Der nächste Kaltstart

Von Jan-Luc Treumann
Mittwoch, 22.06.2016 | 13:46 Uhr
Raphael Guerreiro hat für Portugals Nationalmannschaft schon vier Mal getroffen
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Borussia Dortmund ist im Jugendwahn. Einer der Neuen ist der Portugiese Raphael Guerreiro, der bei der Europameisterschaft gerade mit der Selecao um den Einzug in die K.o.-Runde kämpft (Portugal - Ungarn, 18 Uhr im LIVETICKER). Der 22-Jährige hat einen steilen Aufstieg in Frankreich hingelegt und bringt viele Eigenschaften mit, die ihn für den BVB wertvoll machen könnten.

Wenn ein junger Spieler sein Debüt feiert, wird er meist langsam herangeführt. Er wird in der Schlussphase eines Spiels einwechselt, in dem es oft um nichts mehr geht und darf schon mal Profiluft schnuppern. Doch nicht alle Debüts junger Talente fallen so aus. Das gilt auch für Raphael Guerreiro.

Im Sommer 2012 kam er aus der zweiten Mannschaft des SM Caen zu den Profis. Ende Juli gab er sein Debüt über 90 Minuten. Ein Jahr später wechselte er für 2,5 Millionen Euro zum FC Lorient und startete genauso in der Ligue 1 durch: Abgesehen von vier Spielen, in denen er wegen einer Verletzung pausieren musste, machte er sonst jedes Ligaspiel von Beginn an und über die volle Spielzeit. Langsames Heranführen? Fehlanzeige!

Auf internationaler Bühne lief es ähnlich. Auch bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft gegen Armenien spielte er 90 Minuten lang.

Beim zweiten Spiel für Portugal stand er zwar nicht ganz so lang auf dem Rasen, dafür konnte er für ein Highlight sorgen: Im Freundschaftsspiel gegen Argentinien schien es auf ein torloses Remis hinauszulaufen, als Guerreiro in der Nachspielzeit mit einem Flugkopfball doch noch den Sieg herausholte. Nicht Ronaldo, nicht Messi, sondern Guerreiro traf im Old Trafford. Besser kann ein Start mit der Nationalmannschaft kaum verlaufen.

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All das, obwohl Guerreiro kaum Portugiesisch sprach, als er zur Nationalmannschaft kam. Guerreiro wurde in Blanc-Mesnil geboren und wuchs in Frankreich auf. Seine Mutter ist Französin, der Vater kommt aus Portugal.

"Wir sind froh, dass er sich für Dortmund entschieden hat."

Ab dem 1. Juli wird Raphael Guerreiro bei Dortmund unter Vertrag stehen. Der Benfica-Fan ist ein flexibler Spieler, kann alle Positionen auf der linken Seite spielen. In seiner Jugend stand er oft als Linksaußen auf dem Platz, inzwischen ist er nach hinten in die Rolle des Außenverteidigers gewandert.

Sportdirektor Michael Zorc lobte: "Raphael Guerreiro ist ein technisch versierter Spieler, der sich auf mehreren Positionen zu Hause fühlt. Wir sind sehr froh, dass er sich für Borussia Dortmund entschieden hat." Doch Guerreiro ist nicht nur technisch stark, die wohl größte Stärke ist sein Tempo, mit dem er an seinem Gegenspieler vorbei und nach innen zieht.

Neuzugang mit Vorwärtsdrang

Der Portugiese ist zudem ein guter Dribbler und verfügt auch über ein enorm sicheres Passspiel. Sowohl in der Liga als auch bei der laufenden Europameisterschaft in Frankreich liegt seine Passquote bei 85 Prozent. Hinzukommt ein gutes Antizipationsvermögen, das ihm im Umschaltverhalten zugute kommt.

Beim BVB wird Guerreiro diese Flexibilität womöglich gleich zum Start hilfreich sein, denn schließlich muss abgewartet werden, wie schnell Marco Reus wieder fit wird und in welcher Form er sich nach der Reha befindet. Das könnte die Chance für den Neuzugang sein, sich auf der linken Außenbahn in Szene zu spielen.

Für Lorient stand Guerreiro 111 Mal auf dem Platz, erzielte dabei zehn Tore und bereitet acht weitere vor. Seine Bilanz in der Nationalmannschaft ist sogar noch besser: Vier Tore und zwei Assists stehen nach 18 Einsätzen zu Buche.

Guerreiros Stärke ist sein Tempo

Noch weilt Guerreiro mit der portugiesischen Nationalmannschaft in Frankreich und hofft auf den Einzug ins Achtelfinale. In den Gruppenspielen war der Linksverteidiger gesetzt und ließ sein großes Potenzial immer wieder aufblitzen. Gegen Österreich hätte es nach feinem Doppelpass mit Nani auch fast für eine Torbeteiligung gereicht, doch Cristiano Ronaldo konnte seine Vorarbeit nicht verwerten.

Beim BVB könnte Guerreiro längerfristig wohl Marcel Schmelzer ersetzen, doch ein reiner Transfer für die Zukunft ist er wie erwähnt nicht. Arbeiten muss der Flügelflitzer zwingend noch an seiner Physis. Das Leichtgewicht (1,70 m/67 kg) hat sichtlich Probleme mit körperlich starken Gegenspielern.

"Schwer zu verstehen"

Mit der Verpflichtung von Guerreiro hat sich Dortmund offensichtlich gut verstärkt. Zwölf Millionen Euro wurden an den FC Lorient überwiesen, der das erste Angebot aus Dortmund laut SportBild abgelehnt hatte. Der BVB soll mit seiner Verpflichtung Barcelona, Arsenal und Liverpool ausgestochen haben.

Inzwischen löst eine Zwölf-Millionen-Ablöse kaum mehr als ein Achselzucken aus, doch Guerreiro ist offenbar noch nicht so abgebrüht: "Als ich aus Caen nach Lorient ging, war es schwer zu verstehen, dass ich drei Millionen Euro wert bin. Das ist viel Geld für einen Spieler, der noch dazu aus der zweiten Liga kommt. Meine Eltern waren noch überraschter als ich."

Guerreiro stammt aus einfachen Verhältnissen und ist bescheiden, er weiß allerdings auch: Die Ablöse "kann dich angeberisch machen, aber es gibt dir auch Selbstvertrauen".

Davon wird er jede Menge brauchen, um sich in der Bundesliga zu etablieren und zu behaupten. Doch Kaltstarts ist Raphael Guerreiro ja gewohnt.

Raphael Guerreiro im Steckbrief

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