Schwere Ausschreitungen beim Revierderby

SID
Sonntag, 21.10.2012 | 18:01 Uhr
Der Einsatzleiter der Polizei spricht von "Ignoranz gegenüber geltenden Gesetzen"
© Getty
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Schwere Ausschreitungen haben das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 am Samstag überschattet und im deutschen Fußball das Dauerthema Gewalt wieder auf die Tagesordnung gebracht.

Rund um das 141. Derby, das Schalke mit 2:1 gewann, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fan-Gruppen, die die Polizei unter massivem Einsatz von Wasserwerfern und Pfefferspray eindämmen musste. Die Bilanz eines ernüchternden Tages: acht verletzte Polizeibeamte, rund 200 vorübergehende Festnahmen und große Sachschäden.

"Die Dortmunder Polizei fühlt sich bei ihrer Lageeinschätzung, dass es bei dem Aufeinandertreffen rivalisierender Gruppen zu massiven Gewalttätigkeiten kommt und ein hoher Kräfteansatz erforderlich ist, bestätigt", sagte der leitende Polizeidirektor Dieter Keil. Über 1.000 Beamte waren im Einsatz, etwa viermal so viele wie bei normalen Bundesliga-Spielen in Dortmund. Keil bewertete das Auftreten der Ultra-Gruppierungen als rücksichtslos, er sprach von einer "Ignoranz gegenüber geltenden Gesetzen und den im Fußball anerkannten Regeln". Es seien "gravierende Straftaten verübt" worden. Dies werde laut Keil strafrechtlich konsequent verfolgt.

Bengalos, Handfackeln & Co

Die Polizei erklärte, dass die Randale regelrecht organisiert gewesen sei, die Initiatoren seien mehrheitlich aus dem Schalker Lager gekommen. Demzufolge waren vor dem Spiel rund 600 Schalker Anhänger "konspirativ" nach Dortmund angereist. Sie hätten sich in der Nähe der Arena gesammelt und dann auf dem Stadion-Vorplatz gegnerische Fans angegriffen, hieß es. Dortmunder Ultragruppierungen wiederum seien mit Flaschen und Farbbeuteln bewaffnet auf die Gegenseite losgegangen. Die Täter seien zum Teil vermummt gewesen, unbeteiligte und friedliche Zuschauer angegriffen worden. Die Polizei musste massiv gegen die Gewalttäter vorgehen.

"Nur durch den Einsatz eines Wasserwerfers und von Pfefferspray in der Vorspielphase konnte ein weiteres Eskalieren der Situation verhindert werden", sagte Keil. Während des Spiels wurde im Schalker Fanblock auf der Nordtribüne Pyrotechnik gezündet und eine Dortmunder Fahne ausgerollt. Die Polizei konnte aber ein Eindringen einiger aufgebrachter BVB-Anhänger auf die Gästeränge verhindern. Mithilfe der Videoüberwachung sollen die Täter nun ermittelt werden. Im Rahmen der Festnahmen stellten die Einsatzkräfte nach eigenen Angaben ein ganzes Arsenal an Pyrotechnik wie Bengalos, Handfackeln und Rauchpulver sowie Pfefferspray, Quarzhandschuhe, Sturmhauben und Beißschienen sicher.

Frankfurts Boss Bruchhagen sieht einen "Flächenbrand"

Die Auswüchse in Dortmund bestätigten einmal mehr, dass die Gewalt einen großen Schatten auf die ansonsten prächtigen Entwicklungen in allen Bereichen des deutschen Fußballs wirft. Heribert Bruchhagen, Vorstandschef des Bundesliga-Zweiten Eintracht Frankfurt sprach erst vor kurzem von einem "Flächenbrand". Er sei bei "dieser Problematik ratlos". Peter Hofmann, Präsident von 1899 Hoffenheim, sieht in gewaltbereiten Fans "Fußball-Terroristen". Amtskollege Martin Kind von Hannover 96 hatte nach den Beschimpfungen gegen Emanuel Pogatetz Teile der eigenen Fans als "Arschlöcher" bezeichnet.

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Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball, zugleich Präsident des deutschen Meisters und Pokalsiegers Borussia Dortmund, sprach vor dem Saisonstart beim Thema Sicherheit von einer "großen Herausforderung. Nicht nur im Fußball haben wir Probleme, sondern es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Dazu brauchen wir den Staat und die Polizei. Und wir brauchen die 99,6 Prozent der Fans, die die restlichen 0,4 Prozent, die Probleme machen, aus dem Stadion verdrängt", sagte Rauball. Mehrfach hat sich in Berlin bereits ein Runder Tisch unter der Leitung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zusammengefunden, in dem Lösungsvorschläge erörtert wurden - bislang offenbar mit wenig Erfolg.

Kritik am Konzeptpapier Stadionsicherheit

Und die Versuche vonseiten der Deutschen Fußball Liga, die zunehmende Gewalt in und um Fußballstadien künftig einzudämmen, stoßen bei den Profiklubs bislang nicht nur auf Zuspruch - im Gegenteil:

Bei den Erst- und Zweitligisten regt sich Widerstand gegen das von einer Kommission der DFL erarbeitete "Konzeptpapier Sicheres Stadionerlebnis". Vorstandsboss Gerd Mäuser vom VfB Stuttgart wird in der "Bild am Sonntag" wie folgt zitiert: "Die Fanbeauftragten sind hier noch nicht gehört worden. Dies muss meiner Meinung nach nachgeholt werden, damit ein solches Arbeitspapier diskussionsfähig und entscheidungsreif wird."

Die geplante Umsetzung der Maßnahmen zur Saison 2013/14 könnte somit problematisch werden. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir den Zeitplan überdenken müssen. Es gibt auch seitens der Polizei große Bedenken", sagte Eintracht Frankfurts Finanz-Vorstand Axel Hellmann, der auch Mitglied der DFL-Kommission ist.

Bis Montag sollen sich die Klubs zu dem Arbeitspapier äußern. Die Zweitligisten Union Berlin, FC St. Pauli und Hertha BSC hatten das Papier bereits abgelehnt. Vor allem die geplanten "Vollkontrollen", bei denen sich Anhänger in Containern komplett ausziehen sollen, stoßen auf Ablehnung.

Die Fakten zum 141. Revierderby

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