird noch viel besser werden", unterstreicht Cercles Sportdirektor Yvan Vandamme die Vorzüge.

Doch vor allem besticht der 22-jährige über eine für dieses Alter außergewöhnliche Spielintelligenz. Carvalho erkennt früh Räume, stellt sie perfekt zu und unterbindet so die gefährlichen Pässe in die Sturmspitze. Der Portugiese antizipiert Gefahrenherde, bevor sie entstehen. Carvalho ist ohne Zweifel der defensive Anker im Spiel der Grün-Weißen. Nicht umsonst hat ihn der frühere Arsenal-Spieler Gilberto Silva die "unsichtbare Mauer" getauft.

Spieleröffnung eines Spielmachers

Auch wenn Sportings Nummer 14 zu allererst defensiv denkt, ist er dennoch die Schaltzentrale im Spiel der Portugiesen. Carvalho verfügt über eine gute Spieleröffnung, beherrscht sowohl den gepflegten Ball in die Tiefe, als auch den diagonalen für die Spielverlagerung.

Kein Zweifel, Carvalho profitiert bei der Spieleröffnung von den früheren Erfahrungen als klassischer Zehner. Wenn immer möglich, versucht er sich auch spielerisch aus Drucksituationen zu befreien. Aber nicht auf extravagante oder verschnörkelte Art und Weise, sondern mit dem einfachen Ball zu seinem Nebenmann.

WM als Lohn

Auch Paulo Bento, einstiger Nationaltrainer Portugals, blieb die Entwicklung Carvalhos nicht verborgen. So berief er ihn für die WM-Playoffs gegen Schweden in den Kader. Im Rückspiel kam der defensive Mittelfeldspieler erstmals von Beginn an zum Einsatz und machte eine herausragende Partie im Schatten des Goalgetters Ronaldo. Carvalho war ab sofort auf dem Bildschirm bei den internationalen Topvereinen.

Lohn für seine starke Saison bei Sporting war die Nominierung für die WM in Brasilien, wo er zweimal zum Einsatz kam. Und auch den großen Klubs Europas blieb seine Entwicklung nicht verborgen. Im Sommer rissen sich angeblich mehrere Vereine um die Dienste des Portugiesen. Unter anderem Schwergewichte wie Manchester United, Arsenal London, Real Madrid und der FC Barcelona waren an ihm dran. Ein Wechsel lag lange in der Luft - doch am Ende blieb er Sporting treu.

"Werde in den besten Ligen der Welt spielen"

Nichtsdestotrotz will der 22-Jährige über kurz oder lang bei einem Top-Klub spielen. "Ich würde nicht sagen, dass ich enttäuscht bin, dass es nicht mit einem Wechsel geklappt hat. Ich bin sehr glücklich bei Sporting. Und früher oder später werde ich in den besten Ligen der Welt spielen", gab sich der Nationalspieler optimistisch.

Dass William Carvalho in absehbarer Zeit auf der internationalen Bühne für Furore sorgen wird, davon ist auch sein Mannschaftskollege Diego Capel überzeugt. "Ein Limit gibt es für William nicht. Die Leute werden in Zukunft noch viel über ihn reden."

William Carvalho im Steckbrief

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