Fussball

BVB-Busfahrer und -Zeugwart Hartmut "Bomber" Wiegandt im Interview - Teil zwei

Hartmut "Bomber" Wiegandt feiert mit Rene Tretschok 1995 die erste Meisterschaft des BVB nach 32 Jahren.
© imago

SPOX: Neben der Sache mit dem Kuchen konnte man bei Ihnen einen weiteren Spleen beobachten: Auf dem offiziellen Mannschaftsfoto saßen Sie stets unten links.

Wiegandt: Ab Ende der 1980er Jahre immer. Das hat Frank Mill bestimmt, weil wir sonst auch viel zusammensaßen. 'Der Bomber kommt immer an meine Seite', hat er gesagt. Ich war Anfang der 1990er Jahre auch der erste Busfahrer und Zeugwart, der eine Autogrammkarte hatte. 1994 wurde ich sogar zusammen mit den Zeugwarten von Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen ins aktuelle Sportstudio eingeladen, um über unseren Job zu sprechen.

SPOX: Es heißt, Ihre Lieblinge im Team sollen vor allem Günter Kutowski, Thomas Helmer und Michael Lusch gewesen sein. Stimmt das?

Wiegandt: Die drei waren meine Söhne. Wir haben einmal eine Abschlussfahrt nach Gran Canaria gemacht und sind zu viert am Strand entlanggelaufen, die drei hinter mir her. Dann haben die anderen gesagt: Guck an, da geht der Bomber mit seinen drei Söhnen. (lacht) Dort haben wir uns ordentlich einen gebraten und wollten spätabends mit dem Taxi wieder zurück ins Hotel. Der Fahrer wollte uns - wir natürlich oben ohne und nur in Badehose - aber nicht mitnehmen. Wir haben ihm dann sein Döschen so lange voll mit Peseten gemacht, bis er losgefahren ist.

Wiegandt über Hunde in Südkorea und das Ende beim BVB

SPOX: Für die Spieler waren Sie häufiger mal die Rettung in höchster Not, oder?

Wiegandt: Sicher. Einmal waren wir unter Horst Köppel im Trainingslager im südkoreanischen Seoul. Ich wusste, wie das dort mit dem Essen ablaufen wird. Damals war das Klischee, dass sie dort Hunde essen, noch weit verbreitet. Also habe ich in Dortmund im Supermarkt zwei riesengroße Rollkisten packen lassen. Darin waren Getränke, Bifi, Ritter Sport, Dosenfleisch, Brot und so weiter drin. Als wir dort ankamen, wurden wir als erstes von unserem Sponsor Nike zum Essen eingeladen.

SPOX: Und dann gab es Hund?

Wiegandt: Exakt. Die brachten ein sehr dunkles, fast schwarzes Fleisch. Alle hatten Hunger wie verrückt, aber keiner hat etwas angerührt. Wir waren kaum zurück in unserem Hotel, da kamen sie an: 'Bomber, Bomber, ich habe solch einen Kohldampf. Hast du was da?' Dann haben wir uns über die Kisten hergemacht. Das Frühstück ging noch, aber sonst hat dort niemand etwas gegessen. Einmal kam einer nachts an, klopfte an meine Zimmertür und wollte noch etwas Schokolade haben. (lacht)

SPOX: Sie waren zwar viele Jahre lang beim BVB angestellt, Ihr Ende kam dennoch irgendwie abrupt. Wieso?

Wiegandt: Ich habe am 6. Februar 2002, meinem 60. Geburtstag, aufgehört. Meine Frau war leider schon länger krank. Die Krankheit verschlimmerte sich, ich selbst hatte Probleme mit dem Rücken. Auch der Verein riet mir dazu, es unter diesen Umständen lieber sein zu lassen. Wir haben an dem Tag gegen Hansa Rostock gespielt. Anschließend ließen mich die Spieler vor der Südtribüne hochleben. Abends bin ich rüber zum Trainingszentrum im Rabenloh gegangen, habe alles ein letztes Mal hingestellt, abgeschlossen, die Schlüssel abgegeben und bin nie wieder hingegangen.

Hartmut "Bomber" Wiegandt und "seine" BVB-Trainer

TrainerZeitraum
Karlheinz Feldkamp01.07.1982 - 05.04.1983
Helmut Witte06.04.1983 - 30.06.1983
Uli Maslo01.07.1983 - 23.10.1983
Helmut Witte24.10.1983 - 30.10.1983
Hans-Dieter Tippenhauer31.10.1983 - 15.11.1983
Horst Franz16.11.1983 - 30.06.1984
Timo Konietzka01.07.1984 - 24.10.1984
Reinhard Saftig25.10.1984 - 27.10.1984
Erich Ribbeck28.10.1984 - 30.06.1985
Pal Csernai01.07.1985 - 20.04.1986
Reinhard Saftig20.04.1986 - 30.06.1988
Horst Köppel01.07.1988 - 30.06.1991
Ottmar Hitzfeld01.07.1991 - 30.06.1997
Nevio Scala01.07.1997 - 30.06.1998
Michael Skibbe01.07.1998 - 07.02.2000
Bernd Krauss08.02.2000 - 13.04.2000
Udo Lattek14.04.2000 - 30.06.2000
Matthias Sammer01.07.2000 - 30.06.2004

SPOX: Wären Sie drei Monate länger geblieben, hätten Sie noch die Meisterschaft unter Matthias Sammer feiern können.

Wiegandt: Sie haben mich zur Feier eingeladen, aber ich habe abgesagt, weil ich meine Frau nicht mehr alleine lassen konnte. Ich hätte gerne noch bis Mai weitergemacht. Ich wurde zuvor schon intern verabschiedet und habe ein paar Geschenke bekommen - unter anderem eine Dauerkarte auf Lebenszeit. Die nutzt jetzt meist der beste Freund meiner Frau, der immer mitgeholfen hat, sie zu versorgen. Heute schaue ich mir alle Spiele im Fernsehen an. Bloß unter Peter Bosz habe ich auf Konferenz umgeschaltet, weil ich mich da immer so aufgeregt habe.

SPOX: Haben Sie noch einen Draht zur aktuellen BVB-Geschäftsführung?

Wiegandt: Nein. Ich war einmal mit meiner Frau am neuen Trainingsgelände in Brackel, weil sie unbedingt einmal Jürgen Klopp in natura sehen wollte. Teammanager Fritz Lünschermann hat für uns das Tor aufmachen lassen, so dass wir direkt vorfahren konnten. Klopp kam dann auch direkt um die Ecke. Wir haben ein bisschen geplaudert und ein Foto zusammen gemacht. Meine Frau war richtig glücklich.

Wiegandt über seinen Draht zu Ex-BVB-Spielern und seinen heutigen Alltag

SPOX: Wie sieht es mit den Spielern von früher aus, besteht da noch eine Verbindung?

Wiegandt: Ja. Die alten Recken rufen allesamt noch an meinem Geburtstag an. Wir haben auch eine Clique mit acht Mann, die quasi von Thomas Helmer organisiert wird. Er macht ja an Champions-League-Spieltagen immer diese TV-Sendung in Essen. Davor schreibt er eine SMS und gibt Bescheid, wo wir uns diesmal zum Essen treffen.

SPOX: Wie steht es heute um die Gesundheit Ihrer Frau?

Wiegandt: Sie ist leider vor drei Jahren verstorben. Die Spieler haben sie alle geliebt, die waren ja auch zig Mal bei uns zu Hause. Einmal kamen sie zwischen den Trainingseinheiten zu uns. Meine Schwiegermutter hatte gekocht, Sauerkraut mit Püree. Kaum hatte das zweite Training des Tages begonnen, schon saßen alle auf dem Pott. Bei uns gibt es halt noch etwas Richtiges auf die Gabel, habe ich nur gesagt. (lacht)

SPOX: Im Februar sind Sie 75 Jahre alt geworden. Wie sieht mittlerweile Ihr Alltag aus?

Wiegandt: Ich habe alles für meine Frau getan. In der Zeit, in der ich sie versorgt habe, nahm ich unheimlich viel ab und sah auch schlecht aus. Das hat sich jetzt zum Glück wieder eingependelt. Ich habe nun eine neue, schöne Wohnung, alles Wichtige ist fußläufig zu erreichen. Ich verbringe viel Zeit mit einer guten Freundin, deren Mann auch nicht mehr lebt. Wir helfen uns gegenseitig und unternehmen einige Reisen. Ich bin ein ganz anderer Mensch und wieder deutlich positiver. Ich schaue nur noch nach vorne und versuche die Jahre zu nutzen, die mir noch bleiben.

SPOX: Ich hoffe, es werden noch so viele sein, wie Sie es sich wünschen. Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Wiegandt!

Wiegandt: Gerne, das hoffe ich auch.

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