Ein Endspiel für alle

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 11.12.2013 | 11:34 Uhr
Jens Keller (l.) und Horst Heldt (r.) sind seit Ende 2012 gemeinsam auf Schalke in der Verantwortung
© getty
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Die Partie gegen den FC Basel gilt als Jens Kellers letzte Chance, einer drohenden Entlassung zu entgehen. Gegen die Schweizer geht es aber nicht nur um den Kopf des Trainers. Vielmehr stehen auch die Bosse unter Beobachtung.

"Endspiele" hat Jens Keller in seiner Zeit als Trainer des FC Schalke 04 schon so manche erlebt, gemeint sind Spiele mit finalem Charakter. Auf den Klub als solchen hat sich das in den seltensten Fällen bezogen, vielmehr war es immer Keller, der gegen viele Vorbehalte anzukämpfen hatte.

Vor ziemlich genau einem Jahr überraschte Schalke erst mit der Entlassung des Jahrhunderttrainers Huub Stevens und wenige Stunden später mit der Bekanntgabe, den Trainer der U-17-Junioren zu dessen Nachfolger zu machen.

Operation am offenen Herzen

Schalke ging damals ein durchaus diskutables Projekt ein, eine Operation am offenen Herzen. Als Experimentierfeld taugte der Klub aus Gelsenkirchen noch nie. Kellers Reputation bestand aus einem krachend gescheiterten Engagement beim VfB Stuttgart, einer bis dato dominanten Spielzeit mit der U 17 und einem sehr guten Draht zu Sportvorstand Horst Heldt.

Die Kritik an Heldt und die Zweifel an Kellers Befähigung für einen solch großen Job waren von Anfang an da. Der Trainer konnte sich aber in den letzten Monaten immer wieder aus der engsten Umklammerung befreien, seine Mannschaft lieferte in den entscheidenden Spielen vielleicht nicht den besten Fußball, aber zumindest die erforderlichen Ergebnisse.

Krise zum Jahresende

Damit ist es seit einigen Wochen auch vorbei. Wie im Vorjahr steckt Schalke in der Krise. Die Mannschaft spielt nicht so, wie man sich das bei einem derart gut bestückten Kader erwarten könnte, die Erfolge in der Liga bleiben aus. Mit dem 1:2 vom Wochenende bei Borussia Mönchengladbach ist der Rückstand auf Platz vier bereits auf sieben Punkte angewachsen.

Im Pokal erfolgte gegen 1899 Hoffenheim vor einer Woche das ernüchternde Aus - vier Tage, nachdem die Mannschaft beim 3:0 gegen den VfB Stuttgart nach langer Zeit mal wieder überzeugen konnte. Und in der Champions League hat der blutleere Auftritt in Bukarest vor zwei Wochen die Dinge ziemlich unschön werden lassen.

Getrübte Wahrnehmung?

Nach der Partie bei Steaua redeten Keller und Heldt die Ausgangslage vor dem entscheidenden Spiel am Mittwoch gegen den FC Basel noch schön. "Wir haben alles selbst in der Hand. Es wird ein schweres Spiel, aber Basel ist keine Übermannschaft", sagte Keller da sehr selbstbewusst.

"An unserer Ausgangslage hat sich nichts verändert", hatte Heldt eine merkwürdige Einschätzung parat und übersah offenbar die Tatsache, dass Schalke nun sein Heimspiel gegen Basel gewinnen muss.

Mit einem Sieg bei den längst abgeschlagenen Rumänen, die jegliche Champions-League-Tauglichkeit vermissen ließen, hätte Schalke ein Remis gegen Basel genügt. "Wir müssen volle Pulle spielen. Ich bin optimistisch, dass wir mit der Unterstützung unserer Fans gewinnen", sagte Heldt weiter.

Die Unterstützung der Anhängeschaft dürfte Schalke auch gegen Basel gewiss sein. Allerdings haben sich die Vorzeichen ein wenig geändert. Die vergangenen Wochen haben das Publikum auch kritischer gemacht, seit sich die durchwachsenen Leistungen in entsprechenden Ergebnissen niederschlagen. Gegen Basel kann die geplante Unterstützung auch schnell ins Gegenteil umschlagen.

Stillstand zementiert

"Wenn man weiß, dass man sich keinen Ausrutscher mehr erlauben darf, wenn auch die Zuschauer unruhig werden, dann kann das schon zu einer Belastung für Trainer und Mannschaft werden", sagt Ottmar Hitzfeld in einem Interview mit der "WAZ". Der Schweizer Nationaltrainer sieht die Gefahren, die auf dem Weg in die K.o.-Runde auf Schalke lauern, spricht vor der Partie von einem sehr unangenehmen Gegner.

Aber auch davon, dass Schalkes Mannschaft einen Gegner der Güteklasse FC Basel beherrschen müsste. Auf dem Papier jedenfalls ist Schalke der Favorit. "Wir spielen zu Hause und brauchen uns nicht zu verstecken. Das ist ein Alles-oder-Nichts-Spiel, das wir gewinnen müssen, um ins Achtelfinale einzuziehen", sagt Kapitän Benedikt Höwedes.

"Natürlich stehen wir gegen Basel unter Druck - aber damit können wir auf Schalke gut umgehen." Danach hat es zuletzt allerdings nicht immer ausgesehen. Die Unruhe vor dem gefühlt zehnten "wichtigsten Spiel des Jahres" ist greifbar. Und im Mittelpunkt steht wie fast immer der Trainer.

Schalke hat sich in diese einen Jahr unter Keller weder spielerisch noch tabellarisch nach vorne entwickelt, im Prinzip zementiert die Mannschaft ihren Stillstand. Das mögliche Aus in der Königsklasse käme auch dem von Trainer Keller gleich.

"Kritik an Keller total überzogen"

Dabei gibt es einige, die dessen Arbeit gemessen an den Umständen - vor allem die vielen verletzten Leistungsträger - durchaus ordentlich einstufen. Unter anderem Ottmar Hitzfeld, der sich seinem Trainerkollegen gegenüber solidarisch äußert.

"Ich finde die Kritik an Jens Keller total überzogen. Er hat viele Hürden übersprungen und Rückschläge weggesteckt. Nach meinem Eindruck ist Jens Keller ein akribischer Arbeiter, dem aber etwas das Glück fehlt. In Deutschland ist es leider so, dass du als Trainer ganz schnell in der Kritik stehst, wenn es nicht sofort gut läuft."

Mehr noch als das, wird auf Schalke längst schon wieder ein Nachfolger für Keller gehandelt. Selbst wenn dieser die Mannschaft ins Achtelfinale führen sollte, stünde angeblich Thomas Schaaf bereit. Oder Martin Jol. Kellers Zeit, so scheint es, läuft ungeachtet des Spielausgangs am Mittwoch ab.

Heldt und Tönnies rücken in den Fokus

Dass sich fast alles auf den Trainer konzentriert, ist der klassische Reflex der Branche. Dabei müssten auf Schalke mindestens noch zwei andere in den Fokus rücken. Sportvorstand Heldt und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies haben Keller damals erst ins Amt verholfen. Sie sind die Konstanten in einem Verein, der seit geraumer Zeit einen Schlingerkurs fährt zwischen Erfolg und Misserfolg.

"Dieses Auf und Ab kann ich mir auch nicht erklären. Im Prinzip kriegen wir das hier ja schon seit Jahren nicht in den Griff", sagte Julian Draxler im "Kicker". Es drängt sich der Verdacht auf, dass Keller der Verwalter tiefer sitzender Probleme ist und als schwächstes Glied der Kette ein Jahr lang an vorderster Front die meisten Schläge abbekommt - während sich die Entscheidungsträger im Hintergrund aufhalten. Heldt sagte nach dem Pokal-Aus gegen Hoffenheim, die Mannschaft habe "ein großes Ziel verpasst. Das Weiterkommen hätte auch finanziellen Spielraum beinhaltet, das ist weg."

Noch schlimmer wäre ein Scheitern nun gegen Basel, sowohl für das Renommee des Klubs als dessen Geldbeutel. "Die Trainerfrage stellt sich jetzt nicht", sagte Tönnies nach der Niederlage in Mönchengladbach.

Es ginge in den nächsten Spielen darum, Siege einzufahren. Alles außer einem Sieg gegen Basel würde die Gemengelage recht schnell sortieren, der Trainer wäre kaum noch haltbar. Allerdings wären dann Heldt und Tönnies ebenfalls schwer abgeschossen. Die Partie am Mittwochabend wird nicht nur für Keller zum nächsten "Endspiel".

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