Bilanz: 100 Tage auf Schalke

Das Raul-Problem: Hol den Vorschlaghammer

Von Haruka Gruber
Freitag, 05.11.2010 | 08:54 Uhr
Schalke-Stürmer Raul spielte 16 Jahre lang für Real Madrid
© Getty
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Falsche Spielweise und fehlende Härte: Raul verliert immer mehr an Rückhalt. Nur Magath hält unbeirrt an ihm fest und vertraut ihm auch im Freitagsspiel gegen den FC St. Pauli (20.15 Uhr im LIVE-TICKER). Aber im Team regt sich Widerstand gegen die Ikone.

Paartherapeuten sind sich einig: Wenn in einer Beziehung der eine Partner den anderen verehrt und diesen über Maße idealisiert, könne dies zu Beginn romantisch und aufregend sein, doch am Ende würde das Miteinander an den überzogenen Erwartungen scheitern. Oder wie es die Band "Wir sind Helden" in ihrem Lied "Denkmal" singt:

"Hol den Vorschlaghammer
Sie haben uns ein Denkmal gebaut
und jeder Vollidiot weiß
dass das die Liebe versaut."

Vor genau 100 Tagen verzichtete der FC Schalke 04 zwar auf die Errichtung eines Denkmals, ansonsten jedoch ließ der Verein nichts unversucht und inszenierte am 28. Juli die spektakulärste Präsentation eines Neuzugangs, die die Bundesliga je sah. Vorgestellt wurde Raul, der erste echte Superstar in der Klub-Geschichte.

Faszination weicht dem Verdruss

Wohl noch nie wurde die Verpflichtung eines Spielers mit derart großen Hoffnungen verknüpft wie die des Spaniers.

Über 100.000 Menschen kamen zur Saisoneröffnung, gleich in der ersten Woche ordnete Schalke die Beflockung von 50.000 Trikots mit der Nummer 7 an, und als Raul beim 3:1-Erfolg  gegen den FC Bayern in der Vorbereitung ein Traumtor gelang, lebte der Traum von der ersten Meisterschaft seit 53 Jahren.

Mittlerweile ist die Faszination jedoch dem Verdruss gewichen. Schalke rangiert in der Bundesliga vor dem Freitagsspiel gegen den FC St. Pauli (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) auf dem vorletzten Platz und in der Champios League gab die Mannschaft durch ein verheerendes 0:0 in Tel Aviv die gute Ausgangsposition für ein Weiterkommen her.

Und mit jedem weiteren enttäuschenden Auftritt wird deutlicher, dass Raul nicht die Lösung, sondern eine der Ursachen für Schalkes Misere ist.

Voraussichtliche Aufstellungen Schalke - Pauli: Schmitz oder Escudero?

Magath fühlt sich Raul persönlich verpflichtet

In der Bundesliga erzielte er erst einen Treffer und in der Champions League überzeugte er lediglich beim 3:1 gegen Tel Aviv mit zwei Toren, weswegen das Fachblatt "Reviersport" Raul bereits als "Super-Flop" bezeichnete.

Die Leistungen sind so unbefriedigend, dass in dieser Woche über einen Verlust seines Stammplatzes spekuliert wurde - was Felix Magath jedoch entschieden dementierte.

Nach wie vor hält der Trainer seine schützende Hand über Raul, dem er sich auch moralisch verpflichtet fühlt. "Wenn eine solche Karriere bei uns einen Knick bekäme, würde ich mir das persönlich anlasten", sagte Magath nach dem Transfer und gibt damit auch die Erklärung dafür, warum er Raul taktisch von jeglicher Pflicht befreit.

Magath: "Es bleibt dabei,  dass er sich bewegen kann, wo er will. Ich käme nie auf die Idee, solch einem internationalen Klassespieler wie Raul die Spielweise vorzuschreiben. Daran werde ich nicht rütteln."

Teaminterne Diskussionen

In der Mannschaft regt sich hingegen Widerstand ob der Sonderrolle des 33-Jährigen. Sie würde "teamintern längst für Diskussionen sorgen", berichtet der "Kicker" und zitiert in dem Zusammenhang Rauls Sturmpartner Klaas-Jan Huntelaar: "Ich habe Raul auf dem Feld gesagt: Bleib' in meiner Nähe, dann wird es einfacher. Aber er spielt eben eine freie Rolle."

Das Grundproblem: Obwohl Raul nach eigenem Bekunden körperlich fit ist ("Ich fühle mich viel, viel jünger, mindestens fünf Jahre"), behagt ihm die physische Spielweise in der Bundesliga nicht. Um sich daher der rüden Manndeckung zu entziehen, lässt er sich weit ins Mittelfeld zurückfallen und bringt so das gesamte taktische Gefüge durcheinander.

Zwar erhält Raul auf diese Art mehr Ballkontakte, doch ihm fehlen schlichtweg die strategischen Fähigkeiten und die Spritzigkeit eines offensiven Mittelfeldspielers. Fast schon hilflos wirkt es, wenn er bei Ballbesitz für Schalke gelegentlich sogar auf Höhe der defensiven Mittelfeldspieler steht, um besser eingebunden zu werden.

Urvertrauen bleibt unerschütterlich

Raul selbst betont, dass er ein "Team-Player" sei: "Ich habe noch nie in meiner Karriere individualistisch gedacht, sondern immer kollektiv. Ich kämpfe für die Mannschaft und will ihr nicht nur mit Toren helfen."

Nur: Zurzeit deutet alles daraufhin, dass Raul der Mannschaft wenn überhaupt nur mit Toren helfen kann, was offenbar auch Magath einsieht. Er wolle es zwar nicht als Kritik an Raul verstanden wissen, aber "ich würde mir mehr Aktionen von ihm im Strafraum wünschen".

Sein Urvertrauen in Raul bleibt jedoch unerschütterlich. "Für mein Empfinden war er zu oft im Mittelfeld unterwegs. Das werde ich ihm sagen, darüber müssen wir reden", sagt Magath, stellt aber gleichzeitig klar, dass er Raul nur beratend zur Seite steht.

"Er kann sich weiter bewegen, wo er will. Ich gebe ihm Tipps und Hinweise, keine Anweisungen. Man muss unterscheiden, ob jemand aus der A-Jugend von Alemannia Aachen kommt oder 15 Jahre lang bei Real Madrid gespielt hat."

Parallelen zu Stuttgart mit Balakow und Soldo

Die Verbundenheit des sonst so strengen Magath wirkt kurios. Magath, der in den letzten Jahren mit Kevin Kuranyi und Edin Dzeko seine besten Stürmer öffentlich kritisierte und sogar auf die Bank setzte, wenn er es pädagogisch für notwendig hielt.

Über Raul sagt er hingegen Sätze wie "Ich messe ihn nicht an Toren!" oder "Er ist ein besonderer Spieler und wird deswegen auch anders behandelt", obwohl Magath selbst weiß: "Natürlich besteht die Gefahr, dass die Mannschaft das als Extrawurst deutet."

Doch Magath nimmt das Risiko in Kauf, weil er weiterhin davon überzeugt ist, dass sich Loyalität zu alt gedienten Spielern wie Raul schlussendlich auszahlen wird.

In Stuttgart etwa gab er den Veteranen Krassimir Balakow und Zvonimir Soldo viele Freiheiten und besprach mit ihnen sogar am Spieltag die Aufstellung.

"Raul ein vorbildlicher Spieler"

Beide bedankten sich mit anstandslosen Leistungen, der VfB kehrte in die Bundesliga-Spitzengruppe zurück und der lange als limitiert geltende Fußball-Lehrer Magath stieg in die Riege der Top-Trainer auf.

"Raul bekommt von mir keine besondere Zuneigung, sondern besonders viel Respekt. Weil er von seiner Spielauffassung, von seinem Auftreten, von seiner Persönlichkeit her ein wirklich vorbildlicher Spieler ist, an dem sich andere orientieren können."

Oder anders formuliert: Auf Schalke bleibt das Denkmal stehen - auch wenn die Zeit reif wäre für den Vorschlaghammer.

Kommentar zur Krise: Was wirklich an Schalke schockiert

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