Werder nach dem Di-Santo-Wechsel

Pizza oder Risiko?

Dienstag, 28.07.2015 | 18:13 Uhr
Thomas Eichin steckt nach Di Santos später Entscheidung in einem Dilemma
© getty
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Franco Di Santo hat bei Werder mit seinem Last-Minute-Wechsel zu Schalke eine große Lücke hinterlassen. Kurz vor Saisonbeginn fehlt den Bremern ein Stürmer. Problem: Der Markt ist ausgedünnt. Allerdings wäre auch eine interne Lösung denkbar.

Thomas Eichin hatte am Tag der Saisoneröffnung beim SV Werder Bremen keinen Kopf für die sintflutartigen Regenfälle. Der Manager beschäftigte sich mit einem ganz anderen Problem und war längst auf der Suche nach einer Lösung. Wer könnte Franco Di Santos Rolle einnehmen? Welcher Angreifer ist noch auf dem Markt? Oder vielleicht doch eine interne Lösung? Wer kann uns helfen? Kurzfristig, langfristig, überhaupt?

"Rund 100 Stürmer sind mir angeboten worden", berichtet der Geschäftsführer im Kicker: "Allein in der ersten Stunde waren es 60 oder 70." Natürlich hatten die Bremer zu Beginn des Sommers einige sinnvolle Alternativen in der Schublade, doch nach und nach verabschiedete sich von Plan B-Z fast jeder einzelne Buchstabe. "Wir haben viel geblockt für Franco", so Eichin: "Gute Stürmer warten aber nicht."

Die Fußball-Romantiker von der Weser glaubten an ein Happy End der Verhandlungs-Saga, wollten ihre Lebensversicherung unbedingt halten. Doch Di Santo spielte falsch. Er hielt die Bremer trotz mehrfach verbesserter Angebote hin und beteuerte immer wieder, bleiben zu wollen.

Im Umfeld des Klubs gingen alle davon aus, dass Di Santo auch kommende Saison das weiße W auf grünem Grund über dem Herzen tragen würde. Selbst die Spieler erwarteten am Wochenende in ihrem Twitter-Feed ein schlecht geschossenes Smartphone-Foto zu finden, auf dem der 26-Jährige seinen Namen unter die Verlängerung setzt. Doch es kam anders. Dabei hatten Eichin und Co. alles Mögliche getan. Sogar mehr als das.

Gefährliche Kursänderung

Für ihren 13-Tore-Mann der vergangenen Saison warfen die Verantwortlichen selbst die Richtlinien des eigens verordneten Konsolidierungskurses über Bord. Vier Millionen Euro Jahresgehalt boten die Grün-Weißen Di Santo laut der stets gut informierten Syker Kreiszeitung - die gleiche Summe, die Di Santo nun von den Knappen überwiesen bekommt. Es war ein letzter Akt der Verzweiflung.

Nach den bitteren Erfahrungen mit unverhältnismäßigen Gehältern im Anschluss an die erfolgreichen internationalen Zeiten um die Jahrtausendwende hatte Werder in den letzten Jahren eigentlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Dass die Bremer für Di Santo die Schmerzgrenze dermaßen weit überschritten, zeigt das Ausmaß des Dilemmas, in das der Angreifer den Klub mit seiner späten Entscheidung zwingt.

Last Ujah Standing

Nun ist Werder zum Handeln gezwungen. Am ersten Augustwochenende starten die Bremer im DFB-Pokal gegen die Würzburger Kickers in die neue Saison, mit Neuzugang Anthony Ujah steht derzeit nur ein einziger echter Angreifer zur Verfügung.

Zuversichtlich erteilten die Bremer Nils Petersen vergangenen Monat die Freigabe für einen Wechsel nach Freiburg, Davie Selke wurde im Tausch gegen acht Millionen Euro nach Leipzig verschifft. Nachwuchs-Talent Melvyn Lorenzen arbeitet nach einem Knorpelschaden im Knie und anschließender Operation noch immer an seinem Comeback. Welche Möglichkeiten bleiben?

Ein Stürmer zum Mitnehmen

Das Anforderungsprofil für die vakante Position hat Sportdirektor Rouven Schröder bereits erläutert: Zehn Tore soll er machen, gestandener Profi sein und am besten Deutsch sprechen. Das Ganze wenige Tage vor Saisonbeginn und wenn möglich, günstig zu bekommen.

Der Markt ist bereits annähernd ausgetrocknet, zudem sollen die 5,7 Millionen Euro Ablöse des Transfers (300.000 Euro fließen an Di Santo selbst) nicht komplett reinvestiert werden. Die ersten Gerüchte ranken sich daher um Zweitliga-Profis und Kandidaten, die das Tor zuletzt öfter verfehlten als trafen.

Rouwen Hennings, Unterhaus-Torschützenkönig vom Karlsruher SC, wäre eine naheliegende Option und für geschätzte drei Millionen Euro zu haben. Allerdings gibt es Zweifel an seiner Erstliga-Tauglichkeit. Emil Berggreen von Eintracht Braunschweig soll dieselbe Summe kosten. Der 22-Jährige Däne besitzt zwar Potenzial, er absolvierte in der zweiten Liga aber erst vier Einsätze über 90 Minuten. Dem ebenfalls interessierten HSV war das Risiko den stattlichen Batzen Kohle nicht wert.

Die ersten Körbe

Simon Zoller steht nicht erst seit Samstag auf der Werder-Einkaufsliste, diesen Sommer wird es mit einem Engagement im Norden aber wohl wieder nichts. Zoller darf sich aufgrund der starken Vorbereitung diese Saison Hoffnungen auf eine tragende Rolle in Köln machen, zudem dementierte sein Berater Markus Peter jegliche Wechsel-Absichten.

Ebenfalls eine Abfuhr holten sich die Bremer bei Robert Beric, der für Rapid Wien vergangene Saison in 33 Spielen 27 Tore schoss. Sportdirektor Andreas Müller redete nicht lange um den berühmten Brei herum: "Wir wollen ihn nicht verkaufen. Wir planen mit ihm." Ungeachtet dieser Standard-Phrase liegen die kolportierten fünf Millionen Euro Ablöse zudem über Werders Budget.

Bosnische Renaissance?

Der Name Vedad Ibisevic stand einst für Torgefahr und Sahne-Freistöße, beim VfB Stuttgart ist der Bosnier letzte Saison auf dem Abstellgleis gelandet. Zu VfB-Manager Robin Dutt gab es angeblich schon Kontakt. Von den aufgerufenen vier Millionen Euro müssten sich die Schwaben allerdings verabschieden.

Ginge es nach den Fans würde am besten morgen das gefühlt 17. Intermezzo von Claudio Pizarro an der Weser beginnen. Der Peruaner hat bei den Bayern keinen neuen Vertrag erhalten und wäre ablösefrei zu haben. Das Problem: Pizza möchte mit seiner Familie am liebsten in München bleiben, verhandelte deshalb wohl sogar mit 1860 über ein Engagement in Liga zwei.

Vor allem aufgrund der Verletzungsanfälligkeit seines 36-jährigen Körpers hält sich Werder mit Liebes-Bekundungen noch zurück. Eichin ließ aber verlauten, "dass auch ein älterer Stürmer ins Konzept passe". Das Management will sich derzeit alle Optionen offen halten - auch eine interne Lösung.

Die Özil-Lösung

Im letzten Test gegen Sevilla durfte Fin Bartels den Di-Santo-Ersatz geben - und er machte seine Sache ordentlich. Nach seinem Einsatz sagte er: "Ich bin bereit, ich fülle die Aufgabe als zweite Spitze gern aus, wenn es soweit kommt." Als Teil des gut aufgestellten offensiven Mittelfelds ist der 28-Jährige definitiv ein Kandidat für die interne Lösung als hängende Spitze. Ebenso Levin Öztunali.

Allerdings wird seine Kreativität im Mittelfeld gebraucht - auch, wenn sich Ujah mit einem spielenden Stürmer an seiner Seite sicher wohl fühlen würde.

Und der Rest? Izet Hajrovic, Eljero Elia und Ludovic Obraniak sind eher Kandidaten für einen Wechsel als für eine Beförderung.

Die Raute lebt

Ein System mit nur einer Spitze steht laut Trainer Viktor Skripnik nicht zur Debatte: "Die Raute hat nichts mit Di Santo zu tun", so der Coach vor seiner zweiten Saison mit Werder. Die Entscheidung für eine interne Lösung birgt das Risiko, die durch Di Santo gerade erst zurückgewonnene Torgefährlichkeit gleich wieder zu verlieren.

Thomas Eichin ist aufgrund der prekären Situation aber noch nicht in Torschlusspanik verfallen und will gemäß dem Bremer Mantra der Ruhe erst einmal abwarten: "Wer jetzt cool bleibt, bekommt am Ende vielleicht den Besseren", so der Geschäftsführer und schielt dabei mit einem Auge ins Ausland.

Der neue Cover-Boy

Franco Di Santo reiht sich mit seinem Wechsel gleich in zwei Bremer Serien ein. So könnte er beispielsweise das Cover des bisher nicht veröffentlichen Werks "Werder-Abschiede mit fadem Beigeschmack" zieren. In den weiteren Hauptrollen: Miroslav Klose und Mesut Özil. Untertitel: "Von Geheim-Verhandlungen am Flughafen, Treuebekenntnissen und forcierten Wechseln zu ungünstigen Zeitpunkten".

Gleichzeitig führt der Argentinier die Abwanderung der besten Werder-Kräfte zu S04 fort: Oliver Reck, Fabian Ernst, Mladen Krstajic, Frank Rost und natürlich Ailton, der als sich amtierender Torschützenkönig und Fußballer des Jahres Richtung Gelsenkirchen verabschiedete.

Bei Twitter tauchte kurz nach Di Santos Wechsel übrigens eine alte Werbe-Anzeige vom brasilianischen Kugelblitz auf. Der Slogan: "Woanders hingehen immer Fehler". Zumindest aus Sicht der Werder-Fans, war Di Santos Schritt falsch. Das werden sie den Argentinier am 1. Spieltag vermutlich spüren lassen. Dann empfängt Werder den FC Schalke 04 im Weserstadion.

Der Werder-Kader im Überblick

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