Das haben sie sich verdient

Von Max Schöngen
Frank Lampard (l.) und Francesco Totti stehen zusammen für 40 Jahre Profi-Fußball
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Roms wandelndes Wahrzeichen

Als Lampard bei Chelsea anheuerte, hatte sich Totti längst einen Namen gemacht. 1993 debütierte er im Alter von 16 Jahren für die Roma, fünf Jahre später war er bereits Kapitän und Publikumsliebling. Einer von ihnen, ein echter Römer, von Geburt an Giallorossi, wie es die Legende erzählt. Gesegnet mit einer einzigartigen Spielübersicht, außergewöhnlichen Fähigkeiten am Ball und einer brillanten Schusstechnik.

Bei der EM 2000 ging sein internationaler Stern auf, ein Jahr später trug er sich in die Geschichtsbücher der Giallorossi ein, die zu diesem Zeitpunkt von Fabio Capello trainiert wurden.

Zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte und zum ersten Mal nach 18 Jahren holte die Roma den Scudetto in die italienische Hauptstadt, Tottis Anteil daran war groß. Für die Roma-Tifosi, die so lange auf einen Ligatitel hatten warten müssen eine Erlösung, in ihrem Kapitän hatten sie ihren Erlöser gefunden, er wurde zum lebenden Wahrzeichen der ewigen Stadt.

Lampard der Unverzichtbare

Ähnliches widerfuhr Frank Lampard vier Jahre später. Waren es bei der Roma 18 Jahre, die man auf eine nationale Meisterschaft gewartet hatte, dauerte es beim FC Chelsea ein halbes Jahrhundert, ehe der Titel 2005 mal wieder an die Stamford Bridge geholt wurde. Ähnlich groß wie Tottis Anteil am Scudetto war auch Lamps Anteil am Erfolg der Blues.

Kopfballstärke, Schusstechnik, Passgenauigkeit, Torgefahr - er war einer der wenigen, die im Starensemble der Blues als unverzichtbar galten, wie Mourinho stets betonte und in ihm "einen der besten Spieler der Welt" sah. Bei der Wahl zum Weltfußballer und zu Europas Fußballer des Jahres belegte der damals 26-Jährige im selben Jahr jeweils den zweiten Platz.

Auch für Totti sollte das Jahr 2005 ein besonderes sein. Mit seinem 107. Treffer für die Roma überflügelte er den bisherigen Rekordhalter Roberto Pruzzo und stellte einen Vereinsrekord auf.

Der Auferstandene

Eine Hürde, die auch Frank Lampard noch nehmen sollte - acht Jahre nach Totti, als er im vorletzten Ligaspiel der Saison 12/13 gegen Aston Villa die Treffer 202 und 203 im Trikot der Blues erzielte und somit zum erfolgreichsten Torschützen der Vereinshistorie aufstieg.

Es war das vorletzte Spiel einer Saison, die das Ende der Ära Lampard beim FC Chelsea einleiten sollte, eine Ära, die im Jahr zuvor in München mit dem Triumph in der Champions League ihren Höhepunkt gefunden hatte.

Schon in der Winterpause schien es, als wollten ihn die Kluboberen loswerden, der damals 34-Jährige aber verweigerte sich einem Wechsel und erzielte in der Rückrunde neun Treffer, sein Vertrag wurde nochmal um ein Jahr verlängert, die englische Presse feierte "den Auferstandenen".

Mit Garcia zum alten Glanz

Eine Auferstehung feierte im selben Jahr auch Totti. Vor der vergangenen Saison stand sein Karriereende eigentlich schon so gut wie fest. Viel vom einstigen Glanz war in den Jahren zuvor verlorengegangen.

Untrainiert, teilweise mit Übergewicht hatte er sich in den Vorjahren über den Platz geplagt, seine genialen Momente, seine kraftvollen Antritte waren weniger geworden.

Als jedoch zur vergangenen Saison mit Rudi Garcia abermals ein neuer Trainer an den Tiber kam, blühte Totti nochmals auf. Es lief so gut, wie es lange nicht mehr gelaufen war für die Roma und vor allem für ihn. Garcia machte ihn zum zentralen Spieler seiner Offensive, gab ihm die Freiheiten die er braucht. Nur wenige Wochen war die Saison gespielt, da wurde bekannt, dass Tottis Vertrag abermals verlängert werden würde.

Totti und die Aussetzer

Wieder einmal hatte er es seinen Kritikern gezeigt, Kritiker, die es fernab der römischen Stadtmauern zuhauf gibt und die ihn große Teile seiner Karriere hinweg immer begleitet haben. Totti wusste die Kritik an ihm durch regelmäßige Aussetzer aber auch stets selbst zu befeuern.

Bei der WM 2002 brachte ihm eine Schwalbe einen Platzverweis ein. 2004 bei der EM bespuckte er den Dänen Christian Poulsen und handelte sich eine anschließende Sperre ein. Beim Coppa-Finale 2010 sah er Rot, weil er wenige Minuten vor Schluss beim Stand von 0:1 wie von Sinnen auf Mario Balotelli eintrat.

So sehr sich Fußball-Italien das Maul über ihn zerriss, so sehr konnte sich Totti der Unterstützung seiner Anhänger gewiss sein. Auf ein zerknirschtes "Perdono" seinerseits folgte die Vergebung seiner Fans.

Keine Wut, sondern Sprechchöre

Vergebung hat auch Frank Lampard erfahren, dafür, dass er vor der Saison unter viel Aufsehen zu einem der größten Rivalen seines Klubs gewechselt war. Ohnehin hielt sich die Wut der Chelsea-Fans in Grenzen angesichts der Verdienste Lampards bei den Blues. Keine Judas-Plakate, keine Hasstiraden oder Pfiffe gegen ihn, als er vor wenigen Wochen auf seinen ehemaligen Klub traf. Sogar nachdem er zum 1:1 ausgeglichen hatte und Chelsea damit den ersten Punktverlust der Saison bescherte, hallten Sprechchöre für ihr Idol aus dem Fanblock der Blues.

Vier Tage nachdem sich Totti gegen ZSKA Moskau seiner Gefühle nicht hatte erwehren können, war auch Lampard in diesem Moment sichtlich ergriffen. Kein Anzeichen der Freude ob seines Treffers, ein entschuldigender, fast schon schockierter Blick. Seinem Klub hatte er soeben wehgetan, umso bemerkenswerter auch die Reaktion der Fans, die ihn auch Minuten nach dem Abpfiff noch feierten.

In Würde altern

Wie bei Totti auch zeigt die Unterstützung der Fans den Stellenwert beider Spieler, den sie sich über Jahre hinweg erarbeitet und verdient haben. Ihre Karriere befindet sich im Endstadium, beide wissen das, ihrer Lust am Fußball tut dies keinen Abbruch. Tottis Vertrag bei der Roma läuft noch bis 2016, eine weitere Verlängerung wollte er jüngst nicht ausschließen.

Auch Lampard will noch spielen, solange er "mithalten kann". Dass er das momentan noch kann, hat er schon nach wenigen Wochen bei den Sky Blues bewiesen, jüngst wurde gar gemunkelt, er würde nicht wie vereinbart nach New York wechseln, sondern auch nach dem Winter in Manchester bleiben.

So oder so ist es aber absehbar, dass beide die Stiefel an den Nagel hängen. In Würde altern könnte man es nennen, was beiden in den Endzügen ihrer Karrieren vergönnt ist. Kein Zweifel, sie haben es sich verdient.

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