Licht am Ende des Tunnels?

Freitag, 07.07.2017 | 15:29 Uhr
Mario Götze steht bei Borussia Dortmund vor einer ungewissen Zukunft
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Nach einer gut fünfmonatigen Reha aufgrund einer Stoffwechselerkrankung steigt Mario Götze bei Borussia Dortmund am Freitag wieder in die Vorbereitung ein. Das Comeback des WM-Helden ist eine emotionale, gute Nachricht. Jedoch hat er noch einen langen Weg mit vielen Fragezeichen vor sich.

159 Tage. So lange ist es her, dass Mario Götze letztmals in einem Pflichtspiel für Borussia Dortmund auf dem Platz stand. Am 29. Januar kam die Nummer 10 des BVB beim Auswärtsspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 in der 66. Minute für Raphael Guerreiro ins Spiel.

In seiner knappen halben Stunde Einsatzzeit blieb der Weltmeister ohne Durchschlagskraft und kam nicht mehr in die Zweikämpfe. Einer von vielen durchwachsenen Auftritten des Sommer-Rückkehrers in der vergangenen Saison. Götze stand auf dem Platz, als den Mainzern noch der 1:1-Ausgleich gelang und der BVB dadurch zwischenzeitlich Platz drei vergeigte.

Letztlich war es keine denkwürdige Partie im Saisonverlauf der Schwarzgelben. Und eigentlich auch nicht wirklich eine denkwürdige und sonderlich spektakuläre Partie in Götzes Karriere.

Und doch markiert sie einen Einschnitt, war es doch das bis dato letzte Mal, dass der 25-Jährige für den BVB spielte.

Mario Götzes Stoffwechselerkrankung diagnostiziert

Im Anschluss fiel er zunächst mit Adduktorenbeschwerden, dann wegen muskulärer Probleme aus. Ende Februar stellte sich dann auch heraus, woher die häufigen Verletzungen und die Gewichtsprobleme des Nationalspielers kamen. Diagnose: Stoffwechselerkrankung. Götze wurde auf unbestimmte Zeit aus dem Training genommen.

Der Spott und die scharfe Kritik von Fans und Medien über die schwache Saison (16 Pflichtspiele, zwei Tore, zwei Assists) des Rückkehrers wichen.

Stattdessen verbreitete sich eine allgemeine Sorge.

Während sich die Ereignisse beim BVB in der ersten Jahreshälfte überschlugen (Sprengstoffanschlag, interne Streitereien, Pokalsieg, Trennung von Thomas Tuchel), war es um das einst gehypete Wunderkind still. Er zog sich zurück, besuchte keine Spiele mehr, reiste auch für das DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt nicht nach Berlin. Er mied die Öffentlichkeit, um sich voll und ganz auf seine Therapie und die anschließende Genesung zu konzentrieren.

Götze arbeitet sich in fünfmonatiger Reha wieder heran

In einer gut fünfmonatigen Reha arbeitete er sich langsam wieder heran. Götze absolvierte individuelle Einheiten, immer wieder postete er über seine Social-Media-Kanäle Bilder von Laufeinheiten oder Kraftübungen. Peu a peu trainierte er die überschüssigen Kilos ab. Die Bilder zeigten: Götze nähert sich der Form seiner besten Zeiten, hat einen definierten Oberkörper, schlankere Beine, Idealgewicht.

Schließlich verkündete Götze am Donnerstag, in die "dritte Phase" seines Reha-Programms einsteigen zu können: "Das bedeutet: Mit meinen BVB-Teamkollegen den Leistungstest zu absolvieren und dann in den nächsten Tagen ins Training einzusteigen. Ich freue mich unendlich, wieder auf dem Platz zu stehen und bald in unserem Tempel wieder Fußball spielen zu können."

BVB startet als letztes Bundesliga-Team in die Vorbereitung

Am Freitagmorgen war es dann tatsächlich soweit: Der BVB startete als letztes Bundesligateam in die Saisonvorbereitung - mit Götze. Dieser fuhr um 8.53 Uhr am Trainingsgelände in Dortmund-Brackel vor. Neben Dan-Axel Zagadou und Ömer Toprak als gefühlter dritter Neuzugang (in Abwesenheit von Mo Dahoud und Maximilian Philipp, die wegen der U21-EM noch im Urlaub sind). Anschließend fuhren die Spieler in Fünfergruppen zur Leistungsdiagnostik in der Helmut-Körnig-Halle an der Strobelallee.

Im Laufe des Vormittags twitterte der BVB über seinen offiziellen Kanal Videos von den Tests, darunter eines von der Laufgruppe um Andre Schürrle, Marc Bartra, Christian Pulisic und Nuri Sahin, beinahe demonstrativ angeführt von einem fit wirkenden Mario Götze.

BVB-Pressesprecher: Alles "gut verlaufen"

Pressesprecher Sascha Fligge bestätigte hinterher, alles sei "gut verlaufen".

Der erste Schritt auf Götzes weitem Weg zurück ist getan, das Licht am Ende des Tunnels wird heller. Bereits am Wochenende soll er die ersten Einheiten mit der Mannschaft bestreiten.

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke trat jedoch auf die Euphoriebremse: "Ich freue mich sehr für Mario und natürlich auch für unseren BVB. Angesichts der schweren Monate, die hinter ihm liegen", fügte er jedoch an, "sollten wir alle, auch die Medien, eine realistische Erwartungshaltung an den Tag legen."

"Ich freue mich jetzt erstmal, dass er wieder bei uns in der Trainingsgruppe ist", sagte auch Sportdirektor Michael Zorc gegenüber Reviersport, um ebenfalls den Druck herauszunehmen: "Jetzt schauen wir mal, wie die Belastungen toleriert werden - dann sehen wir weiter."

Hans-Joachim Watzke: Mario Götze in Topform elementarer Bestandteil

Klar ist: "Mario in Topform wäre ein elementarer Bestandteil dieser Mannschaft", wie Watzke bereits vor Monaten herausstellte.

Klar ist allerdings auch, dass Götze - unabhängig von seinem Namen und seiner Historie im Verein - erst einmal bei Null anfängt, zumal mit Peter Bosz ein neuer Trainer das Ruder übernommen hat, dessen genauer Plan und dessen Spielsystem sich erst im Laufe der Vorbereitung abzeichnen werden.

Bei Ajax legte Bosz in seinem 4-3-3-System großen Wert auf Geschwindigkeit, hohes Pressing, schnelle Zurückeroberung bei Ballverlust und schnelles Umschaltspiel. Eine Spielweise, zu der Mario Götze grundsätzlich fähig ist - das bewies er in seinen besten Zeiten unter Jürgen Klopp. Jedoch braucht er 100-prozentige körperliche Fitness, um diese auf den Platz bringen zu können. Dass er auf dem Weg dorthin ist, deuteten die letzten Bilder an.

Sich in Dortmund allerdings wieder so unverzichtbar zu machen, wie er es einst vor seinem Wechsel zum FC Bayern München war, wird dennoch ein langer Weg.

BVB-Kader hat starke Alternativen im Mittelfeld und Sturm

Im Kader des BVB befindet sich nämlich eine Schwemme an starken Offensivspielern. Unter Spielern wie Ousmane Dembele, Christian Pulisic, Shinji Kagawa, Marco Reus, Pierre-Emerick Aubameyang, Maximilian Philipp oder Andre Schürrle muss sich Götze seinen Stammplatz erst einmal erarbeiten.

Auch im zentralen Mittelfeld tummelt sich mit Julian Weigl, Raphael Guerreiro, Gonzalo Castro, Nuri Sahin oder Neuzugang Mo Dahoud prominente Konkurrenz.

Für den BVB eine Luxussituation, für Götze - je nach Blickwinkel - Fluch und Segen. Einerseits weiß er, dass er nicht von 0 auf 100 funktionieren und bereits ab dem 1. Spieltag Bäume ausreißen muss. Der Kader bietet ihm die von Watzke geforderte Zeit, um sich langsam wieder an seine Topform heranzurobben.

Andererseits muss Götze eben diese Topform auch erreichen, wenn er wieder zum unverzichtbaren Stammspieler im schwarzgelben Gefüge werden will.

Weil Reus voraussichtlich bis Anfang 2018 und Weigl bis in den Herbst ausfällt, eröffnet Götze Möglichkeiten, seine Glanzmomente bereits in der Hinrunde zu setzen.

Joachim Löw sichert Götze einen Nationalmannschafts-Platz zu

Dass Götze zukünftig bei der deutschen Nationalmannschaft aller Voraussicht nach auch wieder eine Rolle spielen wird, hatte Bundestrainer Joachim Löw erst kürzlich bestätigt: "Für mich ist er ein außergewöhnlicher Fußballer. Wenn er seine Qualität umsetzen kann, ist er für mich ein Spieler, den ich nicht so einfach fallen lasse."

Bei ihm beginne nicht jeder Spieler bei Null, Götze gehöre zu jenen, die einen gewissen Bonus genössen.

Der Bundestrainer gibt Mario Götze also Zeit. Der BVB gibt ihm Zeit. Er selbst gibt sich Zeit. Der erste Schritt ist getan, das Licht am Ende des Tunnels in Sicht. Aus dem Tunnel heraussprinten kann jedoch nur einer: Götze selbst.

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