Fussball

BVB-Busfahrer und -Zeugwart Hartmut "Bomber" Wiegandt im Interview - Teil eins

Montag, 09.04.2018 | 08:24 Uhr
Hartmut "Bomber" Wiegandt feiert mit Michael Rummenigge und Günter Kutowski den Pokalsieg des BVB 1989 in Berlin.
© imago

Hartmut "Bomber" Wiegandt ist ein Dortmunder Urgestein. Wiegandt war von 1982 bis 2002 Busfahrer und Zeugwart bei Borussia Dortmund.

Im Interview spricht Wiegandt über seinen Spitznamen, den Alltag beim BVB, Trikots für Polizisten, Dosenbier im Bus und den berühmten Zitronenkuchen. Den zweiten Teil des Interviews mit Hartmut Wiegandt lesen Sie am Dienstag auf SPOX.com!

SPOX: Herr Wiegandt, Sie kommen gebürtig aus Hagen bei Dortmund und standen schon in den 1950er Jahren im Stadion Rote Erde, um den BVB anzufeuern. Wie sehen Ihre frühesten Erinnerungen an Borussia Dortmund aus?

Hartmut Wiegandt: Ich war immer schon Dortmunder. In meiner Straße gab es auch Fans von Schalke, aber das kam für mich nicht in die Tüte. Das Ganze geht auf meine Schulzeit zurück. Ich habe bei den ortsansässigen Bauern nach dem Unterricht den ganzen Tag Kartoffeln aufgelesen. Dafür bekam man sechs Mark. Das hat gereicht, um mit dem Zug nach Dortmund zu fahren und sich eine Jugendkarte zu kaufen. Ab dann habe ich kaum ein Heimspiel verpasst.

SPOX: Nach der Schulzeit haben Sie eine Lehre zum Elektriker gemacht, bis Sie von 1962 bis 1968 bei der Bundeswehr waren. Wann kam das Thema Busfahren zum ersten Mal auf?

Wiegandt: Ich habe alle meine Führerscheine beim Bund gemacht, auch den Busschein. Als ich entlassen wurde, habe ich alles umschreiben lassen und bei uns in der Nähe bei einem Busunternehmen angefangen. 1970 habe ich meine Frau Ulla geheiratet und bin anschließend zum Busunternehmen Quecke gewechselt, weil da Teile meiner Verwandtschaft arbeiteten. Dort bin ich über 15 Jahre lang Linienbus in Schwerte, Unna und Hagen gefahren - und nebenbei immer ins Stadion gegangen.

Wiegandt über seinen Start beim BVB und seinen Spitznamen "Bomber"

SPOX: 1982 fingen Sie beim BVB an und lösten den legendären Busfahrer Jupp Wietlake ab, der die Dortmunder jahrzehntelang fuhr. Woher wussten Sie, dass diese Stelle zu haben ist?

Wiegandt: Mein Vater hatte gemeinsam mit meiner Schwiegermutter ein Toto-Lotto-Geschäft geführt. Dank des leider kürzlich verstorbenen ehemaligen BVB-Spielers Hoppy Kurrat bekamen wir 1971 auch einen Kartenvorverkauf für Spiele der Borussia in den Laden. Er hatte eine Gaststätte, in der wir häufig aßen, er hat wiederum bei uns Lotto gespielt. Ich bin zu der Zeit häufig nach Dortmund gefahren und habe in der damaligen Geschäftsstelle unter der Nordtribüne die Abrechnung für die Karten gemacht. Dadurch hörte ich, dass der Busfahrer aufhören wird. Ich habe dann eine klassische Bewerbung abgeschickt.

SPOX: Wie sah die Rückmeldung aus?

Wiegandt: Jemand vom BVB rief mich kurz darauf an. Sie wollten, dass ich gleich am nächsten Wochenende mit zum Auswärtsspiel nach Karlsruhe fahre. Jupp Wietlake fuhr bis kurz nach Siegen, den Rest der Strecke habe ich übernommen. Nach der Partie ging's wieder in Arbeitsteilung zurück. Nach der Fahrt hat der Vorstand die beiden Kapitäne Manni Burgsmüller und Rolf Rüssmann gefragt, die direkt hinter dem Busfahrer saßen, wie ich mich geschlagen hätte. Sie wussten ja, dass Jupp aufhören wird und meinten nur: Den nehmen wir.

SPOX: Kurz darauf nannte Sie beim BVB jeder nur "Bomber". Lag das daran, dass Sie früher selbst erfolgreich Amateurfußball bei den Sportfreunden Sölderholz gespielt haben?

Wiegandt: Genau. Ich hatte einen Mitspieler, der bei der Polizei gearbeitet hat. Der hielt eines Tages den BVB-Spieler Bernd Klotz an, als dieser zu schnell fuhr. Bevor er ihn wieder weiterfahren ließ, sagte er noch: Grüßen Sie mir den Bomber! Klotz wusste von nichts und meinte: Welcher Bomber? Der Wiegandt heißt in unserem Verein Bomber, sagte mein Mitspieler. Und ab dem nächsten Tag hat mich beim BVB niemand mehr Hartmut genannt.

SPOX: Wie kann man sich den Bomber als Mittelstürmer vorstellen?

Wiegandt: Ich hatte vor allem einen wuchtigen Schuss. Früher war ich auch deutlich kräftiger und habe mich immer schön breitgemacht. Ich spielte bis zur Amateur-Oberliga und habe sogar zwei Spiele zusammen mit dem ehemaligen BVB-Kapitän Wolfgang Paul absolviert. Später wurde ich Obmann des Vereins und habe auch noch mit 40 und über 100 Kilo in Notfällen immer wieder ausgeholfen. Die Zuschauer riefen: Jungs, deckt den Vereinswirt! (lacht) Als ich bei der Borussia anfing, habe ich aber die Schuhe an den Nagel gehängt.

Hartmut "Bomber" Wiegandt und seine Titelsammlung mit dem BVB

TitelJahr
Deutscher Meister1995, 1996
DFB-Pokal1989
DFL-Supercup1989, 1995, 1996
Champions League1997

SPOX: Hätten Sie in dieser Anfangszeit gedacht, eines Tages einmal eine derartige Rolle beim BVB einzunehmen?

Wiegandt: Nicht im Traum.

SPOX: Kaum waren Sie Busfahrer, haben Sie auch den Job als Zeugwart übernommen. Wie kam das zustande?

Wiegandt: Jupp Wietlake und Zeugwart Walter Betzer waren schon ältere Semester. 1984 hörte dann auch Betzer auf. Ich hatte ihm sowieso immer geholfen, weil ich nicht wirklich ausgelastet war. Er hatte mir gezeigt, wie man die Klamotten vor dem Training auslegt, welche Schuhnummern zu welchen Trikotnummern gehören und so weiter.

SPOX: Hatten Sie Unterstützung?

Wiegandt: Nein. Ich wollte auch keinen, der mir dazwischenfunkt. Wenn ich es mache, dann alleine, habe ich immer gesagt. So musste ich keinen anscheißen und war für alles selbst verantwortlich. Das war aber eine Maloche, sage ich Ihnen. Wenn du da in der Nacht aus Hamburg vom Spiel gekommen bist, durfte ich am nächsten Morgen die Leder-Fußballschuhe alle einzeln putzen, Spanner rein und dann ab damit in den Trockenraum. Da habe ich keinen anderen rangelassen. Meine Frau hat immer gesagt: Du bist vielleicht bescheuert, irgendwann liegst du vorm Bus. (lacht)

Wiegandt über seinen Alltag als Busfahrer und Zeugwart beim BVB

SPOX: Was kam noch auf Sie zu?

Wiegandt: Metallkörbe mit Kleidung schleppen beispielsweise. Der BVB hatte in den 1980er Jahren kaum Geld, das wurde erst mit dem Pokalsieg 1989 besser. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich das so nicht mehr machen werde. Alle anderen hatten Kisten und Körbe mit Rollen, ich aber musste selbst schleppen und danach noch den Bus fahren. Und dann haben sie mich noch geneckt, dass ich abends beim Essen immer so reinhauen würde.

SPOX: Wann ging der Tag an einem Spieltag los?

Wiegandt: Ich habe zwischen 7 und 7.30 Uhr gefrühstückt und war immer der Erste, auch am Trainingsgelände. Anschließend bin ich mit dem Bus ins Stadion gefahren. Dort habe ich die Kabine aufgeschlossen und in aller Ruhe alles fürs Spiel vorbereitet. Danach wieder zurück ins Mannschaftshotel, Mittagessen, Verkehrslage checken und zwischen 13.30 und 14 Uhr ging es mit der Mannschaft ins Stadion. Da musste man höllisch aufpassen, nicht in einen Stau zu geraten. Wenn das passiert ist, haben mich die Jungs von hinten im Bus immer mit Sprüchen eingedeckt.

SPOX: Und wie sah der Alltag in der Trainingswoche aus?

Wiegandt: Morgens habe ich erst alles fürs Training ausgelegt. Danach wieder alles einsammeln, ab damit in die Wäscherei und wieder alles auslegen für das Nachmittagstraining. Wir hatten auch drei, vier Ausstattungssets, so dass ich während des späten Trainings schon alles für den nächsten Morgen vorbereiten konnte. So habe ich mir ein paar zeitliche Puffer einbauen können. Feierabend hatte ich meist zwischen 18 und 19 Uhr.

Seite 1: Wiegandt über Kartoffeln auflesen für den BVB, seinen Spitznamen und den Alltag

Seite 2: Wiegandt über Trikots für Polizisten, Dosenbier im Bus und den Zitronenkuchen

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