Im Schatten der Anderen

Von Daniel Börlein
Montag, 10.10.2011 | 15:10 Uhr
Dieter Hecking (r.) steht nicht so sehr im Rampenlicht wie zum Beispiel Jürgen Klopp
© Getty
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Seit fast zwei Jahren ist Dieter Hecking Coach des 1. FC Nürnberg. Seitdem ging es fast nur bergauf für den Club. Die gute Arbeit des Trainers findet in der Öffentlichkeit allerdings nur wenig Anerkennung. Warum eigentlich?

Immerhin sorgte Michael Oenning beim einen oder anderen noch für gute Laune. Seit Mai diesen Jahres hatte ein Unbekannter auf der Kommunikationsplattform "Twitter" sarkastische Einträge veröffentlicht. Unter dem Namen Michael Oenning.

Der echte Michael Oenning hingegen gab wenig Grund zum Amüsieren. Der 46-Jährige stand mit dem Hamburger SV nach sechs Spieltagen am Tabellenende und hatte in seiner sechsmonatigen Amtszeit gerade mal einen Sieg gelandet. Gute Laune beim HSV? Fehlanzeige! So zogen die Verantwortlichen Mitte September die Konsequenzen und entließen Oenning.

Den Trainerposten in Hamburg hat seitdem Rudolfo Esteban Cardoso übernommen, allerdings nur interimsweise. Der HSV sucht noch nach der richtigen Lösung. Neben vielen anderen war zuletzt auch ein Name im Gespräch, der bereits bewiesen hat, ein geeigneter Oenning-Nachfolger zu sein: Dieter Hecking.

Beim HSV und auf Schalke im Gespräch

Der 47-Jährige beerbte Oenning im Dezember 2009 als Coach des 1. FC Nürnberg schon einmal. Nun, so hieß es, habe man beim HSV auch über ihn diskutiert. Mit den Gerüchten konfrontiert, wiegelte Hecking selbst allerdings gleich ab. Man könne davon ausgehen, dass er auch im Winter noch Trainer des 1. FC Nürnberg sei.

Trotz des Bekenntnisses zum Club war ihm allerdings anzumerken, dass er sich ob des vermeintlichen oder tatsächlichen Interesses des HSV durchaus geschmeichelt fühlte, zumal ihn laut "Kicker" mit Schalke noch ein zweiter großer Name auf dem Zettel hatte.

In den Monaten zuvor war Heckings Name nur selten gefallen, weder bei der Trainersuche anderer Vereine noch bei der Frage nach den aktuell besten Trainern der Liga.

Klopp und Tuchel im Vordergrund

Aber warum eigentlich? Mit Nürnberg beendete er die vergangene Saison auf einem hervorragenden sechsten Platz und lotste den vermeintlichen Abstiegskandidaten trotz bescheidener Mittel durch eine völlig sorgenfreie Spielzeit. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gehörte allerdings anderen: Jürgen Klopp in Dortmund, Thomas Tuchel in Mainz oder Robin Dutt in Freiburg.

"Die Wahrnehmung bei Trainern, die diese Saison ähnlich erfolgreich waren wie ich, ist vielleicht eine andere. Thomas Tuchel hatte mit den Mainzern die ersten sieben Spieltage für sich, auch Jürgen Klopp ist ein anderer Typ als Dieter Hecking, aber ich habe kein Problem damit, dass die Öffentlichkeit sich mit mir noch nicht so ausgiebig beschäftigt hat", sagte Hecking Ende der letzten Saison in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau".

Am überschaubaren öffentlichen Interesse an seiner Person hat sich allerdings bis heute nichts geändert. Dabei beweist Hecking mit Nürnberg gerade, dass die vergangene Saison keine Eintagsfliege gewesen sein muss, dass er es abermals geschafft hat, eine neue Mannschaft aufzubauen und dass er ein richtig gutes Händchen für Talente hat.

Lob von Hans Meyer

"Das ist alles sensationeller, als es draußen ankommt", sagte Ex-Club-Coach Hans Meyer vor kurzem den "Nürnberger Nachrichten". Der 68-Jährige führte Nürnberg 2007 ebenfalls auf Platz sechs und zum DFB-Pokalsieg und war seitdem der letzte Trainer, der ähnlich erfolgreich wie Hecking bei den Franken arbeitete.

Doch während Meyer für sein Wirken in Nürnberg hochgejubelt wurde, ist man bei Hecking zurückhaltender. Der fünffache Familienvater ist kein Mann der großen Sprüche und niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

"Einer hat mal gesagt, der Dieter Hecking ist einfach nur ein Fußballlehrer, der dem Club mit seiner Art gut tut. Er ist kein Entertainer, kein Hütchenaufsteller, kein Medizinball- und kein Konzepttrainer. Ich sehe mich so", sagt er selbst über sich.

Überall beliebt

Nein, Hecking ist nicht spektakulär. Aber Hecking ist erfolgreich. In Lübeck schaffte er den Aufstieg in die zweite Liga und führte den Klub ins DFB-Pokal-Halbfinale. Mit Alemannia Aachen sorgte er im UEFA-Cup für Furore und stieg in die Bundesliga auf. Hannover 96 rettete er erst vorm Abstieg und etablierte den Klub anschließend in der Bundesliga. Und überall spricht man heute noch anerkennend vom Trainer und Menschen Hecking.

In Nürnberg ist das nicht anders. Der Club-Coach ist voll im Verein integriert. Er tauscht sich mindestens einmal die Woche mit den Jugendtrainern aus, sitzt regelmäßig mit den Vereinsverantwortlichen zusammen, lässt niemanden links liegen und ist bei den Mitarbeitern ob seiner unkomplizierten Art beliebt.

4-1-4-1-System schon lange etabliert

Und sportlich stellt er seit fast zwei Jahren unter Beweis, dass er sich vor den Tuchels und Dutts eigentlich nicht zu verstecken braucht. Seit er die Mannschaft von Oenning übernommen hat, ist eine klare Entwicklung erkennbar, das Team Schritt für Schritt besser geworden.

Im letzten Jahr gaben zehn Bundesliga-Spieler unter 23 Jahren unter Hecking ihr Bundesliga-Debüt, in diesem Jahr kamen vier weitere hinzu. Dass Nürnberg trotzdem erfolgreich ist, spricht vor allem für den Trainer.

Das 4-1-4-1-System, mit dem Joachim Löw bei der Nationalmannschaft zuletzt für Furore sorgte, spielt der Club schon seit rund einem Jahr - zusammen mit Freiburg als eines der ersten Teams in Deutschland. Und defensiv zählt Nürnberg mittlerweile zu den kompaktesten Mannschaften der Liga.

"Er hat wieder Ordnung reingebracht, die Basis für mittlerweile fast zwei fantastische Jahre", sagt Meyer. "Wie Dieter vor allem gegen den Ball spielen lässt, macht Nürnberg zu einem unbequemen Gegner. Für jede Mannschaft."

Das weiß man auch beim Club. Ende Juni wurde Heckings Vertrag vorzeitig verlängert, bis 2014. Bereut hat das bislang noch niemand. Im Gegenteil: Hecking sorgt in Nürnberg für gute Laune. Der echte Hecking.

Dieter Hecking im Steckbrief

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